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Erdogan warnt vor zu viel Anpassung : „Assimilierung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

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Erdogan forderte auch mehr Integrationsbemühungen von seinen Landsleuten Bild: dpa

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat in einer Rede in Köln die mehr als 1,7 Millionen Türken in Deutschland vor zu viel Anpassung gewarnt. Zugleich rief er jedoch zu einer höheren Integrationsbereitschaft auf.

          16.000 Türken und türkischstämmige Deutsche haben am Sonntag in der Köln-Arena den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan gefeiert und ihm zugerufen: „Die Türkei ist stolz auf dich!“ Umgekehrt schmeichelte er ihnen, indem er ihnen entgegnete: „Ich kann die Düfte Kleinasiens hier in Köln wahrnehmen.“ Erdogan lobte den Zusammenhalt in der türkischen Gemeinschaft: „Überall, wo wir hinkommen“, rief er aus, „gibt es nur Liebe und Freundschaft. Mit Hass und Gewalt haben wir nichts zu tun.“ Auch aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich waren Zuhörer angereist.

          Erdogan bestärkte seine Zuhörer, die eigene Kultur, Religion und Identität zu bewahren, so wie sie es seit 47 Jahren in Deutschland getan hätten. Assimilierung sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Gleichwohl rief er die Türken auf, sich in Deutschland zu integrieren. Sie seien nicht vorübergehend hier. Deshalb sollten sie natürlich Türkisch lernen, aber ebenso Deutsch und andere Fremdsprachen. Die Kinder sollten sie auf die besten Schulen schicken, damit sie zu den Spitzen der Gesellschaft gehörten. Auch in der Politik sollten sie mehr Einfluss nehmen. Die etwa fünf Millionen Türken in Europa außerhalb der Türkei „seien ein konstitutionelles Element und nicht nur Gäste“. Erdogan verwies dabei auf Amerika, wo es immer auch einflussreiche Gruppen von Einwanderern gegeben habe.

          Lob für die Aufhebung des Kopftuchverbotes

          Die Rede Erdogans wurde immer wieder von Beifall unterbrochen, besonders dann, wenn er auf den Zusammenhalt und die Stärke der türkischen Gemeinschaft zu sprechen kam. Ausführlich erklärte er seine Innenpolitik als Weg zu besseren wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen in der Türkei. Dabei lobte er auch die Aufhebung des Kopftuchverbotes an Universitäten, die das Parlament am Samstag beschlossen hatte, als einen Akt der Befreiung. Er sei überglücklich, dass dieser erste Schritt erreicht sei.

          Begeisterung in Köln bei der Rede von Erdogan

          Erdogan ging wie alle seine Vorredner, eine ganze Reihe von AKP-Abgeordneten im türkischen Parlament, auf die Brandkatastrophe von Ludwigshafen ein. Alle forderten eine gewissenhafte Aufklärung und, „dass wir solche Vorfälle nicht wieder erleben“. Das habe er auch der Kanzlerin gesagt.

          „Der Dom wird keine Hagia Sophia“

          Politische Gegner Erdogans hatten nicht den Weg in die Köln-Arena gefunden. Vielmehr hatten die meisten etliche Stunden gewartet, bis sie eingelassen wurden und bis dann endlich am Nachmittag der Ministerpräsident zu ihnen sprach. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatten sich einige hundert Kurden und Anhänger linker türkischer Parteien eingefunden. Über die Straße hinweg skandierten sie Schlachtrufe und hielten gelb-grüne Fahnen Kurdistans den rot-weißen türkischen Flaggen entgegen.

          Kurz vor dem Auftritt Erdogans hatte sich vor der Arena eine Menschentraube um eine ältere Frau gebildet. Sie trug einen schwarz-rot-goldenen Schal und ein Pappschild mit der Aufschrift: „Der Dom wird keine Hagia Sophia.“ Sie warnte vor einer Islamisierung Deutschlands und kritisierte in diesem Zusammenhang auch Erdogans Vorschlag zur Entsendung türkischer Lehrer nach Deutschland. Die Frau erhielt von den ihren türkischen Diskussionspartnern Lob für ihren Mut, offen und persönlich mit ihnen zu sprechen.

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