https://www.faz.net/-1v0-7sdiq

Bayreuther Festspiele : Gebt dem Marx endlich eins auf die Nase!

  • -Aktualisiert am

Kapitalismuskritik trifft Trash: Catherine Foster als Brünnhilde in Frank Castorfs Bayreuther „Ring“-Regie Bild: Bayreuther Festspiele

Trash, Kalauer und Versatzstücke aus der Volksbühne: Frank Castorfs Inszenierung von Wagners „Ring“ fällt bei den Bayreuther Festspielen auch im zweiten Jahr durch.

          4 Min.

          Vielleicht nehmen ihn alle viel zu ernst. Als Frank Castorf nach der Wiederaufführung seiner „Ring“-Inszenierung von 2013 bei den Bayreuther Festspielen die Bühne betritt und provozierend in die Runde grinst, ist den meisten Zuschauern nicht mehr nach Lachen zumute. Große Gereiztheit hat sich breitgemacht, nicht erst mit der Wiederaufnahme von „Siegfried“, dem dritten Tag der Tetralogie, und die Aufführung der finalen „Götterdämmerung“ hat wenig zur Befriedung der Gemüter beigetragen. Jetzt, nach gut sechzehn Stunden Musiktheater, will ein Teil des Publikums Köpfe rollen sehen, mindestens: So spürbar ist der Hass auf den Regisseur. Die angestaute Wut entlädt sich in einem Buh-Sturm, wie ihn auch die Festspiele in Bayreuth nicht alle Tage erleben. Wagners Mythentempel - ein Tollhaus. Was hat die Leute so erzürnt?

          Mit viel Wohlwollen könnte man sagen: Das verheerende Echo war vorhersehbar, denn es beruht auf falschen Erwartungen. Castorf hat nämlich über weite Strecken gar nicht Wagners Nibelungen-Saga inszeniert, jedenfalls nicht nach den Maßstäben herkömmlicher Opernregie. Er hat vielmehr eine freie szenische Phantasie über die vier Teile des Zyklus ausgebreitet, die nur an wenigen Stellen konkret das Geschehen nachzeichnet. Stattdessen greift Castorf immer wieder einzelne Themen aus Wagners Mythengefüge heraus und spinnt sie leitmotivartig fort zu einer eigenen Erzählung. Die daraus erwachsenden Vorgänge auf der Bühne haben stellenweise kaum mehr Berührung mit der Vorlage, doch wollen auch sie, wie einst Richard Wagner, von der Pervertierung des Menschen durch materielle Gier erzählen und vom Scheitern aller Utopien. Die Spannung zwischen beiden Erzählsträngen - um von „Dialektik“ nicht zu reden - ist der interessante Teil des Konzepts. Daraus hätte etwas werden können.

          Weniger wohlwollend betrachtet, liegt genau in dieser Verdoppelung das Problem. Castorfs Erzählung ist nämlich weder originell noch dicht genug, um es mit Wagners musiktheatralischer Weltschöpfung aufnehmen zu können. Viele Ideen sind Versatzstücke aus einem Vierteljahrhundert Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die meisten szenischen Einfälle folgen noch immer einem zwanghaften Reflex zur Aktualisierung, die freilich nur selten Erkenntnis bringt. Dass Teile der „Götterdämmerung“ bei Castorf nicht in der Gibichungenhalle, sondern an einer Dönerbude im Hinterhof spielen, mit Resten der Berliner Mauer zur Linken - wie tiefsinnig. Dass Siegfried pro forma zwar an irgendwelchen Schwerttrümmern herumschleift, den Kapitalisten Fafner dann aber doch mit einer Salve aus der Kalaschnikow niederstreckt - entsetzlich laut und entsetzlich plakativ. Dass schließlich Wotan und Erda ihr Streitgespräch im dritten „Siegfried“-Akt bei Spaghetti und Rotwein in einer Biertischkneipe am Alexanderplatz führen und die Urmutter den strauchelnden Gott mit einem Blowjob versöhnen will - was soll’s.

          Die Sänger entwickeln Überlebensstrategien

          Diese Egal-Haltung wird zum Markenzeichen von Castorfs Regie. Obwohl er selbst noch immer an Opas Osttheater mit seiner Entrümpelungsattitüde und den immer gleichen müden Provokationen zu glauben scheint. Die dahinterstehende Klassenkampf-Ästhetik ist indes so mausetot wie der Arbeiter-und-Bauern-Staat. Dass die DDR dennoch obsessiv in den detailverliebten Bühnenbildern von Aleksandar Denić wiederkehrt, am bedrängendsten in der „Götterdämmerung“ mit einer überhellen Leuchtreklame für „Plaste und Elaste aus Schkopau“, lässt tief in die geschichtswunde Seele des Regisseurs blicken. Angesichts der aktuellen Finanzexzesse wirkt dieser Rückzug in die Ostalgie allerdings nicht erhellend, sondern miefig und provinziell. Castorf wird damit nicht einmal dem Anspruch gerecht, Wagners von Marx beeinflusste Kapitalismuskritik aus dem neunzehnten Jahrhundert ins einundzwanzigste fortzuschreiben.

          Alle Ansätze dazu bleiben Stückwerk. Castorfs Gleichsetzung des geraubten Rheingoldes mit Öl, dem schwarzen Gold, um das die Menschheit Kriege führt - kein taufrischer, aber immerhin ein tragfähiger Gedanke. Doch er versickert im Ungefähren, wie so vieles. Auch die von Castorf angestrebte Ironisierung, ein spielerischer Umgang mit Wagners theorieschwerem Welttheater, kommt selten über das Niveau von Kalauern hinaus. Etwa wenn Mime, phantastisch textklar gesungen von Burkhard Ulrich, dem riesigen Marx-Kopf, der im „Siegfried“ zusammen mit den Erzschurken Lenin, Stalin und Mao einen sozialistischen Mount Rushmore bildet, im ersten Akt eins mit dem Holzhammer auf die Nase gibt wie weiland Obelix der Sphinx. Oder wenn der prachtvolle Waldvogel der Mirella Hagen im dritten Akt plötzlich von einem der drei Kroko-Monster verschlungen wird, die es eigentlich auf Siegfried und Brünnhilde abgesehen haben. Warum auch immer.

          Die Sänger, die ihre Rollen, anders als Castorf, notgedrungen ernst nehmen müssen, entwickeln unterschiedliche Überlebensstrategien. Einige, wie Wolfgang Koch als Wotan, Oleg Bryjak als unsäglich outrierender Alberich und auch Lance Ryan als Siegfried, lassen sich voll auf die Regie ein. Leider agieren sie stimmlich nicht ebenso untadelig wie Nadine Weissmann als Erda. Andere, wie Alejandro Marco-Buhrmester als sensibler Gunther, Attila Jun, als Bösewicht Hagen sehr laut und sehr herrisch, und nicht zuletzt Catherine Foster als strahlende Brünnhilde, zeigen mehr Distanz. Foster schreitet bisweilen über die Bühne, als sei dies alles für sie ein endloser Albtraum.

          Aus dem weckt sie und die anderen nur der Dirigent Kirill Petrenko immer wieder auf. Petrenko ist das Kraftzentrum dieses „Rings“, der seriöse Gegenpart zur Regie. Er hält das auseinanderfallende Bühnengeschehen zusammen, allein mit der Kraft der Musik. Namentlich der „Siegfried“ wird mit dem hochpräzisen Festspielorchester zu einem Musterbeispiel klug vorausschauender, packender Gestaltung. Petrenko wird dafür am Ende so leidenschaftlich gefeiert wie Castorf ausgebuht. Dennoch hält sich das Gerücht, der Dirigent erwäge, nach dieser Bayreuth-Saison aus der Produktion auszuscheiden. Man könnte es ihm nicht verdenken. Für die gebeutelte Festspielleitung um Katharina Wagner wäre dies freilich der größte denkbare Unfall.

          Topmeldungen

          Abwärtstrend der Union : Die verlorene Heimat

          Für viele in der Union war Schwarz-Grün mal eine moderne Idee. Jetzt wächst die Angst, dass die Grünen übermächtig werden – und sie selbst als Juniorpartner enden.
          Unser Sprinter-Autor: Oliver Georgi

          F.A.Z.-Sprinter : Wer kann SPD-Vorsitz?

          Während es bei der SPD zum nächsten Duell um den Vorsitz kommt, läuft es bei den Grünen prächtig. Es steht sogar die Frage nach der Kanzlerkandidatur im Raum. Was sonst noch wichtig wird, der F.A.Z.-Sprinter.
          Die Polizei nimmt an der Polytechnischen Universität in Hongkong Protestierende fest.

          Krise in Hongkong : Unter Belagerung

          Hunderte Hongkonger Aktivisten harren auf dem Campus der Polytechnischen Universität aus. Die Polizei hat das Gelände umstellt – und droht mit dem Einsatz scharfer Munition.