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: Francos Putsch und Papstes Segen

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Eigentlich musste der Papst als oberste moralische Autorität Mussolinis Aggression als ungerechten Krieg öffentlich und feierlich verurteilen. Andererseits musste er als Oberhaupt des 1929 durch die Lateranverträge gerade erst wiedererrichteten Vatikanstaats Rücksicht auf seinen faschistischen Vertragspartner nehmen. Nach der offiziellen, vom Staatssekretariat vorgegebenen Politik durfte der Papst nicht reden, obwohl er moralisch dazu verpflichtet gewesen wäre. Offiziell also schwieg er.

Dabei hatte der spontane Pius XI. am 27. August 1935 in Castel Gandolfo vor zweitausend katholischen Krankenschwestern durchaus geredet. Den Eroberungskrieg Mussolinis nannte er einen "ungerechten Krieg", "eine Angelegenheit, die jedes Vorstellungsvermögen übersteigt, äußerst trübsinnig, äußerst traurig, eine Sache von unsagbarem Schrecken".

Dass der Papst eindeutig von einem "guerre injuste" sprach, belegen stenographische Mitschriften mehrerer Zeitungskorrespondenten, die in ihren Blättern auch entsprechend berichteten. Der offizielle Text der Rede, der am 29. August auf Französisch und am 1. September im "Osservatore Romano" auf Italienisch erschien, enthielt diese Passagen, die den Abessinien-Krieg als ungerechten Krieg verurteilten, jedoch nicht mehr. Nach Auskunft des Tagebuchs von Tardini hatte Giuseppe Pizzardo, Sekretär der Kongregation für die Außerordentlichen Kirchlichen Angelegenheiten, den Text gründlich überarbeitet: "Hier wurde ein Wort gestrichen, da ein anderes hinzugefügt, hier ein Satz modifiziert, da ein anderer unterdrückt. Insgesamt erreichten wir durch eine subtile und methodische Arbeit eine ziemliche Abschwächung der Brutalität des päpstlichen Denkens." Pius XI. gab zu diesem diplomatisch entschärften Text schließlich seine Zustimmung. Als der Krieg zu Ende war, sollte der Papst am 12. Mai 1936 dann sogar zum Sieg

"eines großen und guten Volkes" gratulieren.

Wenn der Papst die Gewalt im mexikanischen Bürgerkrieg delegitimierte und den Abessinien-Krieg zumindest hinter vorgehaltener Hand als ungerecht verurteilte, wieso rechtfertigte er dann später den Militärputsch Francos als "gerechten Krieg"? Zunächst zeigt die Entstehungsgeschichte der Ansprache vom 14. September 1936 eine Reihe von Besonderheiten. Während Pius XI. ansonsten oft spontan sprach, war diese Rede genau vorbereitet. Die Akten des Staatsekretariates belegen, dass die einschlägigen Passagen zum "gerechten Krieg" auf Kardinalstaatssekretär Pacelli zurückgehen. Außerdem hatte man für die Spanier, die nach Castel Gandolfo kamen, eine spanische Übersetzung der Rede des Papstes vorbereitet, die dort verteilt wurde. Man wollte offenbar sichergehen, dass sie den italienisch sprechenden Papst auch genau verstanden: Die Kurie legitimiert den Putsch Francos gegen die gewählte Regierung als gerechten Krieg - das war die Botschaft.

Allerdings waren die Reaktionen der Kurie auf den Putsch wesentlich differenzierter und zurückhaltender als die eindeutigen Stellungnahmen des spanischen Episkopates. Primas Gomá sprach nach der Rede von Castel Gandolfo sogar von einem notwendigen "Religionskrieg". So weit ging der Vatikan nicht, aber unter der Leitung Pacellis entfernte sich die Kurie auf diplomatischer Ebene immer mehr von der Spanischen Republik.

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