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Berufsaussichten : Die Rangliste der Bedrückten

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Bild: F.A.Z. - Tresckow

In keinem anderen Fach sind die Studenten in Deutschland so optimistisch wie in der Medizin, in keinem so pessimistisch wie in der Soziologie. Woran das liegt? Klar, der Arbeitsmarkt spielt eine Rolle - aber noch wichtiger ist die individuelle Einstellung.

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          Sich selbst würde sie durchaus als Optimistin bezeichnen, sagt Franziska Heym. Aber dass Zuversicht keine unerschöpfliche Ressource ist, hat die Siebenundzwanzigjährige lernen müssen. "Als nach dem Diplom nur Absagen ins Haus flatterten, war es schon schwierig, den guten Glauben nicht zu verlieren", räumt die junge Sozialwissenschaftlerin ein. Während ihres Studiums an der Humboldt-Universität in Berlin war das anders. Heym hatte nie Sorgen, was ihre Leistungen betraf. Ihr fiel es leicht, die Anforderungen zu erfüllen. Auch mit der Abschlussnote 1,9 musste sie sich nicht verstecken. Den Personalchefs aber war das anscheinend nicht gut genug. "Man sagt sich dann immer, dass es nicht an einem selbst liegt. Dass man eigentlich qualifiziert ist. Aber manchmal kratzten die Ablehnungen doch sehr am Selbstvertrauen", sagt die zierliche Berlinerin. Wenn sich die Dinge so addierten, könne man schon bisweilen "etwas dramatischer" werden.

          Einen gewissen Grund zur Dramatik verspürt anscheinend ihre gesamte Fachzunft. Sozial- und Kulturwissenschaftler führen nach einer Studie der Konstanzer Arbeitsgemeinschaft Hochschulforschung an Deutschlands Hochschulen die Rangliste der Bedrückten an: 20 Prozent von ihnen machen sich Sorgen, nach dem Abschluss keine Stelle zu finden, die ihrer Ausbildung entspricht. Unter den Naturwissenschaftlern und Juristen ist diese Quote nur halb so groß. Dafür aber sind die angehenden Rechtswissenschaftler besonders bekümmert, nach dem Examen überhaupt eine Stelle zu finden: Ein Viertel der Befragten äußerten sich in diesem Punkt skeptisch. Die Optimisten schlechthin an den Universitäten sind der Umfrage zufolge die Mediziner - nur 1 Prozent von ihnen erwartet Probleme beim Berufsstart.

          Ein objektiver Unterschied?

          Liegt dem gefühlten auch ein objektiver Unterschied zugrunde? Oder sind Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler einfach nur ein bisschen depressiv veranlagt? Die unterschiedlichen Arbeitsmarktchancen der Absolventen dürften jedenfalls eine Rolle spielen. Das Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) hat herausgefunden, dass Sozialwissenschaftler nicht so schnell eine Stelle bekommen wie Wirtschaftswissenschaftler oder Mediziner. Nur 51,3 Prozent der Soziologen finden nach der letzten Prüfung ohne langes Suchen einen Arbeitgeber. Bei den Medizinern sind es 86,7 Prozent, bei den Informatikern sogar 94,6 Prozent. Auf etwas längere Sicht betrachtet, sind die Aussichten für Sozial- und Kulturwissenschaftler aber weit weniger trüb: Ein Jahr nach ihrem Abschluss haben 67 Prozent der Soziologen und 70 Prozent der Geisteswissenschaftler eine Stelle. Der Mittelwert für Akademiker insgesamt liegt bei 69 Prozent; eigentlich kein Grund zur Trübsal also.

          Vielleicht beeindruckt die Soziologiestudenten aber auch der immer wieder aufgesagte Spruch, dass ihre Zukunft in der Taxibranche liege. Mit solch negativen Prognosen haben aber nicht nur sie zu kämpfen. Auch die Mehrheit seiner Jura-Kommilitonen sei eher pessimistisch, schätzt Thomas Färber. Das hat seiner Erfahrung nach stark mit dem Bild zu tun, das ihnen vermittelt wird. "Es stellt sich nie ein Dozent hin und sagt: Jungs, macht euch keine Gedanken, es wird schon alles", sagt der 28 Jahre alte Absolvent der Rechtswissenschaften, der zurzeit Referendar in Frankfurt am Main ist. Vielmehr werde den Studenten immer nur erzählt, wie schwierig das Leben sei und wie sehr sie sich anstrengen müssten, um nicht völlig zu versagen. Wahrscheinlich solle das motivieren, vermutet Färber. "Tut es aber nicht." Die Folgen dieser Negativ-Motivation sind seiner Einschätzung nach für viele Studenten fatal: Verinnerliche jemand immer nur, wie kompliziert und aussichtslos die Dinge seien, blockiere er sich selbst und damit seinen Erfolg. Er selbst hat sich deswegen Optimismus regelrecht zum Motto gemacht, um sich nicht in diese Falle zu begeben. Angesichts von kaum zu vermeidenden Misserfolgen und der oft niederschmetternden Kritik seitens gewisser Professoren - man solle sich doch lieber überlegen, ob man ausreichend Denkfähigkeit mitbringe, um Jura zu studieren -, blieben ohnehin nur zwei Optionen: aufgeben oder weitermachen.

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