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Hochschule : Der Mythos von der unternehmerischen Universität

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Ohne Ballsport keine Universität: Die Mississippi Valley State University gegen die Western Kentucky University im College Basketball Bild: AFP

Seit Jahren wird den Hochschulen eingeredet, ihr Vorbild seien erfolgreiche Firmen. Manche reden es sich auch selbst ein. Die Empirie sieht anders aus. Ein Gastbeitrag des Soziologieprofessors Stefan Kühl aus Bielefeld.

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          Die Karriere des Begriffs der unternehmerischen Universität ist beachtlich. Nachdem dieser Begriff von dem Hochschulforscher Burton Clark Ende der neunziger Jahre in die hochschulpolitische Diskussion eingebracht wurde, haben ihn Hochschulpolitiker in verschiedenen Ländern aufgegriffen. Es hat fast eine gewisse Tragik, dass der Name des innovativen amerikanischen Hochschulforschers heute vorrangig mit diesem Begriff verbunden wird, obwohl dieser vielleicht nur das Ergebnis der Einflüsterung eines an einem verkaufswirksamen Titel interessierten Verlags gewesen ist.

          Andere stimulierende Konzepte Clarks wie das der sich aus hochschulpolitisch einflussreichen Professoren zusammensetzenden „akademischen Oligarchie“ oder der „Auskühlungsfunktion von Hochschulen“, die darin besteht, überambitionierte Jugendliche sanft mit ihrem Schicksal, Mittelmaß zu sein, vertraut zu machen, sind demgegenüber weitgehend in den Hintergrund getreten.

          Feurige Befürworter und heftige Gegner

          Aber die „unternehmerische Universität“, die nach unterschiedlichen Logiken funktionierende Organisationstypen wie „Firma“ und „Hochschule“ kombiniert, war offensichtlich so griffig, dass er sofort eine ganze Reihe von feurigen Befürwortern und fast ebenso viele heftige Gegner mobilisieren konnte. Gerade für Bildungspolitiker, die an Universitäten vorrangig deren Funktion als Personalzubringer für die Wirtschaft schätzen, schien die unternehmerische Universität ein griffiges Konzept zu sein, mit dem sie ihre Vorstellungen von einem Umbau der staatlichen Hochschulen vorantreiben konnten. Die Assoziationen des Wortes mit Innovationskraft, Kundennähe und Wettbewerbsfähigkeit war zu verlockend.

          Kritiker konnten den Begriff einfach von den Promotoren übernehmen und mussten die Entwicklung lediglich negativ beschreiben. Das Konzept wurde zum Anlass genommen, eine neoliberale Verschwörung an den Hochschulen zu identifizieren, die Bildung zu einer Ware machen und Studierende zu Kunden degenerieren will. Eine transnational organisierte Wissenselite - gruppiert um die McKinseys dieser Welt - würde, so der Verdacht, mit dem Konzept der unternehmerischen Universität bewährte Lehr- und Lernmodelle zerstören. Vorbereitet durch wirtschaftsnahe Lobbyorganisationen, würde, so die Befürchtung, ein „autoritär-neoliberaler Umbau der Hochschulen“ auf breiter Front einsetzen.

          Die Frage, auf welcher Ebene zentrale Fragen der Wissenschaft und Erziehung entschieden werden und entschieden werden sollten, wird so in das bekannte Konfliktschema von Kapitalismus-Befürwortern und Kapitalismus-Skeptikern gepresst. Aber die Frage, was eine unternehmerische Universität jenseits einer eingängigen, aber unterschiedlich auslegbaren Metapher eigentlich sein soll, blieb seltsam unterbelichtet.

          Einmal ein echter Manager und nicht nur Verwalter oder Akademiker sein!

          Eine Organisation wird erst dann zum Unternehmen, wenn sie sich auf eine sehr spezifische Weise finanziert. Einfach gesagt: Unternehmen finanzieren sich, anders als die meisten anderen Typen von Organisationen, über den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen an ihre Kunden. Das unterscheidet sie von Verwaltungen, Armeen oder staatlichen Universitäten, die sich maßgeblich über Zwangsabgaben der Bürger an den Staat finanzieren; von Vereinen, die sich über Beiträge ihrer Mitglieder finanzieren, oder von sozialen Einrichtungen, die von der Alimentierung aus öffentlichen Mitteln abhängen.

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