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: Gen Westen

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Radek ist ein Mann aus dem Volk. Zumindest an diesem Tag. Radek wankt. Radek lallt: "Musste feiern." Hanna Volskaja dreht den Kopf zur Seite, um der kräftigen Alkoholfahne zu entgehen. "Gott, Radek! Was hast du gesoffen? Diesel? ...

          7 Min.

          Von Ingo Petz

          Radek ist ein Mann aus dem Volk. Zumindest an diesem Tag. Radek wankt. Radek lallt: "Musste feiern." Hanna Volskaja dreht den Kopf zur Seite, um der kräftigen Alkoholfahne zu entgehen. "Gott, Radek! Was hast du gesoffen? Diesel? Hast du überhaupt geschlafen?", schimpft die Frau mit den langen pechschwarzen Haaren. "Geschlafen? Nee. Noch nicht. Aber gleich." "Los, rein in den Bus", befiehlt Hanna, "wie willst du heute Abend bloß Trompete spielen? Wir müssen los. Das Konzert beginnt in vier Stunden." Radek stolpert in den VW-Bus, Igor, der Fahrer, lässt den Motor an. Die Fahrt beginnt.

          Sie geht vorbei an den neuen Satellitenstädten, die am Rande von Minsk entstehen. Dutzende Kräne inmitten von unzähligen Baustellen, aus denen neue Hochhäuser emporragen, erzählen vom weißrussischen Wirtschaftswunder. Billiges Öl und Gas aus Russland haben den Staatssozialismus von Staatspräsident Aleksandr Lukaschenka möglich gemacht. Nun aber steckt das Land in der tiefsten Krise seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991. Die Nachrichten verkünden, dass die Nationalbank sich weiterhin weigert, den weißrussischen Rubel abzuwerten. Die Devisen schwinden rasant. "Es geht bergab für uns", ruft der Fahrer, "aber das sind wir gewohnt. Das ist unser Weg. Runter. Rauf. Runter. Rauf."

          Die Gruppe ist auf dem Weg nach Grodno, einer alten Stadt im Westen des Landes, die an der Grenze zu Polen liegt. Radek ist der Trompeter von Krambambulya, einer der bekanntesten weißrussischen Bands, die mit ihrer Mischung aus Ska, Punk, Rock und folkloristischen Elementen die weißrussische Sprache und Kultur auch zu denen in die Häuser gebracht hat, die russisch denken und sprechen. Und das sind die meisten in Weißrussland. Vorne im Bus sitzt Kolja, der Posaunist. Der Rest der Gruppe ist bereits auf dem Weg.

          Hanna ist die Managerin der Band, und sie ist die Frau des Bandgründers Ljavon Volski. Der ist seit 25 Jahren eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der weißrussischen Kultur. Zu Sowjetzeiten zählte das Weißrussische, das auch durch das Polnische, Baltische oder auch Jiddische geprägt ist, nicht viel. Es galt als Kultur der Bauern. Ein guter Kommunist sollte Russisch sprechen. Und die Weißrussen waren besonders gute Kommunisten. Schließlich hatten sie der sowjetischen Planwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg die Modernisierung und Industrialisierung ihrer Heimat zu verdanken und damit einen vergleichsweise hohen Lebensstandard.

          Mit seinen Bands, seinen Liedern und seiner Kunst hat Volski der weißrussischen Kultur neues Leben eingehaucht. Da das Land von einer neosowjetischen Elite regiert wird, die weißrussische Kultur und Sprache für Ausgeburten der Opposition hält, gilt Volski auch als eine der Ikonen der alternativen Kulturbewegung. Die kämpft seit sechzehn Jahren gegen das Regime von Lukaschenka, mit Literatur, Ironie, Musik und Mut. "Bei uns gibt es keine Rockstars, die teure Autos fahren, große Häuser haben und viel Geld verdienen", sagt Hanna. Bis Ende 2007 waren viele der bekanntesten Bands verboten und durften in ihrem Land keine Konzerte mehr geben. Im März ist nun wieder eine schwarze Liste aufgetaucht, auf der Filmemacher, Schriftsteller und Bands stehen, die dem Regime als unerwünscht gelten. Auch Krambambulya steht darauf, Volski als Solokünstler allerdings nicht. Deswegen kann er mit seinem Soloprogramm auf Tournee gehen. Die Band, die ihn dabei unterstützt, ist dieselbe, die unter dem Namen Krambambulya auftritt. "Diese Liste ist absurd", sagt Hanna, "ich weiß gar nicht, nach welchen Kriterien die Verbote beschlossen wurden."

          Auf dem Weg nach Westen also. Die Straßen sind gut. Und die Landschaft ist schön. Birken- und Tannenwälder, Seen, Weiden, Dörfer, immer wieder Dörfer mit alten Holzhäusern und schönen Blumengärten. "Auf dem Dorf blühen wir auf", sagt Hanna, "das ist unsere Kultur, das ist unser Leben. Dort, wo die Apfelbäume sind und die Wiesen."

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