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Andreas Renschler geht wohl zu VW : Warum Daimler einen Kronprinzen verliert

Andreas Renschler (l) und Dieter Zetsche Bild: dpa

Mercedes-Vorstand Andreas Renschler geht, zu gering war ihm die Wahrscheinlichkeit, Vorstandschef Dieter Zetsche zu beerben. In Zukunft arbeitet er wohl für VW.

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          Der Abgang des Mercedes-Vorstands Andreas Renschler hat Spekulationen über die Position von Dieter Zetsche als Daimler-Vorstandschef ausgelöst. Renschler, dessen Vertrag am Dienstag mit sofortiger Wirkung beendet wurde, galt als ein möglicher Nachfolger für Zetsche. Stattdessen wird Renschler offenbar künftig das VW-Nutzfahrzeuggeschäft führen. Entschieden ist aber noch nichts.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Überraschend“ ist wohl das meist gebrauchte Wort im Kontext mit der Nachricht, die am Dienstagabend verbreitet wurde: dass Andreas Renschler aus dem Daimler-Vorstand ausscheide, aus persönlichen Gründen, und zwar sofort. Über Konflikte mit Renschler, der Produktion und Einkauf der Mercedes-Sparte verantwortete, hatte es zuvor keinerlei Hinweise gegeben. Tatsache ist offenbar, dass Renschler sich seiner beruflichen Perspektiven beraubt sah. Es gebe „eine Reihe von Gründen“, den Stuttgarter Konzern zu verlassen, sagte der 55 Jahre alte Manager dem „Wall Street Journal“ – auch die Tatsache, dass die Kandidaten für die Daimler-Spitze alle etwa gleich alt seien.

          „Sollte Dieter noch sechs Jahre arbeiten wollen, würde ich nicht glücklich in meinem Job“

          Konzernchef Dieter Zetsche, der im Mai 61 Jahre alt wird, schloss Renschler gleich ein: „Sollte Dieter noch sechs Jahre arbeiten wollen, würde ich nicht glücklich in meinem Job.“ Renschler deutet damit an, dass Zetsche seinen bis 2016 laufenden Vertrag als Vorstandsvorsitzender der Daimler AG noch einmal verlängern könnte. Noch vor einem Jahr dagegen war das schwer vorstellbar. Der Aufsichtsrat verweigerte Zetsche die Vertragsverlängerung um fünf Jahre, sondern stimmte lediglich einem Dreijahresvertrag zu, weil die Erfolge auf sich warten ließen, sowohl in der Aufholjagd gegenüber BMW und Audi wie auch in punkto Rendite. Mittlerweile hat Zetsche viele Hausaufgaben gemacht. Details zu den erzielten Erfolgen wird er am nächsten Donnerstag auf der Jahrespressekonferenz am Konzernsitz in Stuttgart berichten.

          Gerade wegen der nun vorzeigbaren Erfolge könnte Zetsche aber auch schon bald aufhören, quasi auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wird spekuliert. „Nach meiner Einschätzung sollte Daimler die Nachfolge regeln, wenn das Mercedes-Momentum am besten ist, also Ende 2014/Anfang 2015“, sinniert beispielsweise Arndt Ellinghorst, Partner beim Londoner Analysehaus ISI. Als Nachfolger hat seiner Meinung nach Finanzvorstand Bodo Uebber gute Karten. Der 54 Jahre alte Wirtschaftsingenieur hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich als Stratege sieht und nicht auf Zahlenthemen reduziert werden will.

          Neben Uebber könnte jeweils ein Daimler-Vorstand für die Nutzfahrzeug-Sparte und für die Mercedes-Sparte berufen werden, zum Beispiel der derzeitige Truck-Chef Wolfgang Bernhard, 53 Jahre, und Hubertus Troska, 52 Jahre, der vor einem Jahr das neue China-Ressort im Vorstand übernommen hat. Bisher ist der Daimler-Vorstand noch anders organisiert: Dieter Zetsche leitet in Personalunion den Konzern und die Mercedes Car Group. Andreas Renschler war zwar Daimler-Vorstand, berichtete aber in seiner Verantwortung für Produktion und Einkauf der Mercedes-Sparte an Zetsche als Mercedes-Chef. Renschlers Wechsel in den VW-Konzern ist nach Informationen der F.A.Z. schon so gut wie sicher. Dort soll er künftig das Nutzfahrzeuggeschäft leiten. Allerdings wird das wohl erst Anfang 2015 möglich sein: erst mit seinem Ausscheiden aus dem Daimler-Vorstand in dieser Woche beginnt die Karenzzeit zu laufen, die auf Vorstandsebene üblicherweise ein Jahr beträgt.

          Das Interesse von VW an Renschler ist darin begründet, dass er fast ein Jahrzehnt lang die Truck-Sparte von Daimler geleitet hat. Der Stuttgarter Konzern ist der größte Nutzfahrzeughersteller der Welt und mit einer Fülle von Marken auf allen Kontinenten vertreten. In Deutschland rang er den Beschäftigten umfangreiche Zugeständnisse zur Flexibilisierung der Werke ab, hatte aber gleichwohl zu den Belegschaftsvertretern eine gute Beziehung. Solche Qualitäten sind im VW-Konzern gefragt, in dem traditionell das Verhältnis zwischen Führung und Betriebsrat in einer besonderen Weise gepflegt wird.

          Die Vermutung, dass Renschler über kurz oder lang in den VW-Vorstand rücken könnte, ist auch deshalb naheliegend, weil die Wolfsburger mit ihrem amtierenden Lastwagen-Chef nicht sonderlich zufrieden sind. Leif Östling war im September 2012 mit dem Marschbefehl in den VW-Vorstand berufen worden, die schleppende Zusammenarbeit zwischen Scania, MAN und der VW-Nutzfahrzeugsparte zu verbessern. Doch seither ist nicht viel passiert. Östling scheint zu wenig zu tun, um dem schwedischen Lastwagenhersteller Scania, den er selbst viele Jahre erfolgreich geführt hat, in die Konzernräson zu zwingen. Einige Aufsichtsräte haben, so verlautet aus dem Konzern, die Geduld bereits verloren und sind offen für einen personellen Neuanfang. Die VW-Kontrolleure kommen am 21. Februar zu ihrer nächsten Sitzung zusammen. 

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