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Amazon-Gründer Jeff Bezos : Verleger muss man jagen wie Gazellen

Dass sein Aufstieg mit dem Buch begann, ist kein Ausdruck von Bibliophilie. Bezos wollte schon immer alles verkaufen. Frei von Verfallsdaten und technischen Fehlern schien ihm das Buch einfach der bequemste Gegenstand. Als ihm Anfang der neunziger Jahre die Wachstumsquoten des Internets vorlagen, gab er seinen hochdotierten Posten als Hedgefonds-Manager auf und zog in Seattle eine Garagenfirma auf. Die ersten Bücherkisten lieferte er noch persönlich aus. Inzwischen ist der Buchhandel längst nicht mehr der profitabelste Geschäftszweig.

Beeindruckend ist die Zielstrebigkeit, mit der Bezos Schwergewichte wie Wal-Mart und Apple das Fürchten lehrte. Das Fundament von Amazons unternehmerischem Erfolg sieht Stone in seinem ökonomischen Weitblick. Bezos legte sein Unternehmen nie auf kurzfristige Gewinne an und ließ sich vom Dot.com-Hype nicht verrückt machen. Weil alles Einnahmen sofort reinvestiert werden, sind die Gewinnmargen bescheiden. Dahinter steht die Idee, dass Handlungsmacht durch schiere Größe wächst. Diesen Vorteil spielt Amazon heute gnadenlos aus.

Es gibt Amazon-Manager, die aus ihrer Lust an der Erpressung keinen Hehl machen. Eine klare Sprache spricht etwa das Gazelle-Projekt, das Verleger nach dem Grad ihrer Abhängigkeit von Amazon einteilte, um zuerst die verwundbarsten unter ihnen wie Gazellen zu jagen. Bezos gab früh zu erkennen, dass ihn die Konventionen des Einzelhandels nicht kümmern. Regeln interessieren ihn nur, solange er nicht die Macht hat, sie zu brechen. Konkurrenten treibt er in einen gnadenlosen Preiskrieg, Zulieferern zwingt er Rabatte auf. Bei Gegenwehr verbannt er die Produkte von der Seite und bewirbt den Branchengegner bis zur reumütigen Rückkehr des Dissidenten.

Bonjour tristesse! Blick in eine Lagerhalle von Amazon

Stone nennt Bezos einen grausamen Lohnherrn, der in seinen eigenen Reihen eine verrohte Gladiatorenkultur herangezogen hat. „Wenn du nicht gut bist, frisst Jeff dich und spuckt dich aus“, zitiert er einen Amazon-Manager. „Und wenn du gut bist, dann springt er dir auf den Rücken und reitet dich zuschanden.“ Amazon ist eine Verschleißmaschine. Mitarbeiter werden durch das Unternehmen geschleust, bis sie es ausgebrannt verlassen, im Gefühl, einer Sekte entkommen zu sein.

Zum Strafkatalog gehört ein Punktesystem. Bei sechs Punkten folgt die Entlassung, schon eine Krankmeldung kostet einen Punkt. Statt Klimaanlagen leistete sich Amazon in früheren Zeiten lieber einen privaten Rettungsdienst, um an der Hitze kollabierte Arbeiter abzutransportieren. Was treibt schlechtbezahlte und meist befristet angestellte Lohnarbeiter durch dieses Tal der Tränen? Bei aller Tristesse vermittelt Bezos ihnen offenbar ein Gefühl von Fortschritt und produktiver Lebenszeit.

Obwohl Stone wenig Raum lässt, Amazons Aufstieg blauäugig zu betrachten, deckt er nicht das gesamte Sündenregister auf und bleibt, besonders was die Datenverwertung betrifft, hinter dem Bekannten zurück. Am Ende erliegt er dem Charme des Arrivierten und nennt Amazon das „betörendste Unternehmen“ der Welt. Dass man Bezos alles zutrauen muss, ist das Fazit dieser Biographie. Es lässt sich nur als Warnung verstehen.

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