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Tests mit Patienten : Kampf gegen Ebola nimmt Fahrt auf

Heimtückisches Virus: Ärzte ohne Grenzen im Kampf gegen Ebola in Sierra Leone Bild: AFP

Pharmaunternehmen treiben Vorbereitungen für systematische Arzneitests an Patienten voran. Ein Anbieter geht etwas weiter als die anderen. Aber: Alles ist noch im frühen Stadium.

          Der Kampf hat spät begonnen. Zu spät, sagen viele, denn wenn ein Erreger sich erst einmal massenweise ausgebreitet hat, bleibt eigentlich keine Zeit mehr. In der Pharmaforschung aber dauert es viele Jahre, neue Wirkstoffe zu erforschen und gründlich auf Wirkung und Nebenwirkung zu testen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Arbeit an einem Präparat gegen das Ebola-Virus steckt noch in den Anfängen. Fast alle Unternehmen und Organisationen, die sich damit beschäftigen, sind mit ihren Projekten nicht über die vorklinische Phase - also das Stadium vor den Tests am Menschen - hinaus.

          Drei klinische Phasen am Menschen vor der Zulassung

          Ein amerikanisches Unternehmen ist jetzt mit einer Ankündigung etwas weiter vorangeprescht: der Spezialentwickler Chimerix, der Tabletten gegen Virenkrankheiten erforscht. Hauptprodukt ist der Wirkstoff Brincidofovir, der für andere Anwendungen wie etwa die Herpes-Behandlung schon recht weit durchgetestet ist.

          Regulär durchlaufen Medikamente vor der Zulassung drei klinische Testphasen am Menschen: die erste an Gesunden, die zweite und dritte an Kranken. Zum Kampf gegen Ebola war Brincidofovir bisher noch nicht in die klinische Phase vorangetrieben worden. Das soll sich nun ändern. „Wir arbeiten eng mit der [Aufsichtsbehörde] FDA zusammen, um einen Studienplan für die Phase zwei abzuschließen, um Sicherheit, Verträglichkeit, und Wirksamkeit von Brincidofovir bei Patienten zu erproben, die erwiesenermaßen am Ebola-Virus erkrankt sind.“

          Nur ein Mittel ist überhaupt in die klinische Phase gekommen

          Ein solcher Plan gibt beispielsweise vor, welche Patienten ausgewählt werden und wie oft ein Wirkstoff in welcher Menge verabreicht wird. Ein Präparat in Phase zwei wäre, so weit bekannt, das am weitesten fortgeschrittene Projekt bei der Suche nach einem Mittel gegen Ebola. Nach einer Aufstellung des deutschen Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VfA) hat bisher nur ein Mittel überhaupt die klinische Phase erreicht: nämlich TKM-Ebola von der amerikanischen Gesellschaft Tekmira, das sich in Phase eins befindet.

          Ein knappes Dutzend anderer Projekte steckt demnach in der vorklinischen Phase. Typischerweise dauert die Phase eins etwa ein Jahr. Anzunehmen ist, dass Chimerix diese Etappe aber schnell durchziehen und dann zügig in Phase zwei fortschreiten kann - denn das Unternehmen könnte vermutlich Erkenntnisse aus früheren Phase-eins-Studien von Brincidofovir gegen andere Virenerkrankungen mitverwerten. Chimerix macht sogar konkrete Hoffnung, dass die Arznei schnell zum regulären Einsatz kommt: „Wir hoffen, dass Brincidofovir eine potentielle Behandlung gegen das Ebola-Virus noch während der jetzigen Seuche anbieten kann.“

          Experimentelle Arzneien dürfen getestet werden

          In Notfällen erlaubt die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA ausnahmsweise, Medikamente anzuwenden, die noch nicht regulär zugelassen sind - auch bei Ebola hat sie das schon getan. Und auch Brincidofovir ist schon verabreicht worden, wie Chimerix bestätigt. Details verrät das Unternehmen aber nicht, auch nicht über den Behandlungserfolg.

          Bekanntgeworden ist der Fall des Liberianers Thomas Eric Duncan in Dallas. Er starb vorvergangenen Mittwoch im Alter von 42 Jahren auf der Isolierstation, nachdem ihm die Klinik einige Tage nach seiner Einreise zunächst trotz leichten Fiebers nach Hause geschickt hatte. Zuletzt verabreichten die Ärzte Duncan auch Brincidofovir.

          Auch andere Unternehmen haben von der FDA die Genehmigung bekommen, experimentelle Arzneien außerhalb der normalen Zulassung an Ebola-Erkrankte abzugeben. Bekanntgeworden sind Tekmiras TKM-Ebola sowie das Präparat ZMapp vom privat geführten Unternehmne Mapp, das aber nicht mehr vorrätig ist.

          Angst vor Ebola beschert hohe Aktienkurse

          Nachdem die neuesten Nachrichten von Chimerix an der Börse durchsickerten, zog die Aktie des Unternehmens um rund 15 Prozent an. Eines ähnlichen Kurssprungs seiner Anteilsscheine hatte sich zuvor schon Tekmira erfreuen können. Weitere Unternehmen, die wegen Beschäftigung mit Ebola-Mitteln am Aktienmarkt Aufmerksamkeit erregten, waren Newlink, Biocryst und Sarepta. Von den großen Pharmakonzernen ist in erster Linie die britische Glaxo Smith Kline (GSK) zu nennen, die an einem Impfstoff arbeitet und seit September Tests an Menschen ausführt.

          Brincidofovir hindert Viren daran, Kopien von sich selbst zu erzeugen, wie Chimerix erläutert. Es durchläuft für mehrere Anwendungen bereits die dritte klinische Phase - und ist zudem seit 2012 im Zuge von Sondergenehmigungen schon vielen Patienten mit lebensbedrohlichen Krankheiten verabreicht worden.

          Als die Ebola-Epidemie begann, schickte das Unternehmen nach eigenen Angaben Brincidofovir zu den Speziallabors, die das Ebola-Virus in Amerika untersuchen. Experimente im Reagenzglas hätten eine „kraftvolle Aktivität“ auch gegen Ebola nahegelegt. Nur diese Labordaten sind bisher verfügbar. Als Nächstes sind Tierexperimente geplant, die über die Wirkweise im lebenden Organismus Aufschluss geben sollen.

          Klinische Daten, also solche aus Tests am Menschen, gibt es nur aus den Phase-drei-Tests im Zusammenhang mit den anderen Virenerkrankungen sowie den Notfallgaben per Sondergenehmigung. So haben bisher mehr als 1000 Menschen den Wirkstoff erhalten.

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