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Rodin-Fälschungen : Viel zu viele Denker sind unterwegs, um echt zu sein

Ein Amerikaner hat Fälschungen nach Werken von Auguste Rodin am Fließband verkauft. Jetzt steht er vor Gericht. Doch sogar die Staatsanwaltschaft fordert ein mildes Urteil. Was ist da los?

          Es war „der wichtigste Fälscher-Prozess der letzten paar Jahrzehnte“, schrieb die Zeitung „Libération“. Dass „Rodin zum Weltkulturerbe“ gehöre, sagte die Anklägerin Aude Le Guilcher, als er begann. Auf der Anklagebank in Paris saßen der Amerikaner Gary Snell und drei Männer, die ihm die Gipse für die Herstellung der Fälschungen verkauft hatten. Laut Anklage hat Snell 1700 Mal den „Denker“ und andere berühmte Werke Auguste Rodins abgesetzt; für 500 davon ist er geständig. Der Kunstexperte Gilles Perrault beziffert den Schaden auf sechzig Millionen Euro; das entspricht einem Durchschnittspreis von 35 000 Euro. Wer glaubt, dafür ein Original von Rodin erwerben zu können, hat entweder keine Ahnung oder ist zur Hehlerei bereit.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Für Gary Snell muss der Handel dank Massenabsatz schöne Gewinne abgeworfen haben. Sehr hoch können seine Herstellungskosten nicht gewesen sein: Die Staatsanwältin monierte die schlechte Qualität. Der Fälschung, der Täuschung und der irreführenden Werbung hat sie ihn angeklagt; tatsächlich wurden die Stücke als gestempelte Originale angeboten und waren numeriert. Vertrieben wurden sie von einer Firma namens „Gruppo Mondiale“ - nach Vorlagen, deren Echtheit die Mitangeklagten bestätigten und die Experten nicht in Frage stellten.

          Nicht der erste Fälschungsskandal

          Die ersten postumen Rodins kamen aus der berühmten Pariser Gießerei Rudier, mit der Rodin zusammenarbeitete; Rudier war auch für Maillol oder Arno Breker tätig. Nach Rodins Tod 1917 wurde der Nachlass in das Musée Rodin eingebracht, dem alle Rechte an seinem Werk gehören. Das Museum unterhielt weiter enge Beziehungen zur Gießerei. Der letzte Vertreter der Rudier-Dynastie starb 1952, die Witwe soll, wie von ihm angeordnet, die Archive verbrannt und die Gipse zerschlagen haben. Doch vierzig Jahre später kam ein Rudier-Nachlass mit Skulpturen, Gipsen und Köpfen, Armen, Beinen des „Denkers“ unter den Hammer. Zuvor schon waren gefälschte Werke aufgetaucht, ein Kunsthändler wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

          Fließbandproduktion der Skupturen

          Um die Jahrtausendwende kamen Exemplare des „Denkers“ erneut auf den Markt - diesmal mit dem Segen des Museums, das schon in den sechziger Jahren eigene Kopien verkauft hatte. 25 Neugüsse des 1,8 Meter hohen Großformats wurden von der Pariser Galerie Sayegh verkauft: für je eine Million Dollar; dazu gab es ein Echtheitszertifikat und ein kleines Buch. Der unbekannte Gips, erklärte die Galerie, stamme aus dem Nachlass von Rudiers Testamentsvollstrecker. Selbstverständlich ging ein schöner Teil des Erlöses an das Musée Rodin, das sich selbst finanziert und keine staatliche Hilfe bezieht. Das Museum war die treibende Kraft der Ermittlungen gegen Gary Snell. Sie wurden schon vor mehr als zehn Jahren aufgenommen, als Galerien in Toronto, Genf und anderen Städten neue Rodins anboten. Die Spuren führten zu Gießereien in der Gegend von Paris. Der Anwalt des Museums, das von Snells „Gruppo Mondiale“ 68 Millionen Euro Schadensersatz fordert, beschwor den „Bildhauer der französischen Sensibilität“: „Es ist ein Drama, wenn ein verweichlichter ,Denker‘ in der ganzen Welt herumreist.“

          Ein Rodin für eine Million Euro mit Zertifikat

          Dass er minderwertige Qualität angeboten habe, weist Snell empört von sich. Er sieht sich als unschuldiges Opfer des Rodin-Museums, das sein einträgliches Monopol verteidige. In Frankreich habe er nichts angeboten und nichts verkauft; die dortige Justiz sei gar nicht zuständig. Anderswo unterstehe Rodin keinem Urheberrecht, das seine Vervielfältigung verbiete. Snells Verteidiger verlangt einen Freispruch. Sogar die Staatsanwältin forderte vom Gericht eine erstaunlich milde Strafe: eine Buße von 150 000 Euro und ein paar Monate auf Bewährung. Das Urteil wird am 20. November verkündet. Bereits eingestellt wurde das Verfahren gegen die drei Verkäufer der verwendeten Gipse, die ihre Schätze besten Glaubens verscherbelt haben wollen. „Wirklich dramatisch ist, dass keiner der Gipse beigebracht werden konnte“, erklärt der Anwalt des Museums. In ein paar Jahren werden zweifellos die nächsten Fälschungen auf den Markt kommen, in welcher Qualität auch immer.

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