https://www.faz.net/-1w7-7hnv3

Von Kirchhof bis Lucke : Professoren in der Politik

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter v. Tresckow

Schon mancher Wissenschaftler ist an der politischen Praxis gescheitert. Andere fühlen sich dort wohl. Auch diesmal haben wieder einige Akademiker den Sprung gewagt.

          5 Min.

          Als Bernd Lucke seinen großen Fernsehauftritt bei Maybrit Illner hatte, gab es für die Zuschauer ein Déjà-vu-Erlebnis. Sein Nebenmann nannte ihn beharrlich „Herr Professor Dr. Lucke“, was nicht als Geste der Höflichkeit gemeint war. Professor Dr. Weltfremd, wollte er damit wohl sagen. Es war so, wie im Jahr 2005, als der Juraprofessor Dr. Paul Kirchhof Finanzminister werden wollte. Die Härten politischer Rhetorik bekam Bernd Lucke, der Professor aus Hamburg, vor laufenden Kameras schon im März bei Anne Will spüren, als er mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsident Edmund Stoiber über die Euro-Rettung stritt. Die Gegensätze waren nicht zu übersehen. Auf der einen Seite Stoiber, der leidenschaftlich für den Euro argumentierte und in Rage geriet. Auf der anderen Seite der Ökonom Lucke, der vergleichsweise ruhig blieb, sachlich und ebenso kühl wie steif wirkte. Ein sich zuspitzendes Szenario, dass in Stoibers Versuch, Lucke zu unterbrechen, gipfelte: „Schon wieder so ein Professor. Da hat der Schröder schon recht gehabt“, warf der CSU-Politiker schließlich abfällig ein, ganz so, als sei das allein ein schlagkräftiges Argument.

          An diesem Sonntag war es wieder ein Professor, der die etablierten Politiker aufmischen will: Bernd Lucke von der Partei Alternative für Deutschland, kurz AfD. Nur ganz knapp verpasste die Partei letztlich den Einzug in den Bundestag. Ein großer Achtungserfolg für Lucke,  dessen Beruf sein Markenzeichen geworden ist. In den Medien wird er abwechselnd als akademischer Chef der Anti-Euro-Partei und besserwissender Professor bezeichnet. Anscheinend kommt ihm das Gelehrten-Etikett in seiner Rolle als Fundamental-Oppositioneller aber sogar zugute.

          Professor aus Heidelberg mit 1,3 Kindern

          Bei Paul Kirchhof war das anders. Bei keinem habilitierten Politiker wurde die akademische Position so sehr zum Thema wie bei ihm, als er Schatten-Finanzminister im Kompetenzteam von Angela Merkel war. Als er sein Steuermodell bewarb, sprach er von der „durchschnittlichen deutschen Sekretärin“, die 1,3 Kinder habe - und erntete für diese abstrakte Ausdrucksweise Gespött. Allen voran vom politischen Gegner. Dem damaligen SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der aus eher ärmlichen Verhältnissen stammt, spielte die Unbeholfenheit des Wissenschaftlers Kirchhof in die Hände. Schröder, selbst Musterbeispiel dafür, dass es der kleine Mann bis ganz oben schaffen kann, verbannte Kirchhof in einer Rede auf dem SPD-Parteitag in den Elfenbeinturm und bezeichnete ihn als realitätsfernen „Professor aus Heidelberg“. Unabhängig davon, ob Kirchhofs Modell nun besser war oder nicht: nach dieser Bemerkung war es als weltfremd gebrandmarkt. Nach der Wahl ging Kirchhof freiwillig an seine Hochschule zurück und griff Schröders Häme später resigniert auf: „Die fünf Wochen Wahlkampf damals haben gereicht“, sagte er.

          Der Weg vom Hörsaal in die Spitzenpolitik ist reich an Fallstricken - und dennoch nahmen ihn schon viele auf sich. In der Geschichte der Bundesrepublik finden sich einige bekannte Namen von Professoren, die später Ämter in der Politik übernommen haben. So waren die beiden früheren Bundespräsidenten Karl Carstens und Roman Herzog beide Juraprofessoren. Unter Kohl war die Erziehungswissenschaftlerin Rita Süssmuth Präsidentin des Deutschen Bundestages und der Volkswirt Klaus Töpfer Umweltminister auf Bundesebene. „In den siebziger Jahren gab es eine Phase, in der vor allem die FDP versucht hat, Professoren anzuwerben, um das Bildungsbürgertum anzusprechen“, erklärt der Parteienforscher Robert Lorenz vom Göttinger Institut für Demokratieforschung. Als Beispiele nennt er die Professoren und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf und Werner Maihofer. Die Bundesbildungsministerin und ehemalige Hochschulrektorin Johanna Wanka ist derzeit die einzige Professorin in Merkels Kabinett. Unter den 620 Abgeordneten des Bundestages befinden sich acht Professoren. Der bekannteste ist Bundestagspräsident Norbert Lammert, der allerdings erst viele Jahre nach seinem ersten Einzug ins Parlament eine Honorarprofessur erhielt; SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen war erst Forscher und wurde dann Parlamentarier.

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.