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: Das Kabinett des Direktor Fragonard

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Ein Pferd im Galopp, auf ihm ein Reiter. Beide stillgestellt, und beide ohne Haut. Stattdessen freigelegte Muskeln, Sehnen, Gefäße in verschiedenen Farben. Die Körper wie zerschlissen, mit Durchblicken auf darunter liegende Schichten, ...

          Von Helmut Mayer

          Ein Pferd im Galopp, auf ihm ein Reiter. Beide stillgestellt, und beide ohne Haut. Stattdessen freigelegte Muskeln, Sehnen, Gefäße in verschiedenen Farben. Die Körper wie zerschlissen, mit Durchblicken auf darunter liegende Schichten, auf die Knochen des Skeletts, zwischen Gewebefragmenten, die von verschiedenen Bewegungen erfasst scheinen. Im ausgeschälten Schädel des Reiters Augen aus Emaille.

          Gegenüber ein aufrecht Stehender, genauso zugerichtet, der Ausdruck seines von Gefäßen wie überwuchert wirkenden Gesichtsschädels herausfordernd. Man blickt ihm in den Brustkorb, in den Unterleib, und in seiner rechten Hand hält er den Unterkiefer eines Pferdes. Und dann noch ein Kopf, oder besser eine anatomisierte Büste, ohne künstliche Augen diesmal, aber mit Hautfragmenten, die so über den sezierten, teilweise abgetragenen Schädel gelegt sind, dass sich der kokette Eindruck einer Maske ergibt, während die in offener Stellung fixierten Lippen dem Ganzen eine unbestimmt dramatische Wirkung geben.

          Auf diese Objekte trifft man, wenn man das kleine Musée de l'École Vétérinaire in Maisons-Alfort im Norden von Paris schon fast durchmessen hat. Sie sind immer noch eine Attraktion der Sammlung, die zu den ältesten Frankreichs gehört. Obwohl sich in ihr, die aus dem anatomischen Kabinett der 1766 eingerichteten Ausbildungsanstalt hervorgegangen ist, auch sonst genügend Merkwürdiges versammelt.

          Wenn man vor dem Reiter und den anderen "Écorchés" steht, dann hat man im Betrachten der Vitrinen in den ersten beiden Sälen schon einiges hinter sich gebracht: "Gipsabdrücke der verschiedensten Wiederkäuer- und Nagergebisse, Nierensteine, so groß und sphärisch perfekt wie Kegelkugeln ... der blassblaue Fötus eines Pferdes, unter dessen dünner Haut das zur besseren Kontrastierung eingespritzte Quecksilber durch Aussickerung eisblumenähnliche Muster gebildet hatte, Schädel und Skelette verschiedenster Kreaturen, ganze Eingeweidesysteme in Formaldehyd, pathologisch verformte Organe . . . Bronchienbäume, von denen manche drei Fuß hoch waren und die in ihrer versteinerten, rostfarbenen Verzweigtheit Korallengewächsen glichen, sowie in der teratologischen Abteilung Monster jeder nur denkbaren und undenkbaren Art . . . ein zehnbeiniges Schaf und Schreckensgeschöpfe, die kaum aus mehr als einem Fellfetzchen, einem verbogenen Flügel und einer halben Klaue bestanden."

          So beschreibt W. G. Sebald gegen Ende seines Romans "Austerlitz", was die Titelfigur auf ihrem Gang durch das Museum in Alfort sieht, und gliedert dadurch den Ort in seine Erinnerungs- und Todestopographie ein.

          Diese Passagen zeigen zugleich, dass die Sammlung anatomischer Präparate nicht einfach von Anteilen zu trennen ist, die sich auch dem Kuriositätenkabinett zuschlagen lassen. Die Trennlinie war in ihrer frühen Geschichte, insbesondere wenn es um die Pathologien ging, unter die sich auch die Monster reihen ließen, nicht klar gezogen. Doch weitaus am entsetzlichsten sei eben, so lässt Sebald seinen Austerlitz urteilen, was den Besucher zuletzt erwarte: die Figur des Reiters inmitten der anderen Écorchés.

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