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Benachteiligung am Arbeitsplatz : Zwangsversetzt nach London

Mit dem Dienstwagen sollte eine Mutter von Deutschland aus zu ihrer Arbeitsstelle in London fahren Bild: dpa

Eine Versetzung von Hessen in die Unternehmenszentrale nach London kann aus einer Teilzeitbeschäftigung schnell einen Vollzeitjob machen. Doch das Hessische Landesarbeitsgericht kritisiert ein solches Vorgehen als „unzulässige Strafversetzung“ einer jungen Mutter.

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          Ihre Tochter war knapp ein dreiviertel Jahr alt, als sich alles ändern sollte. In einem knappen Schreiben informierte der Arbeitgeber die 39 Jahre alte Mutter über ihren künftigen Einsatzort: Wegen der Schließung einer Niederlassung sollte sie plötzlich nicht mehr an zwei Tagen in der Woche in einem beschaulichen Städtchen in Hessen ihrer Arbeit als Abteilungsleiterin nachgehen, sondern in der Unternehmenszentrale in London. „Dies ist nicht zuletzt erforderlich, damit Sie der zukünftig in London ansässigen Geschäftsleitung sowie den übrigen Mitarbeitern nach wie vor persönlich als Ansprechpartner zur Verfügung stehen“, hieß es zur Begründung.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Bemerkenswert war zudem der Zusatz über die anfallenden Kosten für die An- und Abreise sowie zur Unterbringung in der europäischen Millionenmetropole: Diese sollte die Führungskraft nämlich selbst tragen, sofern sie sich nicht dazu entschließen könne, „mit ihrem Dienstwagen anzureisen“, wie es in dem Schreiben heißt.

          „Reine Schikane“, nennt das der Rechtsanwalt der Frau, Thomas Koeppen von der Frankfurter Kanzlei Pflüger Rechtsanwälte. Er hat vor dem Hessischen Landesarbeitsgericht erfolgreich gegen die Versetzung geklagt: Die Frankfurter Arbeitsrichter untersagten dem Arbeitgeber, die Mutter zweimal in der Woche nach London zu zitieren (Az.: 13 SaGa 1934/10). Diese Weisung komme einer unzulässigen „Strafversetzung“ gleich, monierten die Richter. Insgesamt wären zu den vereinbarten 30 Arbeitsstunden noch einmal ein Reiseaufwand und Abwesenheitszeiten von mindestens der gleichen Zeit hinzugekommen, stellte das Gericht fest und resümierte: „Dies ist unzumutbar und sprengt das vereinbarte Modell zur Vereinbarung von Kinderbetreuung und Beruf vollends.“ Zudem hielten es die Richter noch nicht einmal für erwiesen, dass die bisherige hessische Niederlassung geschlossen worden sei.

          Oft Probleme bei Schwangerschaften

          Für Rechtsanwalt Koeppen ist das kein Einzelfall. Seiner Erfahrung nach nutzen Arbeitgeber mehrere Möglichkeiten zur Maßregelung von Eltern. So komme es häufiger vor, dass Frauen nach Bekanntgabe der Schwangerschaft ein Aufhebungsvertrag angeboten werde oder der Arbeitgeber den Wunsch nach Teilzeit ablehne. „Als Arbeitsrechtler bekommt man schnell den Eindruck, dass in Deutschland jede zweite Stelle gar nicht teilbar ist“, kritisiert er. Die Ablehnung bringt die betroffenen Eltern in die Bedrouille: Eigentlich haben sie arbeitsrechtlich einen Anspruch auf Teilzeit, den Arbeitgeber nur mit dem Hinweis auf dringende betriebliche Gründe ablehnen können. Doch Klagen möchte in einem bestehenden Arbeitsverhältnis kaum jemand. Deshalb müssen sich die Eltern häufig zwischen Kündigung oder Vollzeit entscheiden. Eine weitere Spielart ist zudem das Angebot von familienunfreundlichen Arbeitszeiten wie in einem anderen Fall, den Koeppen vertritt: Einer Mitarbeiterin wurde eine Teilzeitstelle zwischen 17 und 21 Uhr angeboten.

          Nach Koeppens Beobachtung trifft die Benachteiligung inzwischen immer häufiger auch Führungskräfte und Männer. Denn durch die Einführung des Elterngeldes nehmen sie öfter eine Auszeit für ihren Nachwuchs und kehren danach wieder in Teilzeit auf ihren Arbeitsplatz zurück. Das gefällt nicht jedem Arbeitgeber.

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