https://www.faz.net/-1v0-71r8f

: Assads blutendes Antlitz

  • Aktualisiert am

MARAA, 31. JuliUnter den blutigen Rasiermesserschnitten ist Baschar al Assad kaum noch zu erkennen. Tamer* trägt ihn über dem Herzen, mitten auf die Brust ...

          5 Min.

          MARAA, 31. Juli

          Unter den blutigen Rasiermesserschnitten ist Baschar al Assad kaum noch zu erkennen. Tamer* trägt ihn über dem Herzen, mitten auf die Brust tätowiert. Daneben andere Mitglieder des syrischen Regierungsclans, Frauengesichter, Tiger, Vögel und der Schlachtruf „Nur Gott, Syrien und Baschar“. Sein Körper war eine Loyalitätsbekundung an das syrische Regime. Aber das ist Vergangenheit. Als die Rebellen in seine Heimatstadt Aleppo einmarschieren, ergibt sich der Bäckergehilfe Tamer den neuen Machthabern. Mit dem Rasiermesser, das er sonst benutzt, um Mehlsäcke aufzuschlitzen, läuft er zum Hauptquartier der Rebellen, zieht sich sein Hemd vom Oberkörper, schreit „Ich gebe mein Blut für die Freie Syrische Armee“ und ritzt das tätowierte Porträt Assads von seiner Brust.

          So erzählt Tamer die Geschichte hier im Rebellengefängnis in der Stadt Maraa im Norden der Provinz Aleppo. Er erzählt sie unter den Augen von Jumbo. So nennt sich der Gefängnisdirektor. Jumbo sieht so aus, wie er heißt. Sein T-Shirt spannt sich über seine massiven Arme und den runden Bauch. Er trägt eine Pistole im Holster unter seinem rechten Arm. Das Gefängnis war vor dem bewaffneten Aufstand eine Schule. Jumbo war vor dem Aufstand Lastwagenfahrer.

          Er weigert sich, Fremde allein mit den Gefangenen sprechen zu lassen. Jumbo ist niemand mit dem man sich anlegen will, niemand, den man als Gefangener zum Aufseher haben will. So sagen die Häftlinge, dass ihre Wunden, ihre blauen Flecken von Stürzen oder umherfliegenden Splittern bei Gefechten kommen. Sie erzählen, wie gut sie hier behandelt werden, und schwören der Freien Syrischen Armee ihre Treue. Vieles, was sie sagen, ist nicht glaubhaft. Auch Tamers Geschichte kann nicht unabhängig geprüft werden, aber es ist unwahrscheinlich, dass Jumbo Tamer mit Journalisten sprechen lassen würde, wenn seine Narben von Misshandlungen stammen würden.

          Jumbo sagt, dass Tamer einer der Shabiha, der Geister, sei, wie sie die bezahlten Schläger und Mörder des Regimes hier nennen. Deshalb halten sie ihn hier fest. Mehr haben sie nicht gegen ihn in der Hand. „Ich habe keine Beweise, dass er jemanden getötet hat“, sagt Jumbo. Meist sitzt er weit zurückgelehnt im Bürostuhl hinter seinem Schreibtisch. Als Tamer bestreitet, ein Shabiha-Milizionär gewesen zu sein, fängt Jumbo laut an zu lachen. Sein Körper bebt dabei. Er lacht jedes Mal, wenn er etwas an Tamers Geschichte nicht glaubt.

          Der bewaffnete Aufstand in Aleppo wurde aus dem Hinterland in die Stadt getragen. Erst nachdem die Provinz sich in den vergangenen Wochen der syrischen Regierungstruppen entledigt hat, sind die Rebellen aus den staubigen Kaffs nahe der türkischen Grenze in die Provinzhauptstadt Aleppo gezogen, wo sie sich schon seit Tagen schwere Gefechte mit der Armee liefern. Die Dörfer auf dem Land sind der strategische Rückhalt im Kampf um die Viertel im Nordwesten des Wirtschaftszentrums. Von hier kommen die Kämpfer, die wichtigen Kommandeure, Waffen und Verpflegung. Hierher kommen Kämpfer um sich zu erholen. Gefangene der Rebellen werden hier festgehalten und verurteilt.

          Maraa ist schon seit Monaten unter Kontrolle der Opposition. Bis vor kurzem wurde die Stadt zwar immer wieder beschossen, aber die Regierungstruppen konnten den Ort nicht wieder zurückerobern. Die benachbarte Stadt Azaz war lange umkämpft, ist aber seit knapp zwei Wochen unter Rebellenkontrolle. Inzwischen ist der Großteil der Provinz Aleppo für die syrische Regierung verloren. Und langsam entwickelt sich ein Rebellenstaat mit einem eigenen Justizsystem, neuen Machthabern und ungekannter Freiheit.

          Mancher hier ist getrieben vom Willen, es besser zu machen als die alten Machthaber, mancher von Rachegelüsten. Jumbo zählt sich zu Ersteren. Selbst gefangene Alawiten, Mitglieder der Religionsgemeinschaft, der Machthaber Assad angehört, sollten keine Angst haben, sagt er. „Sie glauben, dass wir sie umbringen, aber wir bringen niemanden um. Wenn wir das gewollt hätten, hätten wir es längst gemacht.“

          Aus seinem Schreibtisch zieht Jumbo einen dünnen Plastikordner - bisher verhängte Urteile. Gefangene könnten sich verteidigen und Zeugen nennen. Er zeigt den Fall einer Gruppe von Alawiten, die die Rebellen festgenommen und hier eingesperrt haben. Auf einer Seite ist der Fall der Gruppe zusammengefasst. Hintergrund der Angeklagten, Beweislage, Urteil, unterschrieben von drei Richtern. „Wir hatten keine Beweise gegen sie, also haben wir sie gehen lassen“, sagt Jumbo.

          Topmeldungen

          Nach links, ok, und dann? Olaf Scholz im April.

          SPD-Kanzlerkandidat : Kann es für Scholz ein gutes Ende geben?

          Die SPD hat einen Plan, aber einen schwachen Kandidaten. Olaf Scholz kämpft gegen schlechte Umfragewerte und die eigene Partei. Hat er auch nur irgendeine Chance gegen Annalena Baerbock?
          Dennis Aogo

          Dennis Aogo : Die große Verunsicherung nach dem Sturm

          Dennis Aogo steht im Mittelpunkt einer turbulenten Fußballwoche. Was darf man als Profi oder Experte sagen? Welche Formulierungen sind korrekt, welche idiotisch? Und wie geht es weiter?
          Wer hat uns bloß den Impfneid eingepflanzt?

          Fraktur : Der implantierte Impfneid

          Lammfromm zur Impfbank: Wäre die Nachricht von der Gates-Scheidung bloß früher gekommen!