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Anmerkung zum Klimagipfel : Durchhaltemodelle

Mittlere Jahremitteltemperatur und Eisbedeckung (weiße Flächen) in einer Projektion bis ins Jahr 2100. Bild: NOAA

Klimaschutz muss jetzt sein oder nie, sagt die Wissenschaft. Seit Jahren. Wie oft lesen wir noch solche Studien, in denen die Rechner immer schön mit der Zeit gehen.

          Wenn bald über die Verlierer des Jahres nachgedacht wird, stehen die Klimaforscher auf vielen Listen sicher weit oben. Sie, für die politische Strategien zum Publikationsgeschäft gehören wie sonst nur für Pharmakologen, haben sich in ihrer Lieblingsübung Klartextreden so vergeblich abgestrampelt wie selten zuvor. Jawohl, teilten sie mit, der Mensch ist ganz klar der Übeltäter. Und auch das: Jetzt oder nie handeln. Die Zeitschrift „Nature Climate Change“ hat es dem Arbeitsgruppenvorsitzenden des Weltklimarates IPCC, Thomas Stocker, und seinem prominenten britischen Kollegen Myles Allen sogar außerhalb des üblichen Publikationsfahrplans und mitten in der heißen Phase des Warschauer Klimagipfels ermöglicht, die Dringlichkeit doppelt zu unterstreichen mit zwei neuen Studien. Die Zeit für konsequenten Klimaschutz, hieß es da, sei endgültig gekommen. Vergeblich. Nichts davon ist angekommen. Stocker war schon einige Wochen vorher bei der Vorstellung seines IPCC-Berichts praktisch baden gegangen, weil er der Öffentlichkeit und Politik vergeblich zu vermitteln versuchte, dass die jahrelange Quasi-Stagnation der Welttemperatur, der „Hiatus“, von der Klimapolitik ausgeklammert werden sollte. Die Logik der Politik ist aber eine andere: Wenn die Klimaforschung schon so gravierende Schwankungen der Gegenwart nicht auf ihrer Rechnung hat, wie sollen wir ihr dann die Prognosen für die nächsten hundert Jahre abnehmen? Alles könnte ganz anders kommen. Tatsächlich kam in Warschau, was kommen musste: Nicht der Klimaschutz, sondern Katastrophen- und Entwicklungshilfe war das Hauptthema.

          Hört auf die Wissenschaft, flehte auf Twitter der IPCC-Vorsitzende. Auf allen digitalen Kanälen und in diversen Foren wurde von Forscherseite um die Solidität der wissenschaftlichen Befunde gekämpft - vergebens. Faktisch, so hat es der Berliner Klimapolitik-Experte Oliver Geden zusammengefasst, ist das große strategische Ziel der Klimaforschung, die Erwärmung auf zwei Grad bis zum Jahrhundertende zu begrenzen, schon mit den Beschlüssen in Warschau gescheitert. Geschlagen geben wird sie sich allerdings wohl kaum. Denn das ist das Schöne an ihren Klimamodellen: Sie lassen sich so „tunen“, dass man damit Durchhalteparolen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag herauspressen kann. Opportunitätsstudien haben das Zeug zum großen Renner. Und die Klimaforscher werden dann die Letzten sein, die von den frustrierenden Klimagipfeln ablassen. Für sie bleibt schließlich immer was zu tun und zu rechnen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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