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Online-Vorlesungen : Professoren zum Ein- und Ausschalten

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Bild: Peter von Tresckow

Der Trend zum virtuellen Hörsaal freut die Studierenden und zwingt die Dozenten, ihre Vorlesungen zu überdenken. Gewinnt oder verliert die Qualität der Lehre?

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          Michael Simon ist immer der Erste in der Vorlesung. Während seine Kommilitonen noch auf dem Campus der Universität Leipzig unterwegs sind, packt der Lehramtsstudent im Vorlesungssaal schon seinen Rucksack aus: Routiniert baut er eine HD-Kamera mit Stativ auf, verkabelt einen mitgebrachten Tablet-PC und ein Mikrofonset mit dem Laptop des Dozenten. Dann testet er die Tonqualität - und nimmt seinen Platz hinten im Hörsaal ein. Alles, was der Professor in den nächsten 90 Minuten über Bildungssysteme im internationalen Vergleich vortragen wird, zeichnet Simon in Bild und Ton auf; eine spezielle Software speichert gleichzeitig alle Aktivitäten auf dem Desktop des Professors als Bildschirmvideo. Jeder Teil der Vorlesung wird so digital gespeichert: Zeichnungen und Notizen, die der Professor auf dem Tablet-PC skizziert, ebenso wie Powerpoint-Folien, Bilder und Videos, die er über den Beamer im Hörsaal zeigt.

          Neben Michael Simon sind noch fünf Studenten an der Leipziger Universität mit den Technik-Rucksäcken unterwegs. Als studentische Hilfskräfte wurden sie für diese Aufgabe geschult. Nach der Vorlesung packen sie ihr Video-Equipment ein, schneiden das Material zu einem 90-Minuten-Video mit mehreren Unterkapiteln und Zusatzmaterial zusammen und stellen es dann auf eine spezielle Online-Plattform der Universität. "Wer eine Vorlesung verpasst, weil er krank ist oder einen anderen Termin hatte, kann sie sich einfach online anschauen oder den Tonmitschnitt anhören", erklärt Simon. "Viele Kommilitonen nutzen die Videos aber auch zur Nachbereitung der Vorlesung und vor allem zur Vorbereitung auf die Prüfungen am Semesterende."

          „Online-Vorlesungen sind viel mehr als eine Notlösung“

          Immer mehr Universitäten in Deutschland experimentieren mit solchen virtuellen Vorlesungen, mal als Zusatzservice für ihre Studenten, mal als Notlösung. Denn an vielen Hochschulen platzen die Hörsäle aus allen Nähten. Manchmal ist nicht genug Platz für alle vorhanden. Einige Universitäten verlegen die Lehre deshalb schon mal in den örtlichen Kinosaal. In Mannheim, Aachen und Würzburg stehen Professoren vor Kino-Leinwänden und erklären ihre Powerpoint-Folien. Erfolgreiche Pilotprojekte wie in Leipzig zeigen: Die Saalmiete im Kino könnten sich die Universitäten sparen. Denn dank moderner Videotechnik könnten Professoren ihre Vorlesung auch online auf die Laptops und Smartphones ihrer Studenten übertragen.

          Statt im schummrigen Kinosaal mit dem Klemmbrett auf den Knien schreiben Studenten dann bequem am heimischen Schreibtisch mit, die Vorlesungsunterlagen bekommen sie gleich digital dazu. "Online-Vorlesungen sind viel mehr als eine Notlösung", sagt Michael Gerth vom E-Learning-Zentrum der Universität Leipzig. "Sie bringen sogar einen didaktischen Mehrwert, weil Studenten Vorlesungen nachbereiten können."

          Als Vorbild in Sachen Online-Vorlesungen gelten amerikanische Elite-Universitäten. Spitzenuniversitäten wie das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und die Stanford University bieten Videoaufzeichnungen ihrer Vorlesungen teils sogar öffentlich verfügbar über Videoplattformen wie Youtube oder iTunes an. Meist sei das allerdings ein reiner Marketing-Gag, meint E-Learning-Praktiker Gerth. "Die amerikanischen Universitäten stellen in der Regel einfach nur ein 90-Minuten-Video online, ohne eine Unterteilung in Kapitel oder andere interaktive Elemente", erklärt Gerth. "Das ist didaktisch total unsinnig, aber natürlich großartig für die Außenwerbung der Hochschulen, wenn sich Studenten weltweit die Videos renommierter Professoren anschauen können."

          In Deutschland suchen nur wenige Professoren die Öffentlichkeit

          In Deutschland hingegen suchen nur wenige Professoren gezielt die globale Öffentlichkeit. Die meisten Universitäten nutzen hierzulande passwortgeschützte Internetportale, um Online-Vorlesungen nur ihren eigenen Studenten anzubieten. "Anfangs waren viele Professoren generell skeptisch: Sie fürchteten, dass niemand mehr in ihre Vorlesungen kommen würde, wenn die Studenten ebenso gut später das Online-Video herunterladen können", sagt Gabi Reinmann, Medienpädagogin und Expertin für E-Learning aus München.

          "In den vergangenen Jahren gab es allerdings viele Förderprojekte für Multimedia-Vorlesungen; das hat einen regelrechten Boom an den Universitäten ausgelöst." Die Sorge, dass dann kein Student mehr im Hörsaal auftaucht, habe sich bei diesen Pilotprojekten als unbegründet erwiesen. "Studenten nutzen die Online-Aufzeichnungen eher als Zusatzdienstleistung, etwa zur Prüfungsvorbereitung oder zum Nacharbeiten."

          Dennoch sind längst nicht alle Professoren begeistert von der Idee, dass ihre Vorlesungen für die Ewigkeit im Internet konserviert sind. "Wer die Möglichkeiten der virtuellen Vorlesungstechnik wirklich nutzen will, muss seine Vorlesungen neu konzipieren und sich mit der Technik auseinandersetzen", erklärt Reinmann. Denn eine schlechte Vorlesung werde nicht dadurch besser, dass man sie aufzeichnet. Mancher Professor scheue wohl auch den Vergleich mit Kollegen.

          Können Vorlesungen wegen der Aufzeichnung sogar schlechter werden?

          Manfred Schwaiger ist aus einem ganz anderen Grund skeptisch. Der Professor am Institut für marktorientierte Unternehmensführung der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München fürchtet, dass gute Vorlesungen durch Videomitschnitte schlechter werden könnten. "Wenn ich eine Vorlesung im Fach Unternehmensführung halte, erläutere ich fachliche Fragen oft an realen Beispielen", erklärt Schwaiger. "Dabei kommentiere ich auch aktuelle Entscheidungen von Unternehmen kritisch. Wenn meine Vorlesungen dann später online verfügbar sind, kann ich nicht mehr so offen sprechen." Er fürchtet, dass Unternehmen juristisch begründete Einwände gegen kritische Aussagen, etwa zu laufenden Verfahren, erheben könnten, wenn sie im Internet kursierten.

          Ab dem Sommer wird er am Online-Vorlesungsprogramm der Universität teilnehmen, denn sonst müsste er seine Vorlesungen wohl doppelt halten, weil die Hörsaalkapazitäten ausgereizt sind. Zwar werden die Vorlesungen mit einem Passwort geschützt und nur den Studenten der LMU zur Verfügung gestellt. Dennoch könne man kaum verhindern, dass Studenten sie später zum Beispiel bei Youtube hochladen, meint Schwaiger.

          "Daher gibt es für mich eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder lasse ich alle potentiell kritischen Stellen der Vorlesung herausschneiden, oder ich spreche negative Praxis-Beispiele gar nicht mehr an." Beide Lösungen, findet Schwaiger, wären ein Verlust für die Studenten. "Stark formal ausgerichtete Vorlesungen wie Statistik oder Investitionsrechnung online zu stellen, finde ich absolut sinnvoll. Aber in manchen Fächern, gerade mit tagesaktuellem Bezug, gehen dadurch Spontanität und Offenheit verloren."

          Trotz der Bedenken wird der Trend wohl nicht mehr aufzuhalten sein

          Befürworter der virtuellen Vorlesungen erwarten trotz solcher Bedenken, dass der Trend nicht mehr aufzuhalten sein wird: "Je mehr sich moderne Kommunikationstechnik in den Universitäten verbreitet, desto stärker werden auch E-Learning-Elemente in der Lehre eingesetzt", sagt Gerth von der Universität Leipzig. Noch sei man von einem flächendeckenden Einsatz der virtuellen Vorlesungstechnik zwar weit entfernt. Wenn aber erst einmal jeder Student einen Tablet-PC oder ein Smartphone habe, könnten auch Fragen und Beiträge zur Vorlesung live über einen Beamer angezeigt werden. "Bei den Studenten kommt das virtuelle Angebot gut an, das zeigen unsere Umfragen", sagt Gerth.

          Was noch fehle, seien eine einheitliche, kostenlose Videoplattform und entsprechende Software, die Universitäten in ganz Deutschland nutzen könnten. "Dann wäre auch ein Austausch von Vorlesungsinhalten zwischen den Universitäten möglich", sagt Gerth. Das könnte dann nicht nur die übervollen Hörsäle entlasten, sondern auch die knappen Budgets der Hochschulen.

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