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Alben der Woche: Deutsche Liedermacher : Den Beziehungsmüll bitte auf die Kompostella

  • -Aktualisiert am

Bild: Erik Weiss

Deutschsprachige Singer/Songwriter sind in diesem Herbst gut wie nie: lyrisch kühner, musikalisch vielseitiger, besser produziert. Niels Frevert, Stoppok und Nicola Rost mit ihrer Band Laing zeigen, wie es geht.

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          In den frühen neunziger Jahren gab es einmal ein Nonsenslied mit dem Titel „Ein Ufo überm Watt“ von einer Gruppe namens Muskelkater. Seitdem ist lyrisch und musikalisch eine Menge passiert in der deutschsprachigen Popmusik: Die sogenannte Hamburger Schule brachte frischen Wind und machte ihrerseits Texte singbar, von denen man es nie für möglich gehalten hätte. Der Sound deutscher Rockbands wurde dabei erst karger und minimalistischer, etwa bei Blumfeld und den Sternen; dann aber, im Mainstream, der bis heute fließt und die Charts wie die Castingshows dominiert, auch weichgespülter als je zuvor. Mitten dazwischen mauserte sich ein für einige Zeit fast vergessenes Vögelchen: der Liedermacher, heute auch Singer/Songwriter genannt, weil manche den ersten Begriff nicht so mögen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Sänger Niels Frevert kann heute schon auf eine Karriere zurückblicken, die Teil dieser Entwicklung ist: Zwischen den frühen Alben seiner Band Nationalgalerie (die vor kurzem in einer hübschen Box samt Dokumentarfilm wiederveröffentlicht wurden) und seinen jüngsten Soloalben hat er einen beachtlichen Weg zurückgelegt, der von amerikanisch inspiriertem Rock über augenzwinkernden Flirt mit dem Schlager bis zum gesellschaftskritischen Chanson führt.

          Dass Frevert selbst einmal ein Lied namens „UFO“ schreiben würde und dieses Flugobjekt dann auch noch über Kirchentagsbesuchern schwebt, auf deren hellblauen Halstüchern der Spruch „Glaube braucht keine Landebahn“ steht (ein fast schon kabarettistisches Meisterstück), hätte man zur Zeit des verschrobenen Nationalgalerie-Albums „Meskalin“ (1995) wohl ebenso wenig geglaubt wie die Tatsache, dass er einmal bei in der Fernsehshow „Inas Nacht“ auftreten würde. Doch auch neben der rockröhrenden Ina Müller im Hamburger Schellfischposten wahrte Frevert sein introvertiertes Gesicht. Und er tut es noch, wenn er nun, nach Jahren unter Vertrag des Independent-Labels Tapete Records, einen Schritt in Richtung des „gehobenen Mainstream“ unternimmt, wie er selbst sagt: Sein neues Album „Paradies der gefälschten Dinge“ erscheint bei Herbert Grönemeyers Label Grönland.

          Es ist stellenweise musikalisch gefälliger, lyrisch zugänglicher als bislang gewohnt und scheut sogar den Bombast nicht: Das vom Soul befruchtete „Morgen ist egal“ etwa hat fast schon eine Amy-Winehouse-Dramatik und bewegt sich lyrisch zu Grönemeyer hin, wenn es heißt: „Halt mich, bis der Tag anbricht“. Aber dann zieht Frevert sich auch schon wieder zurück wie ein Schalentier: mit seltsamen Texten über Muscheln, über jemanden in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie, den man „zwischen Tischtennis und Abendbrot“ ans Telefon bekommt, um ihm zu versichern: „Du kommst da lebend raus“, oder darüber, wie das Müllrausbringen unversehens zum Anlass einer seelischen Inventur wird. Da tanzen dann zwar noch mal die „Erinnerungen auf ihrer eigenen Aftershowparty“, aber die Bilanz ist bitter: „Alles muss raus“.

          Ein Gegengift für Freverts schwarze Galle könnte das neue Album von Stoppok sein. Bei dem haben sich die Wogen im Meer alter Liebesspukgeschichten schon wieder geglättet: „Kalter Kaffee, ruhige See“ heißt ein Lied, das mit der typischen Schnoddrigkeit des Sängers aus dem Ruhrpott den Beziehungsmüll wegbringt: „Hattest du ernsthaft geglaubt, ich roste hier fest?“. Um den ganz handgreiflichen Abfall der Wegwerfgesellschaft geht es in einem Lied mit dem kurios sprachschöpferischen Titel „La Kompostella“. Dass die Reime darin nicht immer sattelfest sind, macht die Sache noch lustiger. Die ironische Selbstbeobachtung seines Idioms treibt Stoppok nun auf die Spitze mit dem Song „Ich sach’ ma so“, bei dem in eindrücklicher Weise auch der Hörbuchkönig Christian Brückner zu Wort kommt.

          Ähnlich wie Niels Frevert mit „Evelin“ hatte Stoppok mit „Dumpfbacke“ in den neunziger Jahren einen Hit, auf den dann aber kein richtiger Durchbruch folgte. Auf den schielt er selbst wohl auch gar nicht, wichtiger ist ihm die künstlerische Kontrolle; das Album trägt den programmatischen Titel „Popschutz“ und erscheint, wie schon viele vorhergehende, in Eigenproduktion auf eigenem Label Grundsound.

          Diesen Sound hat Stoppok, wie sich Stefan Stoppok nennt, über die Jahre perfektioniert: Er lebt von glasklar und unverfälscht aufgenommenen Gitarren- und Banjoklängen und einem immer sehr funky klingenden Bass des Amerikaners Reggie Worthy - und diesmal auch von Gastmusikern wie der Soulsängerin Astrid North und dem Pedal-Steel-Gitarristen Martin Huch. Ein Alleinstellungsmerkmal unter den deutschen Liedermachern hat Stoppok wohl darin, dass seine Studioaufnahmen wie Liveversionen klingen, die - was sonst kaum jemand angesichts kurzer Radioformate wagt - auch durchaus Raum für improvisierte Gitarrensoli lassen (und was für welche!). Das Klangbild des mit sechzehn Songs reichen Albums changiert zwischen karger Skifflemusik („Mach dich winterfest“) und entfesseltem Bluesrock („Nicht besser komm’ könn’“).

          Aus der Fülle der Alben deutschsprachiger Künstler in diesem Herbst, der in dieser Hinsicht ein wahrer Frühling ist (weitere Blüten: Funny van Dannen, Jens Friebe, Die Sterne, Element of Crime), ragt noch ein weiteres Songwriter-Album heraus, das man zunächst gar nicht als solches erkennt: „Wechselt die Beleuchtung“ vom Berliner Frauenquartett Laing.

          Es wird seit seinem Debüt „Paradies naiv“ (2013) meistens unter „Elektropop“ gehandelt; aber trotz aller berückend modernen, auch visuell durchkomponierten Bandästhetik steckt dahinter der Kopf einer Liedermacherin. Sie heißt Nicola Rost, sie schreibt, komponiert und „baut“ bei Laing auch die Beats, wie sie selbst sagt. Ihre Texte erinnern zuweilen ans Chanson der zwanziger Jahre.Hier gießt man sich schon mal „einen auf die Lampe, dass es kracht“. Dass sie aus der Tradition schöpft, zeigte sich schon an dem Lied, das Laing bekanntmachte: „Ich bin morgens immer müde“, ein Klassiker von Trude Herr als elektronisch gepimpte Version.

          Rhythmisches Zucken in wechselndem Licht

          Aber auch spielerisch antiquierte Titel auf dem nun erscheinenden zweiten Album wie „Sei doch bitte wieder gut“, über dessen Refrain das Echo der Berge hallt, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei dieser Sängerin um eine sehr heutige Person handelt.

          Die männliche Spezies kommt in ihren Songs stets ein bisschen tierisch daher, etwa wenn sie sie an den Wasserstellen der Großstadt beobachtet („Komm, wir gehen auf Safari / Ich zeig’ dir seltene Arten / Wir nehmen die erstbeste Party / Stellen uns an die Bar und warten“) oder im Fitness-Studio kritisch deren Muskeln beäugt, während die Musik rhythmisch zuckt. Sehr gewinnend ist auch das Titelstück „Wechselt die Beleuchtung“, das zwischen szenischer Anweisung für das gelungene Rendezvous und einem programmatischen Aufruf an den Pop-Betrieb changiert, den Rost schon gelegentlich gewitzt kritisiert hat.

          Tatsächlich wäre es sehr zu begrüßen, wenn auf solche Talente wie die hier vorgestellten etwas mehr Licht fiele, gerade auch im Fernsehen, das im Großen und Ganzen weniger talentierte und originelle Künstler ins Rampenlicht stellt. Zeit für einen Wandel.

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