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Kuratoren für die Kommunikation : Die hohe Kunst der Banken

Diener ohne Kopf: „Kulisse“ von Christine Schiewe Bild: Wolfgang Eilmes / F.A.Z.

In den Bankentürmen regiert nicht nur das Geld. Viele Häuser beschäftigen eigene Kuratoren, die mit Kunst die Kommunikation der Mitarbeiter ankurbeln sollen.

          Hannes Glock steht im fünften Stock des Commerzbank-Hochhauses „Galileo“ und ist schlicht entzückt. Mit verschränkten Armen starrt der Kurator auf zwei Beinpaare ohne Oberkörper und Kopf, als hätte er die Skulptur „Kulisse“ von Christine Schiewe im Konferenzbereich der Bank zum ersten Mal entdeckt. Dabei kennt er sie in- und auswendig. „Das ist sehr charmant“, schwärmt er in der unnachahmlichen Tonlage eines Kenners und zeichnet mit ausladenden Bewegungen in der Luft die Konturen nach. „Es hat einen eigenen, feinen Witz.“

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Seine Kollegin Beate Schlosser von der Commerzbank-Stiftung ist ähnlich begeistert, doch sie drängt es zu einem großflächigen Foto der Künstlerin Regina Weiss, das eine Kampfszene zeigt. Auch Beate Schlosser erläutert mit Hingabe und großen Gesten das Bild, erklärt die Hintergründe, beschreibt die Entstehung. Eines ihrer Lieblingsbilder in dem Hochhauskomplex, keine Frage. Ein Mann im dunklen Anzug und Schlips wartet auf seine Besprechung und blickt etwas irritiert. Nicht auszuschließen, dass ihm gerade zum ersten Mal dämmert, was für Schätze im Frankfurter Bankenviertel an den Wänden hängen.

          Teure Kunst: die berühmte Skulptur „Der Schreitende“ des Künstlers Alberto Giacometti Bilderstrecke

          Zwei Tage später, ein paar hundert Meter weiter in der 38. Etage der DZ Bank ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Leiterin der Kunstsammlung, Christina Leber, ist voll in ihrem Element, die Begeisterung hat sie gepackt. Mit großen Schritten läuft sie auf ein bordeauxrotes Bild des amerikanischen Fotokünstlers Robert Barry zu, auf dem mit einigem Abstand betrachtet die Konturen eines Frauengesichtes zu sehen sind. Das Foto einer DZ-Bank-Mitarbeiterin, mit transparenter Tusche fast bis zur Unkenntlichkeit übermalt. Je näher man darauf zugeht, desto mehr verschwindet der Kopf, stattdessen werden Wörter sichtbar: „Waiting“ steht auf dem Bild. „Careful“ und „Detail“ auf einem anderen. Für die Kunsthistorikerin die perfekte Analogie zum Büroalltag. „Nähe und Distanz gehören zu den wichtigsten Komponenten der Kommunikation“, sagt Christina Leber.

          Dann rückt sie mit einem Paradebeispiel in Sachen Mitarbeiterbindung heraus: Ein anderes Bild - diesmal ist es in Grün gehalten - zeigt einen ehemaligen Mitarbeiter, der über Jahre hinweg hier in der 38. Etage am Empfang saß, hinter sich sein eigenes Porträt, von dem amerikanischen Künstler Barry fotografiert und bearbeitet, von seinem Arbeitgeber bezahlt. Christina Leber beschreibt nicht, wie sich der Mitarbeiter all die Jahre mit dieser Wertschätzung im Rücken gefühlt haben muss. Sie verkneift sich den Hinweis, dass Mitarbeiter anderer Unternehmen jeden Morgen an der Ahnengalerie längst verflossener Vorstandschefs vorbeihetzen, während die Wände der Genossenschaftsbank acht zufällig ausgewählte Mitarbeiter zieren. Sie sagt nur: „Das Bild hätte er bei seinem Ruhestand gerne mitgenommen.“ Er hat natürlich einen Abzug bekommen.

          Kunst und Kultur als Kommunikationsmotor

          Außen Prestigeprojekt, innen Kommunikationsmotor - diese Mischung scheint nur Kunst und Kultur zu gelingen. Schon vor Jahrhunderten sind Bankiers in die Rolle der reichen Mäzene geschlüpft, haben Kunstwerke gesammelt und damit mehr oder weniger bedürftige Künstler unterstützt. Das ist auch heute nicht anders, doch lange Jahre haben Banken und Unternehmer gerne Stillschweigen über ihr Engagement gewahrt und in hausinternen Ausstellungen allenfalls ihre Mitarbeiter mit ihren Schätzen beglückt. Spätestens der weithin beachtete Umbau und die Eröffnung des spektakulären Erweiterungsbaus des Frankfurter Städel-Museums Anfang des Jahres hat das Engagement der Banken wieder in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Am Museumsufer spricht man ganz offen über die Schwächen der eigenen Sammlung, stolz verweist man auf die umfangreichen Dauerleihgaben aus dem Bankenviertel, die diese Lücken schließen. Die zeitgenössische Kunst im neuen Städel-Erweiterungsbau? Dank Leihgaben der Deutschen Bank ein Aushängeschild des Museums. Die Fotografie als aufstrebende Kunstrichtung? Ohne die DZ Bank quasi nicht vertreten.

          Erst Anfang des Monats hat eine neue Stiftung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) das Licht der Kulturwelt erblickt. Das Stiftungsvermögen beläuft sich auf eine Million Euro und stammt aus einer Spende der Commerzbank aus dem Jahr 2010, als die finanzielle Lage der Bank eigentlich keine großen Sprünge zuließ. Das Geld floss aus dem Verkauf einer Plastik des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti. Das Kunstwerk hatte die Commerzbank nach dem ansonsten ziemlich missratenen Zusammenschluss mit der Dresdner Bank geerbt. 75 Millionen Euro spülte die Auktion in die Kasse der klammen Bank, ein Weltrekord. Damals übergab die Commerzbank dem MMK zusätzlich 17 Dauerleihgaben aus der Kunstsammlung der früheren Dresdner Bank, vier andere Museen in ganz Deutschland profitierten auch von Gemälden. „Mit den Dauerleihgaben konnten wir bei den Museen Lücken in bestimmten Sammlungsbereichen schließen“, sagt der Kurator Hannes Glock. Mit Spenden wolle man zudem nachhaltig die Bereiche Museumspädagogik und Restaurierung fördern. Und nun auch noch die neugegründete MMK-Stiftung: „Es schließt sich ein Kreis“, sagt er. „Damit haben wir vor zwei Jahren etwas angestoßen, das bleibt.“

          Auch die DZ Bank hat etwas Bleibendes geschaffen, 6800 Kunstwerke von mehr als 600 Künstlern hat sie seit ihrer Gründung vor knapp zwanzig Jahren angeschafft. Damit gehört die Sammlung auf der ganzen Welt zu den größten ihrer Art. Der Bestand ist so üppig, dass er sich gar mit dem Städel messen kann: Das Frankfurter Museum hat mehr als 2900 Gemälde, 600 Skulpturen, 500 Fotografien und rund 100 000 Zeichnungen und Druckgrafiken. „Fotografie ist ein unglaublich demokratisches Medium“, betont Christina Leber - und deswegen geradezu prädestiniert für eine Genossenschaftsbank. „Fast jeder hat schon einmal fotografiert.“ Mit der Wahl, Fotos zu sammeln, hat die damalige Kunsthistorikerin Luminita Sabau ungewöhnlichen Weitblick bewiesen: Heute ist die Fotografie aus kaum einer zeitgenössischen Sammlung mehr hinwegzudenken. Ihre Vorreiterrolle begreift die DZ Bank deshalb auch als Aufgabe. „Wir legen Wert auf Vollständigkeit“, sagt Leber. Mit weiteren Ankäufen versucht die Bank alle Gattungen der Kunsttheorie abzudecken: Porträt, Landschaft, Stillleben, Stadtansichten, Interieurs und Konzeptkunst.

          So rege ist das Kulturleben in Frankfurts Bankentürmen , dass eine Ausstellung die andere jagt. Die Commerzbank zeigt mehrmals im Jahr in ihrem zentralen Hochhaus am Kaiserplatz die Plaza-Schau. In der DZ Bank stellt die Leiterin Christina Leber mit ihrem Team von insgesamt fünf Leuten je Jahr 12 neue Etagenausstellungen zusammen, bei denen die Kollegen ein gewichtiges Wort mitreden. Längst vergangen scheinen die Zeiten, in denen die Kunstwerke ausschließlich die Vorstandsbüros in der obersten Etage zierten. Zu Hannes Glock kann jeder Mitarbeiter kommen, der seine weiße Wand mit einem Bild verzieren will. Dann verschwinden beide im Depot der Bank, in dem Tausende von Bildern aufbewahrt werden. Der Austausch mit den Kollegen ist so rege, dass Glock irritiert blinzelt, als er nach seiner Exotenstellung inmitten einer Welt von Collateral Debt Obligations und Swap-Geschäften gefragt wird. „Ich fühle mich hier in der Bank nicht als Exot“, sagt der Kunsthistoriker, der mit seiner modisch geschnittenen Brille optisch zumindest einen dezenten Kontrapunkt zum standardisierten Banker-Schick setzt. Er ist mit der Schnittstelle von Kunst und Wirtschaft ohnehin bestens vertraut. Glock hat Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre studiert. Er arbeitete beim berühmten Auktionshaus Sotheby’s, bevor er im Jahr 2005 vor dem Zusammenschluss mit der Commerzbank bei der Dresdner Bank einstieg.

          Kunstworkshops für Kinder

          Auch Christina Leber fühlt sich in der Genossenschaftsbank als fester Bestandteil der Belegschaft, betont sie doch gleich zu Beginn des Gesprächs, dass die Kunstsammlung vor allem gegründet wurde, um die Kommunikation im Hause zu fördern. Über die Jahre hat die Bank ihre Mitarbeiter immer wieder in Kunstprojekte eingebunden, die übermalten Porträts von Robert Barry sind nur ein Beispiel von insgesamt zehn. Im 26. Stock des DZ-Bank-Towers „Westend“ zieren Fotos der Münchner Künstlerin Tamara Grcic die langen Wände der Flure. Stillleben im Handelssaal der Genossenschaftsbank hat sie fotografiert, und die Motive erinnern an die Vielfältigkeit des Büroalltags. Auch nach Jahren ist Kuratorin Christina Leber sichtlich amüsiert von dem liebenswerten Chaos, in das die Kollegen ihren Arbeitsalltag einbetten: hier ein leicht lädierter Schokokuss in der Schublade, dort in Alufolie eingewickelte Stullen. Mal hängt der Mantel schief über dem Stuhl, mal liegt er sorgfältig zusammengefaltet auf dem Nebentisch. Im Großraumbüro reiht sich Schreibtisch an Schreibtisch, und jeder sieht anders aus.

          Über die Ausstellungen im Haus, aber auch außerhalb fänden die Mitarbeiter immer wieder ins Gespräch, berichtet auch die Kuratorin Janina Vitale. Sie veranstaltet für die Kinder der DZ-Bank-Mitarbeiter in den Ferien Kunstworkshops. Diese Angebote sind so beliebt, dass sie meist binnen einer Stunde ausgebucht sind.

          Ähnlich populär war auch die Fotoausstellung „Real“ 2008 im Städel. Vor der Ausstellung habe sie mit zwei Mitarbeiterführungen gerechnet, berichtet Leber. Am Ende waren es 56. Fast die Hälfte der insgesamt 3000 Mitarbeiter in Frankfurt haben sich die Ausstellung angesehen. Die Erinnerung daran verursacht ihr immer noch Gänsehaut. „Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass unsere Arbeit nach 15 Jahren angekommen ist.“

          Kunst im Tower

          So viele Kunstwerke haben sich in den Frankfurter Bankentürmen angesammelt, dass eine Ausstellung die andere jagt. Die Commerzbank zeigt mehrmals im Jahr in ihrem zentralen Hochhaus am Kaiserplatz in der Frankfurter City die Plaza-Show, in der junge Künstler oft zum ersten Mal ihre Werke ausstellen können. Vom 22. Juni an sind Arbeiten von Dominik Gohla und Hannes Michanek zu sehen. Die Dauerausstellung im Hochhaus „Galileo“ können Besucher in einer öffentlichen Kunstführung an jedem 3. Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr sehen. Die DZ Bank veranstaltet neben ihrer Zusammenarbeit mit dem Städel in ihrem Art Foyer mehrmals im Jahr thematische und monografische Ausstellungen, ab August zum Thema Gruppenporträts, im November zu Religion und Riten. In ihrem Ausstellungsraum „Schaufenster“ zeigt sie derzeit Fotografien des Künstlers Emanuel Raab. Außerdem stellt das sechsköpfige Kunstteam für die Mitarbeiter der DZ Bank je Jahr zwölf neue Etagenausstellungen zusammen, bei denen die Kollegen ein gewichtiges Wort mitreden können.

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