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Online-Vorlesungen : Professoren zum Ein- und Ausschalten

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"In den vergangenen Jahren gab es allerdings viele Förderprojekte für Multimedia-Vorlesungen; das hat einen regelrechten Boom an den Universitäten ausgelöst." Die Sorge, dass dann kein Student mehr im Hörsaal auftaucht, habe sich bei diesen Pilotprojekten als unbegründet erwiesen. "Studenten nutzen die Online-Aufzeichnungen eher als Zusatzdienstleistung, etwa zur Prüfungsvorbereitung oder zum Nacharbeiten."

Dennoch sind längst nicht alle Professoren begeistert von der Idee, dass ihre Vorlesungen für die Ewigkeit im Internet konserviert sind. "Wer die Möglichkeiten der virtuellen Vorlesungstechnik wirklich nutzen will, muss seine Vorlesungen neu konzipieren und sich mit der Technik auseinandersetzen", erklärt Reinmann. Denn eine schlechte Vorlesung werde nicht dadurch besser, dass man sie aufzeichnet. Mancher Professor scheue wohl auch den Vergleich mit Kollegen.

Können Vorlesungen wegen der Aufzeichnung sogar schlechter werden?

Manfred Schwaiger ist aus einem ganz anderen Grund skeptisch. Der Professor am Institut für marktorientierte Unternehmensführung der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München fürchtet, dass gute Vorlesungen durch Videomitschnitte schlechter werden könnten. "Wenn ich eine Vorlesung im Fach Unternehmensführung halte, erläutere ich fachliche Fragen oft an realen Beispielen", erklärt Schwaiger. "Dabei kommentiere ich auch aktuelle Entscheidungen von Unternehmen kritisch. Wenn meine Vorlesungen dann später online verfügbar sind, kann ich nicht mehr so offen sprechen." Er fürchtet, dass Unternehmen juristisch begründete Einwände gegen kritische Aussagen, etwa zu laufenden Verfahren, erheben könnten, wenn sie im Internet kursierten.

Ab dem Sommer wird er am Online-Vorlesungsprogramm der Universität teilnehmen, denn sonst müsste er seine Vorlesungen wohl doppelt halten, weil die Hörsaalkapazitäten ausgereizt sind. Zwar werden die Vorlesungen mit einem Passwort geschützt und nur den Studenten der LMU zur Verfügung gestellt. Dennoch könne man kaum verhindern, dass Studenten sie später zum Beispiel bei Youtube hochladen, meint Schwaiger.

"Daher gibt es für mich eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder lasse ich alle potentiell kritischen Stellen der Vorlesung herausschneiden, oder ich spreche negative Praxis-Beispiele gar nicht mehr an." Beide Lösungen, findet Schwaiger, wären ein Verlust für die Studenten. "Stark formal ausgerichtete Vorlesungen wie Statistik oder Investitionsrechnung online zu stellen, finde ich absolut sinnvoll. Aber in manchen Fächern, gerade mit tagesaktuellem Bezug, gehen dadurch Spontanität und Offenheit verloren."

Trotz der Bedenken wird der Trend wohl nicht mehr aufzuhalten sein

Befürworter der virtuellen Vorlesungen erwarten trotz solcher Bedenken, dass der Trend nicht mehr aufzuhalten sein wird: "Je mehr sich moderne Kommunikationstechnik in den Universitäten verbreitet, desto stärker werden auch E-Learning-Elemente in der Lehre eingesetzt", sagt Gerth von der Universität Leipzig. Noch sei man von einem flächendeckenden Einsatz der virtuellen Vorlesungstechnik zwar weit entfernt. Wenn aber erst einmal jeder Student einen Tablet-PC oder ein Smartphone habe, könnten auch Fragen und Beiträge zur Vorlesung live über einen Beamer angezeigt werden. "Bei den Studenten kommt das virtuelle Angebot gut an, das zeigen unsere Umfragen", sagt Gerth.

Was noch fehle, seien eine einheitliche, kostenlose Videoplattform und entsprechende Software, die Universitäten in ganz Deutschland nutzen könnten. "Dann wäre auch ein Austausch von Vorlesungsinhalten zwischen den Universitäten möglich", sagt Gerth. Das könnte dann nicht nur die übervollen Hörsäle entlasten, sondern auch die knappen Budgets der Hochschulen.

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