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Bayreuth 2004 : Namibische Robben für den obdachlosen Metaphysiker

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Szene aus Christof Schlingensiefs „Parsifal” (2004) Bild: Bildarchiv Bayreuther Festspiele

Die vorab beschworenen Tabubrüche Christof Schlingensiefs fanden nicht statt. Namibische Robben, wirres Videogeflimmer, Hasen, Mongoloide und eine barbusige Urmutter fügten sich lediglich zu einem großen, nichtssagenden Verhau.

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          Um dem Ruch künstlerischer Stagnation und Versteinerung entgegenzuwirken, begann der sonst so konservative Wolfgang Wagner mit dem Regietheater zu flirten. Doch er spekulierte mehr mit der Medienwirksamkeit kontrovers diskutierter Namen wie Lars von Trier und Christoph Schlingensief, als auf die zu erwartende ästhetische Qualität. Aufsehenerregende Regietheater-Inszenierungen mußten her, um die Modernität der Festspiele endlich einmal wieder unter Beweis zu stellen.

          So einfach aber funktionierte das nicht. Lars von Trier, der bis 2006 einen neuen „Ring“ schmieden sollte, warf das Handtuch. Stattdessen wird ab Mittwoch die Teralogie nun in der Regie von Tankred Dorst zu sehen sein. Und der vorab in den Medien mächtig angeheizte Skandal um Schlingensiefs „Parsifal“ -- blieb einfach aus. Auch Schlingensief hatte als Regiekandidat für das „Bühnenweihfestspiel“ übrigens einen Vorgänger: Martin Kusej und der Festspielleiter hatten sich zuvor einvernehmlich getrennt. Da schien Wolfgang Wagner für das rätselhafteste Werk seines Großvaters, ein Provokateur wie Schlingensief, der sich selber als „metaphysisch obdachloser Metaphysiker“ bezeichnet hat, gerade recht. Immerhin konnte Schlingensief schon eine gewisse Wagner-Erfahrung vorweisen, hatte 1999 in Namibia die Wüste mit Wagnermusik beschallt.

          Die vorab beschworenen, halb gefürchteten, halb sensationslüstern erhofften Tabubrüche fanden nicht statt. Namibische Robben, wirres Videogeflimmer, Hasen, Mongoloide und eine barbusige Urmutter fügten sich lediglich zu einem großen, nichtssagenden Verhau. Von diesem Durcheinander ganz ungerührt dirigierte Pierre Boulez, als ob sich seit 1966 an seiner Sicht auf Wagners Partitur nichts geändert habe. Damals hatte seine schlanke, hypertransparente und gänzlich unpathetische Interpretation Wagner erhellend in die Nähe Debussys gerückt. An diese Lesart hat sich Boulez bis in die Tempi hinein gehalten.

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