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Im Gespräch: Patrick Modiano : Wie entsteht eine Lesevergiftung, Monsieur Modiano?

  • -Aktualisiert am

Der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2014, hier auf einem vor vier Jahren in Paris aufgenommenen Foto. Bild: AP

Nach der Begrüßung in seiner Wohnung nahe dem Jardin du Luxembourg geht Patrick Modiano sofort ins Arbeitszimmer. An den Wänden, auf dem Boden, auf den Tischen - überall stehen und liegen Bücher. Und doch ist alles erkennbar geordnet.

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          Das Aufsehen in Frankreich um Ihren Erstlingsroman "Place de l'Étoile" liegt nun schon mehr als vierzig Jahre zurück. Das Buch war eine wilde Parodie des Antisemitismus mit dem jüdischen Antisemiten Raphaël Schlemilovitch als Hauptfigur. Auch wenn Sie einer der erfolgreichsten Autoren Ihres Landes sind, scheinen Sie erstaunt darüber zu sein, dass ausgerechnet dieser Titel nun doch noch auf Deutsch erscheint.

          Das ist so lange her. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, als ich das Buch schrieb - das Alter der Unvernunft und der Exzesse. Ich will nichts zurücknehmen und erkenne mich darin auch wieder, aber etwa so wie auf einem alten Foto: in den groben Zügen, nicht in den Details.

          Die Virulenz der Beschreibung, die mit dem verhaltenen Ton Ihrer späteren Bücher kontrastiert, muss aber doch ihre Gründe gehabt haben.

          Ich hatte eine chaotische Kindheit und Jugend hinter mir. 1945 geboren, war ich ein Kind des Kriegs: ein unwahrscheinliches Produkt aus lauter Zufällen und Widersprüchen. Meine Mutter war als Schauspielerin dank einem deutschen Offizier aus Belgien nach Paris gekommen und arbeitete bei der Produktionsfirma Continental in der Filmsynchronisierung. Mein Vater, ein Jude, machte dubiose Geschäfte und lebte mehr oder weniger in der Illegalität. Sie wohnten auf zwei verschiedenen Etagen am Pariser Quai de Conti, als ich klein war, und ich wurde von Internat zu Internat weitergereicht.

          Daraus allein aber lässt sich die Figur des kosmopolitischen Juden Schlemilovitch in Ihrem Buch noch nicht erklären. Er schwärmt für die Blut-und-Boden-Autoren Maurras und Barrès, schlägt seinen kommunistischen Mitschülern die Köpfe blutig und schützt sich dann mit dem Argument, im Nachkriegsfrankreich könne man doch ihm, einem Juden, keinen Prozess machen. Später heuert er für reiche Kunden in Beirut oder Konstantinopel reinblütige Französinnen aus Savoyen und der Normandie an.

           Ich hatte mir in meinen einsamen Stunden all diese rassistischen und antisemitischen Autoren der französischen Literatur einverleibt, also Céline, Brasillach, Drieu La Rochelle. Da meine eigene chaotische Existenz seinerzeit so wenig Halt und Distanzvermögen bot, habe ich mir dabei eine Art Lesevergiftung zugezogen. Das musste heraus. In jenen sechziger Jahren unter de Gaulle herrschte in Frankreich noch eine Mischung aus offizieller Wahrheit und Schweigen über die Besatzungszeit. Da stimmte erkennbar etwas nicht, und es brach aus mir hervor wie auf einem wild gewordenen Karussell der Albträume.

          Das Buch erschien ausgerechnet im Jahr 1968. In Sachen Aufbegehren waren Sie also in guter Gesellschaft.

          Ja, meine Generation war darauf aus, mit den herrschenden ideologischen Schemen zu brechen. Anders als die Zwischenkriegsgeneration war sie aber mehr an theoretisch-politischen als an literarischen Texten interessiert. So blieb ich doch ziemlich allein. Mir persönlich ging es nicht um politische Auseinandersetzung. Ich wollte eher dem angelesenen Antisemitismus noch eins draufgeben und die Sache ins Absurde treiben, mit grotesken Verzerrungen, in denen alles durcheinanderwirbelt - etwa so, wie wenn man mit hohem Fieber im Bett liegt und ein Buch liest.

          Brillante Stilimitationen von Proust, Céline und mehr oder weniger fiktiven Autoren - das müsste doch den Strukturalisten und den Leuten von "Tel Quel", die damals in Paris die Szene beherrschten, gefallen haben.

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