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: Der Demiurg am Rechner

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Unsereinem, dem die Fachbegriffe durch den Kopf wirbeln wie Zahlenkolonnen durch defekte Festplatten, fallen nur noch Begriffe wie Sphärenmusik ein und die kristallinen, nach festen Regeln und auf exakt festgelegten Bahnen kreisenden Rundkörper der pythagoräischen Kosmologie. Damit wäre das Bild vom Träumer komplett, der, zwei Schritte von Frankfurts Konjunktur-Veitstänzen entfernt, im Schutz des Palmengartens am Computer dem längst versunkenen Abendland nachsinnt - so immun gegen Zufälle wie vor dreitausend Jahren Pythagoras an seiner Kristallkugel. Aber unten, rechter Hand vom antikischen Portal der Villa, steht auf dem Schild von Korens Unternehmen "1:One GmbH" die Formel "Geometric complexity" zu lesen.

Man mag genervt auf die typischen Amerikanismen des internationalen Managements reagieren, aber in diesem Fall sind sie berechtigt: Koren und seine Mitarbeiter sind weltweit tätig. Ihre derzeit wichtigsten Projekte sind der "Louvre Abu Dhabi" vom Konzerthausspezialisten Jean Nouvel, die Philharmonie in Paris, gleichfalls von Nouvel, und die Elbphilharmonie Hamburg, für die Herzog & de Meuron aus Basel zuständig sind.

Ein Blick auf die Computersimulationen dieser Architekten, und man begegnet Korens 3D-Formen wieder. Zwar hat der Programmierer die Bauten nicht entworfen, aber ohne ihn, so wird bald klar, wären sie nicht im Bau. Das Büro 1:One nämlich berechnet sämtliche technischen Daten, die Maße, die Volumina samt den Schwüngen, Sprüngen, Schrägen und Kurven der Außen- und Innenräume. Erst mit ihnen können Modellbauer und Schreiner Modelle erstellen, ohne die wiederum die Architekten und Bauunternehmen nicht arbeiten könnten. Wichtiger noch: nur anhand mikrometergenauer Modelle können stichhaltig die Realitätstauglichkeit der Entwürfe, ihre Anmutung, ihr Standvermögen, ihre Lichtverhältnisse und, in diesen Fällen besonders wichtig, ihre Akustik geprüft werden.

Was diese lapidaren Feststellungen wirklich bedeuten, macht Benjamin Koren am Beispiel des Louvre Abu Dhabi klar: Nouvel hat ihn als eine elegant-lässige Ansammlung weißer Pavillonkuben auf der Saadiyat-Insel (Insel des Glücks) entworfen, überspannt von einer metallenen Kuppel, die sich wie ein hybrider Wiesenchampignon spreizt. "Dom" nennt der Architekt dieses architektonische Capriccio, zu dem ihn die traditionellen überkuppelten Lehmbauten Arabiens inspiriert haben. Den eher trivialen Einfall verfeinerte er mit der Idee, seine Kuppel nach dem Vorbild der reizvollen Schattenspiele von Palmwedeln auf Wüstensand zu perforieren und so die Kunstpavillons und ihre Vorplätze in das gleiche Helldunkel-Gespinst zu tauchen.

Für 1:One hieß das, ein Lichttestmodell anzufertigen - mehrere Schichten aus Aluminiumgeflecht, zusammengefasst von einem Edelstahlrand und zusammengesetzt aus trapezoiden Einzelteilen, von denen ein jedes infolge der Kuppelkrümmung seine eigenen Maße erforderte. Fünfzehntausend Einzelteile

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