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Das Guardiola-Prinzip : „Viele Unternehmen eiern beim Chefwechsel herum“

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Ulrich Kuhl berät als Diplom-Psychologe Spitzensportler und das Management von Unternehmen Bild: Philipp Plum

Der FC Bayern München hat sich auf dem Höhepunkt des Erfolgs von seinem Trainer getrennt. Warum das in der Wirtschaft selten funktioniert erklärt Diplom-Psychologe Ulrich Kuhl.

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          Herr Kuhl, was bedeutet es für eine Führungskraft wie den Bayern-Trainer Pep Guardiola, mit hohen Erwartungen neu in eine Unternehmung zu kommen, die zuvor nicht hätte besser funktionieren können?

          Er muss sensibel mit der neuen Situation umgehen. Dafür benötigt er hohe soziale und kommunikative Kompetenz. Einerseits ist Guardiola in eine Gruppe gekommen, die äußerst erfolgreich gearbeitet hat. Andererseits will er vorangehen und verändern, womit er Gefahr läuft, Widerstände zu erzeugen. Veränderungen sind häufig negativ besetzt, werden als Kritik an der Vergangenheit aufgefasst und geraten schnell in den falschen Hals. Manche im Team werden enttäuscht werden, weil sich ihr Stellenwert im Gesamtgefüge vielleicht verringert. Deren Motivation wird sich in Grenzen halten. Wenn personelle Verschiebungen stattfinden, sollte er vermeiden, Leistungsträger der Vergangenheit knallhart fallen zu lassen.

          War es aus unternehmerischer Sicht überhaupt angebracht, den Erfolgsbringer Heynckes auszutauschen?

          Erfolgreich zu werden ist die eine Sache, ein Team weiterzuentwickeln und erfolgreich zu bleiben eine zweite. Die Bayern haben sich für die Zukunft entschieden. Und wer kann denn mit Sicherheit sagen, dass Jupp Heynckes noch der richtige gewesen und mit der neuen Situation des riesigen Erfolgs klargekommen wäre? Viele Unternehmen eiern herum, wenn für neue Perspektiven ein personeller Schnitt an der Spitze angebracht wäre. Verträge sollen keine Belohnung für Vergangenes sein, sie sind verbunden mit Erwartungen an Zukünftiges.

          Guardiolas Arbeit zeigt Erfolge, aber es gibt auch Dämpfer. Eine Beurteilung fällt noch schwer. Wie wirkt er auf Sie?

          Guardiola hinterlässt einen guten Eindruck. Ich finde, er geht seine ersten Schritte sehr geschickt. Er ist kein Ankündigungsweltmeister, betont die Kultur des Vereins. Zum Beispiel lässt er ein Urgestein wie Hermann Gerland weiter als Assistenztrainer arbeiten. Er lüftet nicht mit einem Mal kräftig durch, sondern geht offenbar Schritt für Schritt vor. Er geht sehr still mit Macht um. Ich bin mir aber sicher, dass er sich nicht nur anpassen, sondern prägend Einfluss nehmen will bei den Bayern. Er wird auch Unsicherheiten reinbringen, um neue Reize zu setzen und ein extrem erfolgreiches Team auf neue Ziele zu fokussieren. Ob er die Brandreden von Sportvorstand Sammer als hilfreich erlebt, da habe ich große Zweifel.

          Ziehen Sie einen Vergleich zu Topleuten in der Wirtschaft, wenn diese neu in Unternehmen kommen.

          Wirtschaftsunternehmen sind normalerweise wesentlich komplexer in ihrer Organisation als Verein und Fußballmannschaft. Es gibt zum Beispiel viel mehr Schlüsselpersonen, die ein neuer Vorstand kennenlernen und einschätzen muss. Es dauert länger, sich einen Überblick zu verschaffen. Wer sind meine Vertrauensleute, wer die Kompetenzträger, wo verlaufen die Drähte, wo lauern Gefahren? Das gilt auch für Guardiola.

          Was ist noch ganz wichtig?

          Eine Top-Führungskraft mit einem potentiell sehr hohen Einfluss auf das Ergebnis muss sich klar positionieren und deutlich machen, wofür sie steht. Für Veränderung? Neue Märkte? Ausbau? Sanierung? Es geht um ein Markenzeichen. Es wäre ja schlimm für Guardiola, wenn es am Ende hieße: Das ist ja ein netter Kerl, aber es läuft doch so gut wie vorher, und er erntet nur die Früchte seines Vorgängers. Wofür haben wir ihn eigentlich gebraucht? Aber: Wenn ihm gelingt, das Thema Veränderungen mit positiven Daten zu unterlegen, dann kann das eine gute Geschichte werden. Es geht darum, die vielen Kompetenzen der Mannschaft mit einem positiven Gefühl wieder ins Spiel einzubringen. Auch ein guter Unternehmensvorstand geht nach einem erfolgreichen Jahr nicht in die Defensive, sondern zeigt Angriffslust.

          Man hört heute von Entscheidungsträgern immer wieder, dass jetzt nach diesem guten Jahr doch bitte alle demütig sein müssten. Was soll das?

          Das Wort Demut wird zurzeit inflationär gebraucht und wirkt deshalb meist hohl. Man sollte stolz sein, sich starkmachen für neue Aufgaben, ohne aber jeden Tag in den Pokalschrank zu gucken. Das würde den Blick nach vorne vernebeln.

          Wo liegen die größten Unterschiede zwischen der Wirtschaft und dem Fußball, wenn es ums Führen geht?

          Erfolge oder Misserfolge nach einem Führungswechsel in der Wirtschaft werden später bemerkt als im Fußball. Im Fußball fällt sofort auf, wenn etwas nicht funktioniert. Gleich am Wochenende. Da kommt die Führung unter Zugzwang. Unternehmen verfügen auch nicht über eine solch hochbezahlte Personalreserve, die nur dasitzt und kaum zum Einsatz kommt. Außerdem: Eine systematische Führungskräfte-Entwicklung wie in der Wirtschaft gibt es im Profifußball so gut wie gar nicht. Wird ein neuer Trainer gesucht, schaut man fast immer erst nach außen. Findet man niemanden auf dem Trainermarkt, schaut man nach innen und überlegt, wer eventuell die Cheftrainerstelle übernehmen könnte. Was auffällt: Führungskräfte auf der Trainerbank wie Guardiola gleichen in Spielen mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit ihr Outfit der Businesswelt an. Das gilt nicht für das intensive Ausleben von Emotionen wie Freude, Enttäuschung oder Ärger.

          Das Gespräch führte Michael Ashelm.

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