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Inklusion : Benz statt Besen

  • -Aktualisiert am

In Integrationsunternehmen arbeiten Nichtbehinderte und Behinderte zusammen. Bild: dapd

Bürsten binden ist Geschichte: Immer mehr schwerbehinderte Menschen arbeiten in ganz „normalen“ Betrieben. Ohne staatliche Hilfe geht es meistens aber nicht.

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          Eine Fertigungshalle zwischen Frankfurt und Fulda: Hendrik Otto und seine Kollegen sortieren rote Gummiringe in eine Kiste, 17 müssen es sein, so will es der Auftraggeber in Sindelfingen. Dichtungen, die später in einen Mercedes eingebaut werden, dort, wo der Motor die Luft ansaugt. So ganz genau weiß Otto das nicht, der von Geburt an geistig behindert ist und seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Früher hat er in einer Werkstatt des Behindertenwerks Main Kinzig (BWMK) gearbeitet. Seit zwei Jahren fährt er jeden Morgen mit dem Bus zum Werk des Autozulieferers Woco, den im Umkreis von Bad Soden so ziemlich jeder kennt. Nach der jüngsten Branchenkrise, als die Aufträge endlich zurückkehrten, hatte die Geschäftsleitung überlegt: Können nicht auch Behinderte die Verpackungsarbeiten stemmen?

          Mit der Hilfe von Gruppenleitern wie Klaus-Dieter Mazeczek klappt es: Mit einer Waage wird geprüft, ob die Leute auch die korrekte Stückzahl verpackt haben. Stimmt das Gewicht, kommen die Kisten zum Versand, über den Stapeln prangen große Nummern. Weil manche keine Zahlen lesen können, sind die Schilder zusätzlich mit Symbolen markiert. "Die hier zum Stern" - und die Kiste mit den Dichtungen landet dort, wo sie hingehört. Mazeczek erzählt, seine 25 Leute seien mächtig stolz, in einem ganz "normalen" Betrieb zu arbeiten. Zu Freunden und Nachbarn sagten sie mit Identifikationseifer: "Ich schaff' bei Woco."

          Das stimmt indes nicht ganz, denn es handelt sich um einen Kombilohn aus der staatlichen Grundsicherung und dem Erlös des Auftrags, aus dem ein Entgelt von bis zu 300 Euro je Mitarbeiter ausgeschüttet wird. Im Behindertenwerk hofft man, dass sich manch einer bewährt und vom Betrieb komplett übernommen wird. Noch ist das Ergebnis mäßig: "Das schaffen vielleicht zwei, drei Personen im Jahr", sagt Markus Reiter aus der BWMK-Leitung.

          100.000 Stellen für Schwerbehinderte hinzugekommen

          Geht es nach der Politik, sollen möglichst viele Menschen mit Behinderungen den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. 10 Millionen Behinderte leben in Deutschland, 7 Millionen davon sind schwerbehindert. Wenn das Versorgungsamt eine Behinderung von mindestens 50 Prozent festgestellt hat, bedeutet es nicht unbedingt, dass die Person nicht arbeiten kann. Viele sind eingeschränkt einsatzfähig; ungefähr die Hälfte hat eine Ausbildung oder einen Hochschulabschluss. Zu mehr als 80 Prozent entstehen schwere Behinderungen im Laufe des Lebens, schreibt das Statistische Bundesamt. Krankheiten wie Rheuma oder Diabetes, das Schädel-Hirn-Trauma infolge eines Unfalls, die kaputten Knie des Fliesenlegers - all das kann einen Erwachsenen, der gestern noch voll gearbeitet hat, zum Schwerbehinderten machen.

          Die Anzahl beschäftigter Schwerbehinderter ist in den vergangenen Jahren gestiegen - im Jahr 2009 waren in Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern 876 000 behinderte Menschen beschäftigt; 2005 waren es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit noch 100 000 Plätze weniger gewesen. Jeder Dritte der 3 Millionen Schwerbehinderten im erwerbsfähigen Alter hat heute einen regulären Arbeitsplatz. Doch es sollen noch mehr werden, denn das neue Versprechen der Politik lautet "Inklusion", was umfassende gesellschaftliche Teilhabe bedeutet. Dazu gehört natürlich auch die Arbeitswelt.

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