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: Die Witwenklage

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Witwen von Kriegsopfern verklagen den niederländischen Staat" - wenn dieser Tage in Holland kurzzeitig solche Schlagzeilen auftauchen, werden wohl die meisten Leser an den Zweiten Weltkrieg denken. Derzeit steht ja in Aachen der ...

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          Von Dirk Schümer

          Witwen von Kriegsopfern verklagen den niederländischen Staat" - wenn dieser Tage in Holland kurzzeitig solche Schlagzeilen auftauchen, werden wohl die meisten Leser an den Zweiten Weltkrieg denken. Derzeit steht ja in Aachen der achtundachtzigjährige niederländische Nazi-Kollaborateur Heinrich Boere vor Gericht, der während der Besetzung Hollands durch die Deutschen als Mitglied eines SS-Killerkommandos drei Niederländer erschoss - und dies mit dem Hinweis auf vermeintlichen Befehlsnotstand auch freimütig zugibt. Die aktuelle Klage, endlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verantwortung für Kriegsgreuel zuzugeben, richtet sich jedoch nicht gegen den deutschen, sondern den niederländischen Staat und kommt diesmal von ganz unerwarteter Seite: Vertreten durch die Anwältin Lisbeth Zegveld, verlangen neun Frauen und ein Mann von der indonesischen Insel Java ihr Recht.

          Die Rede ist von ihrem Dorf Rawagede in West-Java, wo sich am 9. Dezember 1947 das wohl übelste Massaker an der Zivilbevölkerung im indonesischen Unabhängigkeitskrieg ereignete. Auf der Suche nach dem Guerrillakrieger Lukas Kustario fielen niederländische Truppen im Dorf ein; als sie weder Waffen noch Kämpfer fanden, trieben sie die männliche Dorfbevölkerung, auch Halbwüchsige und Kranke, zusammen und schlachteten 431 Bewohner ab. Das Verbrechen wurde seinerzeit zwar in einem empörten UN-Bericht als "mitleidlos" bezeichnet, doch kamen der damalige Oberbefehlshaber und der Generalstaatsanwalt in Den Haag überein, von jeglicher Strafverfolgung abzusehen.

          Die Morde von Rawagede, die in Indonesien jedes Kind in der Schule als ungesühnt kennenlernt, sind in Holland kaum bekannt. Nicht einmal der verantwortliche Major Wynen wurde jemals zur Verantwortung gezogen. Weil der niederländische Staat sich bis heute weigert, die Taten als Kriegsverbrechen anzuerkennen oder auch nur eine förmliche Entschuldigung zu erwägen, haben die Opfer nach zweiundsechzig Jahren nun den Rechtsweg eingeschlagen.

          Im Ausland hat man angesichts der Dimension der deutschen Verbrechen und der entsetzlichen Deportation der niederländischen Juden beinahe vergessen, dass der Zweite Weltkrieg für die Holländer Anfang Mai 1945 nicht vorbei war, sondern in Ostasien gegen die Japaner direkt weiterging. Die hatten das niederländische Kolonialgebiet, das riesige Inselreich Indonesien, 1942 besetzt und dreihunderttausend Niederländer in Lagern festgehalten; viele wurden gefoltert, viele starben. Was lag da näher, als gleich nach dem Kriegsende in Europa Freiwillige für den Kampf in Fernost anzuwerben? Als Japan am 17. August 1945 nach dem Abwurf zweier Atombomben kapitulierte, waren 25 000 holländische Kriegsfreiwillige aus dem hungernden und ausgeplünderten Vaterland bereits unterwegs nach Indonesien. Dort hatte sich die Konstellation geändert: Unabhängigkeitskämpfer hatten im Vakuum der japanischen Kapitulation die Macht übernommen und brachten sich in Gefechten gegen britische und australische Kolonialtruppen in den Besitz immer neuer Territorien des riesigen Inselreiches.

          In der Rückschau wirkt es anachronistisch, dass das kleine, im Krieg ausgeblutete Holland weiterhin die Macht über Tausende von Inseln mit einer Fläche, groß wie ganz Europa, halten wollte. Doch hatten die Niederlande seit den großen Tagen der Ostindischen Compagnie im siebzehnten Jahrhundert das lukrative Kolonialreich nicht erfolgreich zusammengehalten? Bald verschickte die Regierung Schermerhorn/Drees in großer Zahl Wehrpflichtige nach Indonesien. Dafür setzte sie 1946 eine hurtige Verfassungsänderung durch, so dass bis 1949 knapp hunderttausend junge Männer - oft gegen ihren Willen - in einen blutigen Kolonialkrieg geschickt wurden. Streiks und Demonstrationen gegen den "Fleischtransport Amsterdam-Batavia" wurden von der Polizei mit Gewalt unterdrückt. Wer sich aus Gewissensgründen weigerte, gleich nach der Besetzung durch die Deutschen selbst in ein Land militärisch einzumarschieren, wurde zu Zuchthaus verurteilt und auch später im bürgerlichen Leben niemals rehabilitiert. Wer gegen den Kolonialkrieg war, galt in Holland als Deserteur und war gesellschaftlich lebenslang erledigt - eine schlimmere Strafe, als sie die meisten niederländischen NS-Kollaborateure traf.

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