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Im Gespräch: Misha Baryshnikov : Wie lebt es sich auf Spitze, Herr Baryshnikov?

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Von Wiebke HüsterFRAGE: Reden wir über Ihre Herkunft - die vom Verschwinden bedrohte Gattung des klassischen Balletts, dessen größter Star Sie waren. Voriges Jahr ist Julie Kavanaghs Biographie von Rudolf Nurejew erschienen.

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          Von Wiebke Hüster

          FRAGE: Reden wir über Ihre Herkunft - die vom Verschwinden bedrohte Gattung des klassischen Balletts, dessen größter Star Sie waren. Voriges Jahr ist Julie Kavanaghs Biographie von Rudolf Nurejew erschienen. Sie beschreibt Nurejews Angst, er werde im Westen die Reinheit seiner Linie einbüßen. Ging Ihnen das auch so?ANTWORT:

          Ich bin schon im Hinblick auf Nurejew nicht einverstanden. Rudolf kam aus Russland mit seiner klassischen Basis, aber sein Tanz war hübsch schluderig, als er im Westen anfing. Es gibt russisches Filmmaterial, das ihn etwa in "La Bayadère" und in "Schwanensee" zeigt, weit entfernt von Vollkommenheit! Erst nach ein paar Jahren im Westen, insbesondere durch die Arbeit mit Frederick Ashton und Kenneth MacMillan und dadurch, dass er einige britische Tänzer beobachtete, war er wirklich korrekt plaziert und tanzte mit der wünschenswerten Klarheit der Positionen. Bis dahin war sein Tanzen fesselnd, und manchmal waren seine Vorstellungen auch technisch brillant - aber manchmal waren sie auch lausig.

          FRAGE: Weil er so stimmungsabhängig war?

          ANTWORT: Nein, das hatte mit seinem Training zu tun. Er hat sehr spät angefangen als Kind. Aber es hatte auch mit seiner Emotionalität zu tun. Es mangelte ihm an Selbstbeherrschung. Sie müssen kühl bleiben, um sauber zu tanzen. Aber sicher wurde Rudolf im Westen ein besserer Tänzer, als er in Russland je gewesen war. FRAGE:

          Warum hat Balanchine mit Ihnen so gerne gearbeitet, mit Nurejew aber nicht?

          ANTWORT: Ich habe akzeptiert, ein Mitglied des Ensembles zu werden. Rudolf wollte das nie. Und er ging damit offen um. Auf eine Art hat Balanchine ihn dafür bewundert. Ich kann das nicht alles für Sie tanzen, hat Rudolf zu ihm gesagt, da zerstöre ich meinen Körper. Ich mache "Schwanensee" und "Giselle" woanders, aber wenn ich will, komme ich zu Ihnen, und dann choreographieren Sie für mich. Das kann man mit Balanchine nicht machen. FRAGE:

          Warum haben Sie nicht diese Starnummer gemacht?

          ANTWORT: Weil ich erkannt hatte, dass ich etwas lernen musste. Ich wusste, meine Zukunft liegt nicht im klassischen Ballett. Ich liebe die klassische Schule, die klassische Sprache mehr als alles andere. So wie Balanchine. Aber kaum je sehe ich noch die Implementierung dieses Stils in vollkommener Form. Ich habe meine letzte Giselle-Vorstellung gegeben, bevor ich vierzig wurde. Dann fing ich an, ganz andere Arbeiten zu tanzen. Einige der klassischen Produktionen habe ich am American Ballet Theatre einstudiert, das war eine Notwendigkeit. Manche waren besser, manche schlechter, aber als Tänzer war ich von ihnen total gelangweilt. Die Idee, diese Ballette bis zum Ende meiner Karriere tanzen zu müssen, machte mich fertig.

          FRAGE: Waren Ihre schönsten klassischen Vorstellungen sowieso schon Erinnerung, als Sie in den Westen flüchteten?

          ANTWORT: Ich hatte außergewöhnliche Begegnungen auf der Bühne. Ich habe mit Natalya Makarova getanzt, mit Gelsey Kirkland, Lynn Seymour, Antoinette Sibley, Margot Fonteyn. Aber ich wusste, meine Zukunft ist nicht das klassische Ballett.

          FRAGE: Dann wurden Sie Ballettdirektor am American Ballet Theatre. Haben Sie das gemocht?

          ANTWORT: Zunächst einmal konnte ich den Tänzern helfen, eine neue Sicht auf die Klassiker zu gewinnen. Ich konnte nicht versuchen, sie wie russische Tänzer aussehen zu lassen, weil das unmöglich war, aus denselben Gründen wie Balanchine: Sie brauchen eine dreihundert Jahre lange Schultradition, um das zu erreichen. FRAGE:

          Nach zehn Jahren kehrten Sie der Compagnie den Rücken. Warum?

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