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Arthur Schnitzler: „Träume“ : Im Wartezimmer von Sigmund Freud

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Ein Doppelgänger seiner selbst: Arthur Schnitzler Bild: dpa

Arthur Schnitzlers Figuren hörten nachts schließlich auch nicht auf zu arbeiten: Nun ist erstmals das rätselhafte „Traumtagebuch“ des Schriftstellers erschienen.

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          In Schnitzlers Werken gibt es viele beeindruckende Traumsequenzen - man denke nur an die von Stanley Kubrick verfilmte „Traumnovelle“ oder an den niederschmetternden Traum des alternden Lebemanns in „Casanovas Heimfahrt“. Und nicht nur die beiden im inneren Monolog erzählten Meisternovellen „Leutnant Gustl“ und „Fräulein Else“ verfolgen eine Albtraumdramaturgie: als anschwellende Panikgesänge bedrängter Seelen. „Mir scheint, ich träum’“, meint Gustl, als der nicht satisfaktionsfähige Bäckermeister an seinem Säbel fummelt.

          “Many of my plots came to me in my dreams“, verriet Schnitzler 1930 in einem Interview. Traumarbeit war für ihn essentiell, und da passt es, dass jetzt zum 150. Geburtstag eine kommentierte Edition der über sechshundert Träume vorliegt, die er verstreut in seinen Tagebüchern notierte; ein Projekt, dass er selbst noch zu Lebzeiten ins Auge gefasst hatte. Es handelt sich allerdings nicht um literarisch bearbeitete Traumprosa mit ihrem spezifischen Sog, sondern um zumeist in schlichten Worten niedergeschriebene Traum-Protokolle.

          Skepsis gegenüber der Psychoanalyse

          Sigmund Freud bezeichnete den psychologischen Tiefenerzähler Schnitzler einmal als „Doppelgänger“ seiner selbst - es war als Kompliment gemeint, aber Schnitzler wollte nicht bloß Erfüllungsgehilfe der Psychoanalyse sein. Einmal träumt er, dass er als Patient im Wartezimmer bei Freud sitzt und von einem Sekretär aufgerufen wird: „Herr Schönleber.“ Er war nicht ganz einverstanden mit Freud, dieser Herr Schönleber. „Nicht die Psychoanalyse ist neu, sondern Freud. Sowie nicht Amerika neu war, sondern Columbus“, meinte er einmal.

          Skepsis hegte er vor allem gegenüber der psychoanalytischen Traumsymbolik, ihren inflationären Phallussymbolen, brodelnden kindlichen Inzestwünschen und „Mutterleibsphantasien“. Als er 1915 davon träumt, dass „die Russen vollkommen umklammert“ seien, fügt er süffisant hinzu: „Freud würde zweifeln, dass ich die Russen gemeint habe.“ Mit Freuds Konzeption des Unbewussten hadert er sogar in den Nächten, jedenfalls träumt er von einem Mann, der ihm eine Landkarte der Psyche zeigt, in der Bewusstsein und Unbewusstes allzu deutlich voneinander getrennt sind. „Ich sage ihm, dass die Karte nicht richtig ist - zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein gibt es viele Schichten, allmälige Übergänge.“

          Im Bademantel durch die Straßen schweben

          Der Traum sei „der Wächter des Schlafs“, lautet eine fundamentale These Freuds. Auch davon kann hier nicht die Rede sein: „Träume so heiterer Art, dass ich laut lachend erwache.“ Viel öfter aber schreckt Schnitzler schreiend aus unangenehmen Träumen auf, die also auch nichts - so eine weitere Freud-Hypothese - von „Wunscherfüllungen“ haben. Er entwickelt sogar eine regelrechte Kunst des Aufwachens aus dem Alb: „Ich erwache mich (was man wohl sagen darf).“

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