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: Jeanne d'Arcs Sonne über Frankreich

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Ein neues Bewusstsein von der Zugehörigkeit zur Nation ist beim Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit erwacht. Es entstand aus Kriegsnot und aus der Ablehnung des feudalistischen Staates, in dem die Geschicke der Völker allein von Herrscherfamilien abhingen.

          5 Min.

          Von Eberhard König

          Ein neues Bewusstsein von der Zugehörigkeit zur Nation ist beim Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit erwacht. Es entstand aus Kriegsnot und aus der Ablehnung des feudalistischen Staates, in dem die Geschicke der Völker allein von Herrscherfamilien abhingen. Dieser Mentalitätswandel hin zu einer vom Volk gelebten Identität sollte das Ringen um die französische Krone entscheiden und die Stellung der Könige bis hin zum Absolutismus des Sonnenkönigs festigen. Ein Erbstreit hatte von 1337 bis 1453 zum Hundertjährigen Krieg geführt. Die englischen Plantagenets beharrten auf einem Erbrecht der Frauen, das Edward III. über seine Mutter Isabella von Frankreich zum Erben der Kapetinger machte. Die französischen Valois leugneten dies und ließen Philipp VI. krönen.

          Doch mit der Krönung war das in der Folgezeit nicht immer so einfach, denn dafür musste man aus Saint-Denis bei Paris die Regalien nach Reims bringen. Nach der Niederlage bei Azincourt 1415 war aber Paris an den englischen König Heinrich V. gefallen, und im Hause Valois sprach der geistesschwache Karl VI. seinem erbberechtigten Sohn die Legitimität ab, ehe er im Oktober 1422 verstarb. England behauptete weiter sein Recht auf Frankreich, hatte jedoch am 31. August 1422 seinerseits den König verloren und mit Heinrich VI. nur einen Säugling für den vereinten Thron.

          Für sieben Jahre zog sich der französische Thronfolger hinter die Loire zurück, um als König von Bourges verspottet zu werden, während Paris von den Herzögen von Bedford und Burgund beherrscht wurde. Erst Jeanne d'Arc gelang es, den Dauphin aus dem Faulbett zu reißen und ihn nach dem Sieg vor Orléans nach Reims zu bringen. Bei seiner Krönung zu Karl VII. fehlten die Regalien aus Saint-Denis, doch Jeanne d'Arc sprach nach der Krönung zu Karl: "Damit ist Gottes Freude [sie nennt es plaisir] erfüllt, der wollte, dass Ihr nach Reims kommt, um Eure würdige Krönung zu erhalten und zu zeigen, dass Ihr der wahre König seid, dem das Reich gehören muss." Christine de Pizan hielt das Ereignis so fest: "Im Jahre 1429 begann die Sonne aufs Neue zu glänzen; sie bringt eine gute neue Zeit."

          Von derartigen Ereignissen haben die Zeitgenossen in diesen Epochen keine Bilder überliefert, und seit der Revolution sind fast alle französischen Regalien verschwunden. Doch plötzlich taucht ein Objekt vom Königshof auf, das als Bildzeugnis der Zeit das Ereignis von 1429 anschaulich macht: Aus anonym bleibender Provenienz hat der Louvre gerade die rückwärtige Partie eines Thronbaldachins erworben. Dass es von irgendeinem mittelalterlichen Thron überhaupt noch so ein Stück gibt, erstaunt; und dann handelt es sich auch noch um den Baldachin Karls VII., des Siegreichen.

          Die Darstellung erscheint auf rotem Grund. Das kennt man nur von wenigen Arbeiten, darunter aber zwei unerhörte Hauptwerke der mittelalterlichen Teppichkunst: die Apokalypse in Angers und die Dame mit dem Einhorn im Pariser Cluny-Museum. Das Format ist verblüffend groß: knapp drei mal drei Meter. Darauf funkelt aus goldenen Fäden eine große Sonne, die über einen Himmel, auf dem 72 zum Teil verdeckte Sterne Platz haben, zwölf Flammen aussendet, zu denen noch sechzig gerade Strahlen hinzukommen.

          Vor diesem feurigen Himmel und den geometrisch verteilten Sternen schweben zwei Engel unter der Sonne: Ihre grün gefütterte Dalmatiken mit den fleur-de-lis der französischen Krone auf Blau, über weiß leuchtenden Alben, weisen sie als Subdiakone aus. Sie bringen eine Krone mit, wie sie samt dem Lilienkranz dem König von Frankreich gebührt. Dass die Sonne erstrahlt, ruft ins Bewusstsein, wie früh sich französische Könige schon als Sonnenkönige verstanden: Der von Wahnsinnsanfällen gepeinigte Karl VI. tat das ebenso wie sein Nachfolger Karl VII., dessen Krönung so mühsam errungen werden musste.

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