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: Der Demiurg am Rechner

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Einst äußerte der Graf gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden ...

          6 Min.

          Von Dieter Bartetzko

          Einst äußerte der Graf gegen Bach, dass er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, dass er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte." Fast jeder, der die Goldberg-Variationen liebt, kennt auch ihre Entstehungsgeschichte rund um den Grafen Keyserlingk und dessen Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg. Was allerdings ihre Eignung als Aufheiterungsmittel angeht, dürfte es so viele Meinungen wie Hörer geben. Musik, man kann noch so viel über sie lehren und lesen, schreiben und berechnen, ist nun einmal Gefühlssache. Und wie jedes Gefühl entzieht sie sich der endgültigen, eindeutigen Festlegung.

          So denkt man - und steht dann fassungslos vor einem "Goldberg-Variationen" betitelten ellenlangen edlen Papierbogen, auf dessen Oberfläche die Spektralfarben in allen erdenklichen Varianten und doch faszinierend harmonisch changieren. Ist der Grundton blauviolett? Oder überwiegt türkisgrün? Vielleicht doch korallenrot? Je nachdem, wohin das Auge gleitet, ändert sich der Gesamteindruck, obwohl die rechtwinklig gerasterte Grundordnung eine unerschütterlich starre Struktur suggeriert.

          Wer malt derart unstete verwirrende Kompositionen? Gerhard Richter? Oder ist diese kolorierte Zerreißprobe zwischen Dressur und Ekstase ein bisher unbekannter später Paul Klee? Was aber, wenn es einem wie 1992 den gutwilligen ahnungslosen Zuhörern ginge, die auf Hape Kerkeling hereinfielen, als er in der Maske eines avantgardistischen polnischen Opernsängers und Komponisten sein von den schrillen Dissonanzen eines Flügels begleitetes "Hurz" kreischte, das die Genasführten ehrfurchtsvoll als experimentelle Komposition Neuer Musik akzeptierten?

          Das dezente Summen mehrerer Computer holt auf den Boden der Tatsachen zurück. Vor einem davon steht Benjamin Samuel Koren, Computerspezialist und Schöpfer dieser farbigen Goldberg-Variationen. Monatelang hat er über Bachs Noten und Takten gebrütet, sie chiffriert, mit Farbwerten kombiniert, programmiert und schließlich vom Computer den barocken musikalischen Zauber in einen Rausch der Farben transponieren lassen.

          Auch nach zwanzig Minuten höchster Konzentration, während denen Koren geduldig und um Verständlichkeit bemüht seine Vorgehensweise erklärt, bleibt dem Zuhörer das Ganze ein Rätsel und das Bild ein faszinierendes Erlebnis. Das gilt ebenso für - soll man sie Bilder nennen? Drucke? Analysen? eine Spielart von Hologrammen? - Korens Computerschöpfungen namens DAX30/2008 und DowJones. Anders als bei seinen fest konturierten Goldberg-Variationen ist hier der malerische Duktus - kann man das bei einer Maschine überhaupt sagen? - eher impressionistisch weich. Die Farben gleiten ineinander, man denkt an kostbare fließende Seide, an Ausschnitte aus Monets Seerosenbildern, in prosaischeren Sekunden auch an Unterwasserkameras mit gestörter Optik oder an LSD. Aber dass dieses sanfte Fluten die Nervenzuckungen des Kapitalismus wiedergibt, das hätte man nie gedacht.

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