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Im Gespräch: David Grossman : Wann wird Israel Frieden finden, Herr Grossman?

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Von Felicitas von LovenbergFRAGE: Herr Grossman, wann wussten Sie, dass Sie Schriftsteller sind?ANTWORT: Das ist eine sehr lange Geschichte; ich will versuchen, sie kurz zu machen. ANTWORT: Es hat damit zu tun, dass ich bereits als kleiner Junge beim Radio arbeitete.

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          Von Felicitas von Lovenberg

          FRAGE: Herr Grossman, wann wussten Sie, dass Sie Schriftsteller sind?

          ANTWORT: Das ist eine sehr lange Geschichte; ich will versuchen, sie kurz zu machen. ANTWORT: Es hat damit zu tun, dass ich bereits als kleiner Junge beim Radio arbeitete. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, gab mir mein Vater ein Buch von Scholem Alejchem mit den Geschichten von Motl, dem Sohn des Kantors Peijser, einem Waisenkind im Schtetl. Eigentlich war ich ein typisches Kind des neuen Israel, begeistert von unserer Armee und den Generälen. Doch plötzlich erfuhr ich von einer anderen Art jüdischen Lebens, von Juden in der Diaspora - und begriff erstmals, dass nicht alle Menschen Juden sind, erfuhr, was ein Ehestifter ist und ein Priester und ein Pogrom . . . Da, hören Sie die Glocken? Sie werden auf Ihrem Band sein.

          FRAGE: Wie schaffen Sie es, sich die Verletzlichkeit zu bewahren, offen zu bleiben für die Charaktere und Schicksale Ihrer Romane und sich nicht von der Apathie anstecken zu lassen? Verleiht Ihnen erst das Schreiben diese Fähigkeit - oder ist Ihre Empathie der Grund dafür, dass Sie Schriftsteller geworden sind?

          ANTWORT: Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt beantworten kann. Sie wissen, was meiner Familie zugestoßen ist. (David Grossman meint den Tod seines Sohnes Uri im Libanon-Krieg 2006 durch eine Rakete der Hizbullah.) Seither kenne ich die Versuchung, mich durch Abstumpfung zu schützen, nur zu gut. Aber ich will nicht, dass es so weit kommt. Ich möchte mich den Empfindungen weiterhin aussetzen, und das geht eben nur, wenn ich ungeschützt bin. Manchmal fragen mich Leser, ob ich gestärkt aus einem Buch hervorgegangen bin, zumal aus "Eine Frau flieht vor einer Nachricht". Ich möchte aber nicht stärker, sondern schwächer durch meine Bücher werden. Wenn ich also dazu verurteilt bin, an den schrecklichsten aller Orte zu gehen, dann werde ich es tun - und erzählen, wie es dort ist. Das kann mir niemand abnehmen. Indem ich über Trauer und Verlust schreibe, kann ich zwar die Wirklichkeit nicht verändern, ich kann niemanden zurückbringen, aber ich bin auch kein Opfer meiner Angst und meiner Trauer.

          FRAGE: Die politische Realität Israels bildet den denkbar größten Gegensatz zum Offenen, Seelenvollen Ihres Werks. Schmerzt es Sie, dass die Linke derart an Rückhalt verloren hat?

          Ja, von der Linken ist nicht mehr viel übrig. Aber man kann es den Menschen nicht verdenken. Viele haben aufgegeben. Entflammt und vereint in ihren Ängsten, ist es viel leichter, sich dem rechten Flügel anzuschließen. Da bekommt man alle Antworten und ist unter seinesgleichen. Heute als Israeli noch links zu sein ist anstrengend. Die Herausforderung besteht darin, sich der Situation in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit auszusetzen, den Frieden mit ganzer Kraft zu befürworten - und sich zugleich bewusst zu sein, dass selbst diese Haltung unsere Zukunft womöglich nicht garantiert. Aber der andere Weg, nämlich der, keinen Frieden zu haben, wird erst recht nichts erreichen. Wir müssen für die Rechte der Palästinenser kämpfen, selbst wenn sie schreckliche Dinge tun. Dafür aber muss man sie auch kritisieren. Die Bewegung ist sehr kompliziert.

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