Bertelsmann-Chef Thomas Rabe : Der schlaue Musikus
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Thomas Rabe Bild: dapd
Mit dem Sprung an die Spitze von Bertelsmann erreicht der bisherige Finanzchef Thomas Rabe ein lang ersehntes Ziel.
Sie ist hellbraun. Und wer sich auskennt, weiß sofort: Das ist Paula. So nennen Musiker jene Elektrogitarren der Firma Gibson, die aus der Modellreihe Les Paul stammen. Eine solche steht im Büro von Thomas Rabe. Das ist der 46 Jahre alte, in der Öffentlichkeit noch recht unbekannte Mann, der Anfang kommenden Jahres die Führung des Medienkonzerns Bertelsmann übernehmen soll. Das Instrument in seinem Büro am Firmensitz im ostwestfälischen Gütersloh ist weit mehr als eine Reminiszenz an seine - womöglich ziemlich wilde - Jugend: Als Teenager spielte Rabe einst Bass in einer Punkrockband.
Die Gitarre steht für Rabes Leidenschaft für Musik und seine Lust am operativen Geschäft. Aus Sicht von Liz Mohn und ihrer wichtigsten Ratgeber ist der promovierte Ökonom mit dieser Hingabe eher in der Lage, Europas größtem Medienkonzern nach Jahren des Konsolidierens und Sparens wieder tüchtig auf Wachstum zu trimmen. Hartmut Ostrowski, der nicht minder tüchtige, aber dann wohl doch zu bodenständige Ostwestfale, ist angeblich erschöpft und wechselt gesichtswahrend mit nur 53 Jahren in den Aufsichtsrat.
Wer Ostrowski und seinen Finanzvorstand Rabe nebeneinander erlebt hat, den beschlich schon immer das Gefühl, dass Rabe vielleicht besser für die Position der Nummer 1 geeignet wäre. Der hochgewachsene, schlanke Mann mit der hohen Stirn hat jede Chance ergriffen, sich weit über sein Finanzressort hinaus zu strategischen Fragen zu äußern. Dabei glänzt der gebürtige Luxemburger, der fünf Sprachen spricht, durch Eloquenz, Substanz und großes Selbstbewusstsein. Manch einen Kollegen schüchtert das ein. Um das Verhältnis zwischen Ostrowski und Rabe war es jedenfalls lange Zeit nicht sonderlich gut bestellt.
Trotz seines steilen Aufstiegs bei Bertelsmann hätte sich der blitzgescheite Manager um ein Haar um den Schritt nach ganz oben gebracht. Im Herbst 2008 bekam Rabe das Angebot, Vorstandschef der Münchener Senderkette ProSiebenSat.1 zu werden. Das hätte er gerne gemacht. Denn schon damals fühlte er sich zu Höherem berufen; er wollte eine echte Führungsposition übernehmen. Allein der Bertelsmann-Aufsichtsrat verweigerte ihm die Freigabe. Schließlich ist Pro Sieben der größte Konkurrent der RTL-Gruppe, die neben Gruner + Jahr, Random House und Arvato zu Bertelsmann gehört. Als Rabe wenig später auch noch mit einem Wechsel an die Spitze des Duisburger Mischkonzerns Haniel liebäugelte, sah es so aus, als ob seine Tage bei Bertelsmann endgültig gezählt wären - zumal der Konzern damals gerade ein gewaltiges Sparprogramm zimmerte, in das Rabe federführend involviert war.
Vor diesem Hintergrund dachten damals viele, dass Rabe zwar noch seinen bis Ende 2011 laufenden Vertrag erfüllen, aber danach ausscheiden werde. Doch es kam ganz anders. Im Januar dieses Jahres verlängerte der Aufsichtsrat Rabes Vertrag um fünf Jahre. Der Chefaufseher Gunter Thielen, der in seinen letzten Jahren als Bertelsmann-Vorstandschef eng und gut mit Rabe zusammengearbeitet hat, beteuert, dass Rabe damals nicht versprochen worden sei, schon bald an die Spitze zu rücken. Klar ist aber auch, dass Rabe schon immer starke Unterstützer im Aufsichtsrat hatte. Dazu zählt neben Thielen vor allem Liz Mohn. Die allmächtige Witwe des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn ist Rabe insofern zu Dank verpflichtet, weil dieser für sie 2007 den milliardenschweren Aktienrückkauf bewerkstelligte. So kam Bertelsmann wieder vollständig in die Hand ihrer Familie.
Die Mohns erwarten von Rabe, dass er Bertelsmann mehr Leben, mehr Dynamik einhaucht. Viele trauen ihm zu, dass ihm das auch gelingt - sofern ihm die Familie wirklich weitgehend freie Hand lässt. Rabe ist beides: ein kühler Rechner und ein kreativer Kopf. Diese Kombination könnte schon bald in interessanten Übernahmen münden, allen voran im Musikgeschäft, wo Rabe mit seinem Lieblingskind BMG gerade nach dem Musikrechtekatalog der britischen EMI greift. Den finanziellen Spielraum auch für größere Akquisitionen hat Bertelsmann inzwischen wieder gewonnen. Eine Milliarde Euro im Jahr könne man investieren, sagt Chefkontrolleur Thielen.
Rabe ist mit einer Ärztin verheiratet, die im Elisabeth-Hospital in Gütersloh arbeitet. Die Wochenenden verbringt die beiden am liebsten in Berlin. Dort haben sie mitten im Stadtzentrum eine Wohnung. Schon als Finanzvorstand war Rabe aber oft drei Tage oder mehr je Woche in aller Welt unterwegs, schließlich galt es für Bertelsmann die Geschäftschancen in China und Indien zu erkunden. Und auch die Offensive im Bildungsgeschäft findet vor allem im Ausland statt. Zeit zum Gitarrespielen hat Thomas Rabe daher schon lange nicht mehr. Punkrock dürfte im Haus von Liz Mohn aber ohnehin nicht die bevorzugte Musikrichtung sein.