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Alternatives Filmkino : Radikal, skurril, abgedreht

  • -Aktualisiert am

Unabhängig: Louise Burkart, Felix Fischl und Gary Vanisian (von links) Bild: Setzer, Claus

Sie verstehen sich als ein „Off-Kino“, das ungewöhnliche Filme zeigt und darüber diskutiert. Das Frankfurter Filmkollektiv macht Kino für ein Nischenpublikum.

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          Nicht etwa Fotos oder Programmpläne begrüßen den Nutzer auf der Homepage des Filmkollektivs Frankfurt, sondern „Grundlegendes“. Darin umreißen die Verfasser streng sachlich die Ideen ihres Kinos: Originalkopien werden mit analoger Technik vorgeführt, während der Kinosaal auch als Ort von Diskussion und Gesprächen dient. Weiter verrät die Website die Absicht, das „gewagte, unabhängig kuratierte“ Kino zu zeigen, das aus „inhaltlichen und/oder pragmatischen Gründen unterrepräsentiert“ ist.

          Gegründet wurde das Filmkollektiv im Frühjahr vergangenen Jahres von Felix Fischl, Louise Burkart und Gary Vanisian. Die drei Endzwanziger waren schon zuvor in der hessischen Filmszene aktiv, arbeiteten und verfassten Texte für das Deutsche Filmmuseum, halfen bei Filmfestivals mit und begegneten einander bei solchen Gelegenheiten immer wieder. Bald entwickelte sich bei ihnen das „Bewusstsein, dass es viele Sachen gibt, die wir gemeinsam sehen wollten“, wie Vanisian sagt. Dass er Jurist ist, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an; mit Sechstagebart, wuscheligen Haaren und Charlie-Chaplin-Shirt entspricht er nicht eben dem gängigen Klischee dieses Berufsstandes. Mit den anderen beiden Kollektiv-Gründern sitzt er im Studierendenhaus in der Mertonstraße.

          Hardcore-Porno am Valentinstag

          So dezidiert alternativ wie die vom AStA selbstverwaltete Einrichtung sind auch die Veranstaltungen des Kollektivs. „Wir verstehen uns nicht als Programmkino“, sagt Vanisian, sondern eher „Off-Kino“, in dem dessen Macher Filme zeigen können, „ohne in den Zwängen eines Verleihsystems zu stecken“. Seit Januar dieses Jahres ist das Filmkollektiv eingetragener Verein. Den Schwerpunkt des Programms bilden Underground-Filme, lange in Vergessenheit geratene Klassiker und Experimente von weitgehend unbekannten Regisseuren. Dies soll „eine Lücke füllen“, die in der Kinolandschaft klaffe, sagt Louise Burkart.

          Das darf gerne skurrile, radikale oder ganz und gar abgedrehte Form annehmen. So lief etwa am Valentinstag ein Hardcore-Porno, „weil es eben auch ein Teil der Filmgeschichte ist“, erklärt Vanisian.

          Einnahmen decken nur Bruchteil der Kosten

          Den Auftakt bildete vor knapp einem Jahr Wilhelm Heins zwölfstündiger, collagenhafter Experimentalfilm „You killed the Underground Film ...“. Die Vorstellung beanspruchte zwei Abende, während die letzten beiden Stunden den simultanen Einsatz von gleich drei Projektoren erforderte. Dies ging im Vorführraum des Uni-Kinos über die Bühne, in dem neben zwei 35-Millimeter-Projektoren auch ein alter 16-Millimeter-Apparat steht. So etwas habe in den vergangenen Jahren kein anderes Kino gemacht, sagt Vanisian.

          Der Erlös aus dem Kartenverkauf deckt jedoch nur etwa ein Siebtel der Kosten. Für den Rest benötigt der Verein Unterstützung, die unter anderem von der Hessischen Filmförderung und dem Kulturamt der Stadt kommt. Die Blaxploitation-Abende, die zum Beispiel am Samstag (23. August) Klassiker des schwarzen amerikanischen Genrekinos zeigen, werden unter anderem von politischen Stiftungen unterstützt. Leisten kann sich das Filmkollektiv damit nicht nur exotische Originalkopien wie den französischsprachigen Debütfilm des amerikanischen Blaxploitation-Regisseurs Melvin van Peebles, der eigens aus Amerika bestellt wurde, sondern auch Einladungen an Regisseure. So kommt van Peebles am Wochenende nach Frankfurt. Sein Drama „Sweet Sweetback’s Baadasssss Song“ läuft am Samstag als Hauptfilm.

          Oft hätten sich zu den Filmemachern gute Beziehungen entwickelt, sagt Felix Fischl. Wie lange der verquere Mix aus Exploitation, Politischem und Experimentalkino den Verein aufrechterhält, können die drei noch nicht absehen. Solange sie noch Ideen haben, wollen sie weitermachen erklärt Burkart, und Fischl fügt hinzu, dass ihnen Ideen im Moment auch nicht ausgingen.

          Informationen

          Die Vorstellung der Blaxploitation-Reihe beginnt heute (Samstag, 23. August 2014) um 18.30 Uhr im Festsaal des Studierendenhauses auf dem Campus Bockenheim.

          Weitere Infos unter www.filmkollektiv-frankfurt.de

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