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Bei Ägyptens Christen : Stehe auf und nimm das Kindlein

Seit Jahrtausenden ist der christliche Glaube in Ägypten verwurzelt, doch praktiziert wird er hinter hohen Mauern: ein Mönch im Boromäus-Kloster Bild: Hubert Spiegel

Die Heilige Familie floh vor Herodes an den Nil. Später wurde Ägypten für zwei Jahrhunderte zu einem Zentrum des Frühchristentums. Jetzt will das Land an diese Tradition anknüpfen und sich als Hort der religiösen Toleranz präsentieren.

          Wenn die Heilige Familie heute nach Ägypten flüchten wollte, hätte sie es auch nicht leichter als vor zweitausend Jahren. Sie müsste Bethlehem wieder in südlicher Richtung verlassen, ihren Esel Richtung Gaza führen, illegal die Grenze passieren, der Hamas, etlichen Dschihadisten und allerlei anderen Terrorgruppen aus dem Weg gehen, aufpassen, dass sie nicht zum Ziel eines Anschlags oder einer Entführung würde, und dann die Wüste Sinai durchqueren, um zwischen den Städten Al Arisch und Port Said den Weg nach Kairo einzuschlagen. In Tell Basta wäre es dann wieder an der Zeit für das erste Wunder – wie damals, kurz nach Jesu Geburt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Tausendvierhundert Jahre zuvor, in der Regierungszeit von Pharao Echnaton, hatte es in Ägypten eine kurze erste Phase des Monotheismus gegeben. Aber zu Zeiten Jesu war die Ortschaft Tell Basta voller Götzenbilder, die bei der Ankunft der Heiligen Familie eines nach dem anderen umstürzten, als wüte eine unsichtbare Hand. Die Heilige Familie wurde beschimpft, bedroht und der Legende nach sogar misshandelt: die erste Christenverfolgung auf ägyptischem Boden, wenn man so will, wenngleich weniger bedrohlich, als die Häscher des Herodes in der Heimat es gewesen waren. Die Heilige Kleinfamilie setzte ihre Flucht Richtung Süden fort, bis sie nach Mostorod kam, wo die Gottesmutter das Jesuskind erst einmal gründlich wusch und vom Staub der Wüste befreite. Auf dem Rückweg, etwa drei Jahre später, ließ das wundertätige Jesuskind in freudiger Erinnerung an das erquickende Bad eine Quelle in Mostorod hervorsprudeln. Sie sprudelt, was sollte sie auch anderes tun, noch heute.

          Wer den Spuren der Heiligen Familie in Ägypten folgt, sieht nicht nur Orte, an denen Jesus gelebt haben soll, sondern er trifft auch auf Menschen, die über ihren Erlöser reden, als wäre er gestern noch unter ihnen gewesen. In einem koptischen Kloster schnurren zweitausend Jahre im Handumdrehen zusammen, bis die Jahrhunderte auf dem langen Faden der mündlichen Überlieferung aufgereiht sind wie Perlen auf einer Schnur. Wer vor der 4500 alten Cheopspyramide steht, die nur fünfzehn Kilometer von Kairos Zentrum entfernt aus der Wüste wächst, gerät erst recht in den Strudel der Geschichte und verliert jegliches Zeitgefühl. Kann ein von Menschenhand errichtetes Monument fremder sein?

          Gipfeltreffen der Religionen

          Am Abend des ersten Tages, den wir in Gizeh und unter den Skulpturen, Sarkophagen und Mumien im Ägyptischen Museum in Kairo verbracht hatten, fand eine Art Gipfeltreffen der Religionen statt. Zuvor staunten wir über die Größe der Pyramiden und die Leere, die sie umgab. Manche Führer und Andenkenverkäufer wirkten so lethargisch, als wären sie die letzten Angehörigen eines zum Aussterben verurteilten Berufsstandes, müde und mürb geworden vom Warten auf die Rückkehr der Touristenscharen früherer Jahre. Ein Polizist hockt auf seinem Kamel und blickt versunken auf die Stadt, die zum Greifen nah ist. Dort, wo Kairo aufhört, fängt die Wüste an. Dort, wo Kairo anfängt, hört die Wüste nicht auf. Sie gönnt den Menschen nur eine kleine, lärmende, brodelnde, fünfzehn bis achtzehn Millionen Leiber zählende Ablenkung vom Sand der Jahrtausende.

          Das Museum, das an den Tahrir-Platz angrenzt, wird gut bewacht. Der Platz, auf dem zahllose Menschen gegen das Mubarak-Regime und für Freiheit und Demokratie demonstriert haben, ist jetzt menschenleer. Die jungen Soldaten, die aus den Luken ihrer Panzerfahrzeuge schauen, winken uns zu, als wir aus dem Reisebus steigen. Touristen sind auch in Kairo seltener geworden. Heute sind sie fast überall gern gesehen, als wäre jeder einzelne von ihnen ein Vorbote der Rückkehr zur Normalität. Ohne stabile politische Verhältnisse gibt es keinen Massentourismus, ohne Urlauber liegt Ägyptens wichtigster Wirtschaftszweig am Boden, ohne eine florierende Tourismusbranche kommt das Land nur so langsam voran wie ein Einbeiniger ohne Krücken.

          Das ist einer der Gründe, warum wir hier sind: Ägypten will christliche Touristen aus aller Welt einladen, das Land auf den Spuren der Heiligen Familie zu bereisen. Ein weiterer Grund ist politischer Natur: Nach dem Interregnum der Muslimbruderschaft und der Machtübernahme durch das Militär will Ägyptens Regierung zeigen, dass die politische Spitze des Landes weltoffen ist und vor allem in der heiklen Frage des Miteinanders der Religionen auf Toleranz setzt.

          Beim Oberhaupt der koptischen Kirche

          An diesem ersten Abend unserer Reise ist der stets gut gesicherte Kirchenkomplex Haret Zuwaila in Alt-Kairo noch besser gesichert als sonst. Seine Heiligkeit Papst Tawadros II., das Oberhaupt der koptischen Kirche, ist der Gastgeber. Der Vatikan hat einen Gesandten geschickt, der Grußworte überbringt. Der große Innenhof des Koptischen Museums wimmelt von bärtigen Männern in langen schwarzen Gewändern: Kopten, Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, Russisch-Orthodoxe sowie einige bartlose Anglikaner. Unter Palmen stehen Stühle.

          Die Moderatorin, die durch den Abend führt, sieht aus, als wolle sie eine Spielshow bei RTL moderieren. Sie sonnt sich eine geschlagene Stunde lang im Scheinwerferlicht, plaudert mit diesem und jenem, spricht aber kein einziges Wort ins Mikrofon. Sie wartet darauf, dass es endlich anfängt, wie alle anderen auch. Ein Aufmarsch von Nadelstreifen und geistlichen Gewändern. Alle wichtig, alle würdig. Bemerkenswert, auf wie viele unterschiedliche Weisen sich Männer zur Begrüßung umarmen und küssen können.

          Der Engel in Josephs Traum

          Dann spricht Papst Tawadros II., gefolgt von Ägyptens Tourismusminister. Sogar Ministerpräsident Ibrahim Mahlab greift zum Mikrofon. Der Regierungschef spricht frei, es wirkt, als wäre er ganz bei der Sache, nicht wie ein Politiker, der einen seiner hundert Pflichttermine abhakt. Hescham Kandil, sein Vorgänger im Amt, wurde vor einem Jahr verhaftet, am 24. Dezember 2013. Er war auf der Flucht Richtung Sudan. Wäre Kandil jetzt noch im Amt, der große Empfang zu Ehren der Heiligen Familie könnte unmöglich stattfinden. Denn Kandil war Ministerpräsident von Gnaden des ebenfalls inhaftierten früheren Staatspräsidenten Mursi, der als Anführer der Muslimbruderschaft alles andere als ein Freund des Austauschs zwischen den Religionen war. Solange die Muslimbrüder an der Macht waren, durfte sich kein Kopte in Ägypten sicherer fühlen als Joseph, Maria und Jesus in Bethlehem.

          Aus Ägypten rief ich meinen Sohn, hieß es in der Prophezeiung des Alten Testaments, und damit sie sich erfüllen konnte, erschien ein Engel Joseph im Traum und gab ihm den dringenden Rat, nach Ägypten zu fliehen, denn König Herodes wollte den neugeborenen König der Juden töten lassen. Fast vier Jahre dauerte das Exil der Heiligen Familie, bis Herodes starb und der Engel abermals erschien und Joseph die Rückkehr befahl: „Da aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Joseph im Traum in Ägyptenland und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kinde nach dem Leben standen.“ So steht es in Matthäus 2:19. Als vorsichtiger Familienvater kehrte Joseph indes nicht nach Bethlehem zurück, wo nun Archelaus anstelle seines Vaters Herodes als König von Judäa herrschte, sondern begab sich nach Nazareth, auf dass ein anderes Wort der Prophezeiungen sich erfülle: „Er wird Nazarener genannt werden.“

          Eine Wiege des Frühchristentums

          Nur wenige Sätze genügen dem Evangelisten Matthäus, um den Aufenthalt Jesu in Ägypten zusammenzufassen. Dass er prägend für das Land der Pharaonen war, das nach dem Tod Kleopatras im Jahr 30 vor Christus für vier Jahrhunderte zur römischen Provinz wurde, danach unter byzantinische Herrschaft fiel, bis Anfang des siebten Jahrhunderts erst persische Sassaniden und dann muslimische Araber in Ägypten einfielen, ist heute kaum noch vorstellbar. Doch zwei Jahrhunderte lang war das Land am Nil eine Wiege des Frühchristentums. Der Patriarch von Alexandria stritt um die Vorherrschaft in der Reichskirche, ging in Opposition zu Papst Leo dem Großen in Rom und führte so die Gründung der koptischen Kirche herbei, deren Angehörige heute die größte religiöse Minderheit im Land stellen. Neunzig Prozent der 85 Millionen Ägypter sind Muslime, zwischen fünf und zehn Prozent machen die Kopten aus.

          Als die Welt sich auf die Jahrtausendwende vorbereitete, erinnerte sich Ägypten an seine christlichen Wurzeln und beteiligte sich an der „weltweiten Feier des zweitausendsten Geburtstages Christi“. Ägypten wollte sich mit seiner Geschichte und seinem „Volkscharakter“ auseinandersetzen und wurde dabei „inhaltlich und programmatisch unterstützt und ermuntert von Präsident Mubarak“, wie der damalige Tourismusminister in einer Broschüre schrieb. Das Ende seines Textes klang so, als handelte es sich um eine politische Grundsatzrede: „Unser Land war und wird immer das Land des Asyls, des Friedens und der Koexistenz bleiben. Die Einheit des ägyptischen Volkes mit seinen Muslimen und Kopten ist die Hauptsäule Ägyptens, als Staat und Nation.“

          Kopten in Bedrängnis

          Das internationale katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ unterhält eine Website, die einen Überblick über die Lage verfolgter Christen auf der ganzen Welt gibt. Für Ägypten meldete „Kirche in Not“ in den vergangenen Jahren zahlreiche Vorkommnisse: gewalttätige Übergriffe, Entführungen, die Ermordung eines koptischen Arztes im September, den schweren Angriff auf eine koptische Trauerfeier in der Kairoer Markuskathedrale im April vorigen Jahres. Mehrere Menschen wurden dabei getötet, an die neunzig schwer verletzt. Ein besonders schwerwiegendes Problem stellt die Zunahme von Entführungen dar.

          Allein in der oberägyptischen Region um Nag Hammadi wurden in den vergangenen drei Jahren 72 Kopten Opfer von Entführungen mit Lösegeldforderungen, drei davon wurden von ihren Entführern ermordet. Bei den Lösegeldforderungen berücksichtigen die Entführer jeweils die Vermögensverhältnisse ihrer Opfer. Mehr als 700000 Euro sollen erpresst worden sein. Zum Vergleich: Das Durchschnittseinkommen eines Ägypters liegt bei weniger als siebzig Euro im Monat. Das „Bündnis der Kopten“ mit Sitz in Qena hat an den ägyptischen Präsidenten und an das Innenministerium appelliert und staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Entführungen gefordert.

          Hinter befestigten Klostermauern

          Immer wieder sind die koptischen Klöster feindlichen Angriffen ausgesetzt. Etwa ein Dutzend gibt es im Land, die meisten davon sind wie das Kloster des Heiligen Pischoi Kirchenkomplex, Landwirtschaftsbetrieb und Wüstenfestung zugleich. Das Pischoi-Kloster liegt in der Nähe von Wadi Natrun in der Sketischen Wüste. Hier lebten seit dem vierten Jahrhundert nach Christus Eremiten und Mönche. Wie das benachbarte Boromäus-Kloster ist auch das Pischoi-Kloster durch hohe Mauern gesichert. Früher flüchteten die Mönche vor räuberischen Nomadenstämmen in ihre hohen Wohntürme, deren kleine Eingänge hoch über dem Boden lagen und nur über eine Art Zugbrücke erreichbar waren. Dank einer eigenen Wasserversorgung und großer Nahrungsvorräte konnte man so auch ausgedehnte Belagerungen überstehen. Angelegt wurden die Fluchttürme meistens zwischen dem elften und dem dreizehnten Jahrhundert. Ein beruhigendes Gefühl vermitteln sie den Mönchen noch heute. Zurzeit herrsche Ruhe, sagt einer von ihnen im Pischoi-Kloster, aber das könne sich jederzeit ändern.

          Koptische Klöster gleichen Oasen. Die Fahrt mit dem Bus von Kairo nach Wadi Natrun dauert Stunden. Man fährt über staubige Straßen, durch staubige Dörfer, hält an kleinen Rastplätzen inmitten der Wüste, die hier nichts Erhabenes, nichts Majestätisches hat, sondern nur aus Geröll, Staub und Steinen besteht. Es ist eine Schmuddelwüste, auch ohne den Müll, der überall am Wegesrand liegt. Dann tut sich plötzlich das Trockental auf, zehn Kilometer breit, mehr als dreißig Kilometer lang.

          Jesus als erster Tourist

          Früher soll es hier sechzig Klöster gegeben haben, heute sind es noch vier, allesamt in ausgezeichnetem Zustand. Zum mönchischen Ideal gehört die vollständige Unabhängigkeit: Ginge die Welt unter und allein das Kloster bliebe bestehen, seine Bewohner könnten sich nähren und kleiden. Fast alles, was die Mönche und ihre Arbeiter zum Leben benötigen, wird hier hergestellt, nahezu jedes Handwerk betrieben. Die Klöster sind modern und archaisch zugleich. Effiziente Wirtschaftsbetriebe, Orte der Besinnung und des Glaubens, Symbole für die enormen Beharrungskräfte der Gläubigen in einer feindseligen Umgebung. Künftig sollen sie Touristen und Pilger aus aller Welt anlocken.

          Zu unserer Reisegruppe gehörten Geistliche und Journalisten aus Deutschland, Frankreich, Italien, Russland, Malaysia, Spanien, den Vereinigten Staaten, Griechenland und von den Philippinen. Ägyptens Ministerpräsident hatte die Gäste aus aller Welt beim Empfang in Haret Zuwaila dazu aufgefordert, einander zu umarmen und gemeinsam um Frieden für Ägypten und die ganze Welt zu beten. Gott habe Ägypten gesegnet, sagte Papst Tawrados II., weil das Land die Heilige Familie aufgenommen habe in den Tagen des Herodes. Jesus sei der erste Tourist der Welt gewesen. Wer aber, so fragte der Papst dann, habe die Stationen dieser Reise über all die Jahrhunderte hinweg beschützt und bewahrt? Die koptische Kirche.

          Ein Kreuz, von Halbmonden umringt

          Als die Heilige Familie nach Assiut kam, fand sie Schutz in einer einsamen Höhle. Heute geht es dort belebter zu: Kinder tollen umher, alte Frauen beten, zwei junge Frauen sitzen auf einer Bank neben dem Höhleneingang. Wir sprechen über ihren Glauben und ihre Hoffnungen. Beide haben studiert, finden aber keine Stelle und wollen möglichst rasch ins Ausland. Warum? Koptische Familien legen oft größeren Wert auf eine gute Ausbildung der Kinder als muslimische Familien. Aber das helfe wenig, solange die christliche Minderheit im Land systematisch benachteiligt werde.

          Im El-Sorian-Kloster in Wadi Natrun hatten wir staunend vor der Tür der Prophezeiungen gestanden, die den Altarraum den Blicken der Gemeinde entzieht. Die Gläubigen küssten den reichbestickten Vorhang, die Mönche legten andächtig ihre Hände auf den schweren Riegel. Matt schimmerten die Intarsien aus Elfenbein in dem mehr als tausend Jahre alten Holz. Sie zeigen das Kreuzsymbol in den unterschiedlichsten Ausprägungen: große Kreuze, kleine Kreuze, Kreuze im Kreis, koptische, syrische, römische Kreuze. Eines der Felder der Tafel zeigt ein Kreuz, das von Halbmonden umringt ist. Prägnanter lässt sich die Situation der koptischen Kirche in Ägypten auch tausend Jahre später nicht fassen.

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