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: HEUTE MORGEN

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In der Reihe "Kulturjubiläen, die keiner braucht" sollte man, ehe das Jahr zu Ende geht, darauf hinweisen, dass vor vierzig Jahren Robert Smithson sein "Spiral Jetty" in den Salt Lake in Utah gebaut hat.

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          In der Reihe "Kulturjubiläen, die keiner braucht" sollte man, ehe das Jahr zu Ende geht, darauf hinweisen, dass vor vierzig Jahren Robert Smithson sein "Spiral Jetty" in den Salt Lake in Utah gebaut hat. Wem das momentan nichts sagt, weil er immer noch mit Weihnachtseinkäufen beschäftigt ist, dem sei auf die Sprünge geholfen: Smithson war einer der führenden Vertreter der Land Art in den späten Sechzigern, und die spiralförmige Basalt-Aufschüttung, die wie ein Steg einen halben Kilometer in den Salzsee ragt, gilt als sein Hauptwerk. Sinn oder Unsinn dieses Kunstwerks sollen hier gar nicht diskutiert werden - schließlich wollen wir uns zu Weihnachten nicht in die Haare geraten. Es geht um eine irgendwie besinnliche Note.

          Dazu muss man Bob Phillips ins Spiel bringen, den Angestellten eines Bauunternehmers in Utah, der im März 1970 einen Anruf von einem Typen bekam, der ihm als Rumtreiber angekündigt worden war. Als er Smithson traf, wusste er jedoch gleich, dass der kein Rumtreiber war, obwohl er aussah wie die Typen in "West Side Story". Der Künstler zeigte ihm auf Fotos, was er bislang so gemacht hatte, und Phillips verstand zwar nicht ganz, was in aller Welt Erdlöcherbuddeln mit Kunst zu tun haben soll, aber die Ernsthaftigkeit des Mannes gefiel ihm.

          Philips hatte bislang vor allem Deiche im Salt Lake gebaut, und die anderthalb Kilometer lange Felsspirale war auch nur ein weiterer Auftrag, wenn auch ein komplizierter. Er forderte von dem Künstler genauere Planungsskizzen, machte einen Kostenvoranschlag - und rief bei Smithsons Galerie an, ob der Scheck überhaupt gedeckt sei. Und obwohl sein Chef der Sache nicht traute, bauten sie das Ding, mit Hilfe eines Mannes, den alle in der Gegend nicht ohne Grund Boozie nannten, der aber seinen Schaufelbagger beherrschte wie kein anderer. Und als sechs Tage später alles fertig war, schaute Phillips auf den Deich - und konnte nicht fassen, wie schön er war. Eine spiralförmige Mole im Nichts. Ohne Sinn, nur schön.

          Irgendwann später kam Smithson mit dem Film, den er über das Projekt gedreht hatte, um ihn dem Bauunternehmer und seinen Leuten vorzuführen, und Phillips war es irre peinlich, dass von den vierzig Leuten nur zehn den Film zu Ende sahen. Aber eine Buchhalterin kam und dankte ihm für das Erlebnis. Also dachte er: "Immerhin gibt es jemanden, der verstanden hat, worum es geht."

          Zwei Jahre später kam Smithson nochmal nach Utah und fragte Phillips, ob er mit zum "Spiral Jetty" käme. Aber Phillips jüngster Sohn war gerade geboren, und er konnte nicht weg. Noch Jahrzehnte später grämte er sich: "Ich hatte die Gelegenheit, mit einem Genie Zeit zu verbringen und habe abgelehnt." Ein Jahr später stürzte Smithson auf der Suche nach neuen Orten für seine Kunst ab.

          Ist nur so eine Geschichte. Hat mit Weihnachten nichts zu tun. Nur mit Demut. Frohes Fest!

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