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Abnehmen in der Gruppe : Kämpfen um das Traumgewicht

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Schwer beschäftigt: Ulrike Woltmann und Klaus Weißbecker (beide rechts) haben Spaß beim Sport in der Frankfurter Mobilis-Gruppe Bild: Slesiona, Patrick

Gesunde Ernährung und viel Bewegung sind Voraussetzung für einen schlanken Körper. Was für viele Menschen selbstverständlich ist, müssen einige Frankfurter erst lernen.

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          Sie prüft noch einmal den Sitz ihrer Turnschuhe. Dann atmet Ulrike Woltmann tief durch und stellt sich neben ihre 17 Leidensgenossen vor den großen Spiegel in der Turnhalle. Auf Kommando geht sie leicht in die Hocke. Jetzt heißt es durchhalten. Gerader Rücken, Bauch einziehen, Brust raus. Die Arme nach oben leicht angewinkelt strecken und langsam zur Hüfte zurückführen. Noch drei, zwei, eins. Geschafft. Woltmann richtet sich auf und streicht ihr T-Shirt glatt. Durch das Gruppentraining hat die 69 Jahre alte Rentnerin vier Kilogramm abgenommen. Ihr Ziel ist Kleidergröße 44. Zehn Kilogramm fehlen dafür noch.

          Den Weg zu ihrem Traumgewicht geht sie mit Mobilis. Das ist ein Abnehmprogramm für übergewichtige Erwachsene. Entwickelt wurde es vom Universitätsklinikum Freiburg und der Sporthochschule Köln. Ein Jahr lang treffen sich adipöse Menschen, um mit Hilfe von Fachleuten ihr Übergewicht loszuwerden. Als adipös bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation Menschen, die einen bestimmten Körpermasse-Index überschreiten. Das trifft zum Beispiel auf jemanden zu, der bei 1,73 Meter 90 Kilogramm wiegt.

          Übergewicht gilt in Deutschland nicht als Krankheit. Es gebe auch übergewichtige Menschen, die körperlich gesund seien, erläutert Klaus Winckler, Ernährungsmediziner aus Frankfurt. Problematisch werde Adipositas erst dann, wenn sie zu Begleiterkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck führe - oder andere Leiden verstärke. Nur dann sei die Teilnahme an einem Programm wie Mobilis sinnvoll.

          Auf rosstrainern, Laufbändern und Steppern

          Gute Vorsätze hat Ulrike Woltmann nicht allein. Vor allem zu Beginn jedes Jahres wollen viele Menschen einen strafferen und schlankeren Körper haben. Und nach den Feiertagen möchten auch Normalgewichtige schnell wieder in Form kommen. Der Blick in die städtischen Fitnessstudios zeigt, dass Sport eines der beliebtesten Mittel ist, um Übergewicht zu bekämpfen. Bei McFit auf der Zeil zum Beispiel sind an diesem Januar-Abend fast alle Sportgeräte besetzt. Auf den Crosstrainern, Laufbändern und Steppern strampeln Frauen und Männer, als ob es um ihr Leben ginge. Im Januar treten die meisten Mitglieder bei, wie ein Sprecher sagt. Das liege an den guten Vorsätzen der Menschen für das neue Jahr.

          Um Gewicht zu verlieren, sollten Abnehmwillige auf viel Bewegung, aber auch auf die richtige Ernährung achten, sagt Mediziner Winckler. Als Faustregel sei dreimal Sport in der Woche für je 30 bis 60 Minuten empfehlenswert. Wer sich beim Essen nicht allzu sehr einschränken möchte und mehr auf Bewegung setzt, sollte laut Winckler fünfmal in der Woche zum Sport gehen.

          Klaus Weißbecker hat sich deshalb an einem ungemütlichen Donnerstagabend in seinen schwarzen Trainingsanzug geworfen. Mit fünf anderen Abnehmwilligen steht er um 19 Uhr vor dem weißen Bootshaus am Sachsenhäuser Ufer, um im Nieselregen Sport zu treiben. Als ihn die Trainerin anweist, in Richtung Eiserner Steg zu joggen, seufzt Weißbecker laut. Dann trabt er los und überholt eine Frau mit Walking-Stöcken. Wie Ulrike Woltmann nimmt auch der ehemalige Lehrer am Mobilis-Programm teil. Endlich werde sein Übergewicht von Leuten ernst genommen, denen es nicht vor allem um wirtschaftliche Interessen gehe, sagt der Pensionär. Seit der Kindheit habe er unter dem Spott über sein Gewicht gelitten. Irgendwann habe er sich nicht mehr im Spiegel ansehen können. In den vergangenen Monaten aber sei sein Selbstvertrauen gewachsen. „Ich weiß jetzt, dass mein Übergewicht nicht vom Schicksal bestimmt ist. Für jedes Kilo, das ich abnehme, will meine Frau außerdem eine Zigarette weniger am Tag rauchen.“

          Prinzip „GESund“

          Miriam Eisenhauer rät nicht jedem zum Sport. Die Ökotrophologin und Ernährungsberaterin weist darauf hin, dass sich Sport negativ auswirken könne, wenn er als stressig empfunden werde. Besser seien dann Entspannungsübungen und lange Spaziergänge. Was die Ernährung betrifft, rät Eisenhauer dazu, nach dem Prinzip „GESund“ zu essen, das sie in ihrem gleichnamigen Buch erläutert. Danach sollte jedes Tagesgericht aus einer Gemüse-, Eiweiß- und Sättigungsbeilage bestehen.

          Ulrike Woltmann hat zwar auch ihre Ernährung umgestellt. Ihr Wunschgewicht will sie aber mit viel Bewegung erreichen. Seit sie bei der Frankfurter Gruppe von Mobilis dabei ist, läuft sie jeden Tag fünf Kilometer. „Auf halber Strecke macht sogar mein Hund schlapp“, sagt sie. Den lässt sie zu Hause, wenn sie ihre Runde dreht. Durch ihre Krankenkasse ist Woltmann auf das Programm aufmerksam geworden. Wer an mindestens drei Vierteln des Programms teilnimmt, bekommt von vielen Kassen den Großteil der 785-Euro-Gebühr erstattet. Trotzdem sei der Andrang nicht allzu groß, weil das Programm viel Zeit und Motivation fordere, sagt Ernährungsfachmann Winckler. Von Diäten, die mit einer schnellen Gewichtsabnahme werben, rät er ab. Die Erfahrung zeige, dass sie langfristig keinen Erfolg hätten.

          Katharina Strang aus Frankfurt hält keine Diät, sondern bewegt sich gerne an der frischen Luft. Die 26 Jahre alte Krankenpflegerin versucht, dreimal in der Woche zum Laufen in den Grüneburgpark zu kommen. Zu Weihnachten hat sie von ihrem Freund einen Schrittzähler bekommen. Strang trägt das kleine Gerät auch im Alltag am Gürtel, um so auf mehr Bewegung zu achten.

          Punkte zählen

          Allen, die sich kaum selbst zum Sport aufraffen können, helfen vielleicht die Treffen der Weight Watchers helfen. Die ausschließlich weiblichen Teilnehmer einer Mittagsgruppe in Höchst blättern in bunten Broschüren voller Bilder. Auf denen sind die Lebensmittel zu sehen, die sie ohne schlechtes Gewissen verzehren dürfen. Eine rundliche Frau mittleren Alters erzählt, dass sie auf diese Weise in der vergangenen Woche ein Kilogramm abgenommen habe. Weitere neun will sie in den nächsten sechs Monaten loswerden.

          Wer andere als die abgebildeten Lebensmittel essen möchte, muss Punkte zählen. Die Mitglieder bei Weight Watchers erhalten eine persönliche Punktmenge, die von Geschlecht, Alter, Größe und Gewicht abhängt. Ebenso bekommen alle Lebensmittel einen Punktwert zugeteilt. Jeden Tag dürfen die Teilnehmer nicht mehr als die individuell erlaubten Punkte verbrauchen.

          Für eine ältere, recht schlanke Frau hat sich das Punktezählen ausgezahlt. Warum sie in der Runde ist, erfahren die Teilnehmer, als sie sich zu Wort meldet. Sie habe ihr Wunschgewicht schon erreicht und könne an den Sitzungen deshalb fortan teilnehmen, ohne zu zahlen - solange sie nicht mehr als zwei Kilogramm über ihrem Idealgewicht liegt.

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