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Mediatoren : Ausweitung der Kompromisszone

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Prominentes Vorbild: Kofi Annan ist eine Art Mediator im Syrienkonflikt. Mit Gerichtsverfahren sind völkerrechtliche Konflikte allerdings auch kaum zu lösen. Bild: AFP

Die Mediation ist eine Alternative zur klassischen Streitlösung – und für Rechtsanwälte ein neuer Hoffnungswert. Lohnt sich die Ausbildung?

          Traditionell wird der Rechtsanwalt als streitbarer Kämpfer im Dienst seines Auftraggebers gesehen. Der Gerichtssaal ist die Arena, in der er – mit dem Gesetz und seiner Rechtskenntnis bewaffnet – um den Sieg seines Mandanten ringt. Die Drohung mit dem Gang zum Anwalt steht für Konfrontation.

          Ist dieses Berufsverständnis noch zeitgemäß? Mediation heißt die neue Zauberformel, die für sich in Anspruch nimmt, das weichere und damit den Parteien langfristig dienlichere Streitbeilegungsverfahren zu sein. Statt dass Anwälte langwierige gerichtliche Verfahren führen, bestimmen die Konfliktparteien Tempo und Inhalt der Verhandlungen selbst.

          Der Mediator, häufig ein Jurist oder Psychologe, hält sich im Hintergrund und unterstützt lediglich die Artikulation der Parteiinteressen, die die Basis für die einvernehmliche Einigung bilden sollen. Die Beteiligten eines Konflikts wüssten schließlich selbst am besten, wie dieser zu lösen sei, heißt es von Mediationsbefürwortern. „Wir sorgen dafür, das Menschen besser miteinander klarkommen“ lautet der Werbespruch des Bundesverbandes für Mediation.

          Müssen die Juristen jetzt also umdenken?

          Womöglich liegt die Zukunft des Anwaltsberufs in der geschickten Verhandlungsleitung und nicht in Rechtskenntnis und Überzeugungskraft. Auf einer Tagung der Volkswagenstiftung zu neuen Akzentsetzungen in der Juristenausbildung sprachen sich einige Teilnehmer für die Stärkung der Mediation in der Lehre aus. Jurastudenten müssten schon frühzeitig die Chance haben, diese „Soft Skills“ zu erwerben, um besser auf den Arbeitsmarkt vorbereitet zu werden.

          Es gibt allerdings auch kritische Stimmen. Für Rechtsanwalt Christian Rauda, Partner der Medienrechtssozietät Graef Rechtsanwälte, ist der Mediationshype völlig unberechtigt: „Hier wird alter Wein in neuen Schläuchen verkauft. Als guter Anwalt hat man bei Streitigkeiten im Rahmen langfristiger Rechtsbeziehungen schon immer auf die Interessen beider Parteien geblickt und darauf geachtet, dass eine Einigung im Verhandlungswege auch zukünftigen möglichen Konflikten vorbeugt.“ Eine gesonderte teure Ausbildung hält Rauda für überflüssig. Das Etikett Mediator diene häufig nur zur Verschönerung des Türschildes.

          Die außeruniversitäre Mediationsausbildung ist in der Tat relativ kostspielig. Das Institut für Mediation, Streitschlichtung und Konfliktmanagement in München lässt sich die Grundausbildung von 120 Unterichtsstunden mit 2700 Euro vergüten. Für die Spezialisierung in der Familien- oder Wirtschaftsmediation, die auf dem Grundkurs aufbaut, muss man für jeweils 80 Unterrichtsstunden noch mal etwa das Gleiche berappen. Zum Teil wird behauptet, dass Mediatoren mehr Geld durch die Ausrichtung der Mediationskurse verdient, als durch die eigentliche Mediation.

          Ein neues Mediationsgesetz könnte den Markt fördern

          Suzan Azad vom Bundesverband für Mediation ist der Meinung, dass sich die Investition rentiert. Zwar gebe es in Deutschland schon rund 50 000 ausgebildete Streitschlichter, doch nur etwa ein Drittel sei davon am Markt aktiv. Zudem würden sich die erlernten Fähigkeiten auch als Projektleiter in Unternehmen oder Schulen und sogar im privaten Bereich gut nutzen lassen. „Ein Mehr an Mediatoren bedeutet, dass die Form der Streitbeilegung bekannter und beliebter wird, wovon letztlich alle Mediatoren profitieren.“

          Erhebliche Impulse für den Mediationsmarkt verspricht sich Azad insbesondere von dem neuen Mediationsgesetz, das bald in Kraft treten soll. Azad ist überzeugt, dass durch die im Gesetz vorgesehene Einführung des Berufsbildes des zertifizierten Mediators mit einheitlichen Qualitätsstandards die privatautonome Mediation gestärkt wird. „Durch die politische Anerkennung wächst das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Mediation. Das bedeutet mehr Kunden für Privatmediatoren.“

          Richter kritisieren die geplante Privatisierung

          Mediationsbefürworter hoffen auf positive Effekte durch die Monopolisierung der Mediation in privaten Händen. Denn das Mediationsgesetz sieht in der vom Bundestag verabschiedeten Fassung vor, die kostenfreie Richtermediation abzuschaffen und durch das sogenannte Güterichtermodell zu ersetzen. Das ähnelt der Mediation zwar, trägt allerdings nicht mehr deren Namen. Mediation würde so zum alleinigen Steckenpferd der Privatwirtschaft.

          Gegen die Abschaffung der gerichtlichen Mediation laufen allerdings die Richter Sturm. Sie plädieren dafür, das gut funktionierende Modell beizubehalten, da die Konfliktlösung eine staatliche Aufgabe bleiben müsse. Die Rechtskenntnis eines Richters würde nicht verhindern, dass man Parteien interessengerecht vergleichen könne, heißt es. Einige Länder haben daraufhin das Mediationsgesetz im Vermittlungsausschuss vorerst gestoppt. Wie sich der Mediationsmarkt in der Zukunft entwickelt, mag auch davon abhängen, wie die Auseinandersetzung um das Mediationsgesetz endet.

          Vertragt euch!

          Sehr weit verbreitet ist die Mediation noch nicht. Man kennt sie vor allem im Zusammenhang mit Familienstreitigkeiten, wenn über Scheidungen oder Sorgerechte für Kinder gestritten wird, dann schlagen Anwälte häufiger eine Mediation vor, anstatt die Sache vor Gericht zu bringen.

          Nach einer Umfrage des Demoskopieinstituts Allensbach für die Roland Rechtsschutzversicherung haben bisher erst 65 Prozent der Deutschen davon gehört, dass es überhaupt die Mediation als Streitbeilegungsverfahren gibt. Mit dem sogenannten Mediationsgesetz, das derzeit im Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat beraten wird, soll das anders werden. Die Streitkultur soll sich grundlegend ändern, mit mehr Besänftigung und Kompromissen. Künftig heißt es dann: Wir sehen uns vorm Mediator!
          caf.

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