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Ägypten : Ein Land sucht seine Mitte

Die Wahlen in Ägypten rücken näher, das Werben um Wähler nimmt zu - wie in der Scheibe zu erkennen ist Bild: AFP

Nach dem Umsturz bereiten sich die Parteien auf die erste freie Wahl vor, die am Ende des Monats stattfinden soll. Die Islamisten rechnen fest mit einer Mehrheit im neuen Parlament.

          Der Countdown für die ersten freien Parlamentswahlen Ägyptens läuft: Am 28. November findet die erste Runde statt. In der Vergangenheit hatten selten mehr als fünf Prozent der Ägypter von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Aber bei dieser Wahl dürften sich - wie beim Verfassungsreferendum vom 19. März 2011 - wieder Schlangen vor den Wahllokalen bilden. Mehr als 50 Parteien treten mit Listen für zwei Drittel der Mandate an, das letzte Drittel wird an unabhängige Einzelkandidaten vergeben.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Der säkulare Intellektuelle Amr El Schaubaki ist einer von ihnen. Nach Feierabend treffen seine freiwilligen Helfer zur Lagebesprechung ein, Studenten und Journalisten, Ärzte und Händler. Sie setzen sich um einen großen Tisch, brüten über Wahlslogans, organisieren Spenden, richten Facebookseiten ein, studieren das komplizierte Wahlsystem, setzen Begegnungen mit den Wählern an. "Die Wahlen helfen uns, die Menschen zu verstehen", sagt Schaubaki.

          Für die Mitte

          Der Wahlkreis, in dem Schaubaki antritt, setzt sich aus den beiden Mittelklassevierteln Dokki und Aguza zusammen sowie aus dem Armenviertel Imbaba. Dort leben doppelt so viele Menschen wie in den beiden anderen Vierteln - und vor allem Anhänger der radikalen islamistischen Salafisten. Um den unabhängigen Parlamentssitz im Zentrum von Kairo konkurriert Schaubaki mit einem Salafisten, einem bekannten Muslimbruder und einem 33 Jahre alten Aktivisten vom Tahrir-Platz. Schaubaki forscht am Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien, pendelt zwischen Kairo und Paris und ist eine bekannte Stimme im politischen Diskurs Ägyptens. Seit Jahren plädiert er in einer verständlichen Sprache für Reformen, Talkshows haben ihn bekannt gemacht. "Er steht nicht für irgendeine Ideologie, sondern für einen Common sense und die Mitte", loben ihn seine Helfer.

          Sollten Leute wie Schaubaki als Sieger aus der Wahl hervorgehen, würde in Ägypten ein neuer Typus von Politiker im Parlament sitzen. In der jüngeren Geschichte des Landes waren meist angesehene Notabelnfamilien eines Viertels oder einer Region das Bindeglied zwischen den Herrschenden und den Beherrschten. In der Ära Mubarak traten sie deshalb der Staatspartei NDP bei. So bekamen sie Zugang zu staatlichen Ressourcen, und die verteilten sie in ihren Wahlkreisen. Das Mandat ging oft vom Vater auf einen Sohn über. Seit Mubaraks Sturz und der Auflösung der NDP sind die meisten jedoch diskreditiert.

          „Partei der freien Ägypter“

          Und doch geht die Angst um, dass viele dieser einflussreichen lokalen Persönlichkeiten ins Parlament zurückkehren. Sie treten als Unabhängige an, haben sechs neue Parteien gegründet. Einige sind der liberalen "Partei der freien Ägypter" des koptischen Unternehmers Naguib Sawiris beigetreten. Daran entzündete sich Protest: Mehrere Parteien haben aus Protest die Wahlallianz des "Ägyptischen Blocks" verlassen, in dem die "freien Ägypter" den Ton angeben.

          Der säkulare "Ägyptische Block" steht bei der Wahl in Konkurrenz zur islamistischen Allianz "Nationale Koalition", an deren Spitze die Muslimbruderschaft steht. Die Islamisten haben früh mit den Vorbereitungen für den Wahlkampf begonnen - so sind auch Schaubakis islamistische Konkurrenten lange vor ihm aus den Startlöchern gekommen.

          Mehrheit der Islamisten

          Die Muslimbruderschaft habe in mehr als acht Jahrzehnten Erfahrungen in der Politik gesammelt und die Islamisten erhielten Mittel aus den konservativen Golf-Staaten, sagt der Politikprofessor Abdulmunim al Mashat von der Universität Kairo. Die Zeit der neuen säkularen Parteien hingegen ist knapp bemessen, es mangelt auch an Geld. Essam el Eryan, stellvertretender Vorsitzender der "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit", die im Namen der Muslimbruderschaft antritt, rechnet mit einer Mehrheit der Islamisten.

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