https://www.faz.net/-1qk-9ktyd

: Entscheidend ist der Fußabdruck

Bild: Porsche AG

Klimaschutz im Mobilitätssektor beginnt nicht erst mit der Entscheidung für den Kauf eines Elektroautos. Auch der CO2-Fußabdruck der energieintensiven Produktion sowie der Logistik spielen für den Umweltschutz eine wichtige Rolle.

          Nahezu geräuschlos, ohne das typische Nageln eines Achtzylinder-Dieselmotors, setzt sich der Sattelzug in Bewegung. Das Geheimnis des flüsternden 32-Tonners ist sein Antrieb: Der Lkw mit der Kennung MAN eTGM fährt rein elektrisch. 130 Kilometer schafft die Batterie mit einer Kapazität von 149 Kilowattstunden, bevor sie wieder geladen werden muss. Den ersten Serieneinsatz hat der Lkw in Stuttgart. Dort wird der leise Laster mehrmals täglich die 19 Kilometer lange Strecke zwischen dem Logistikzentrum Freiberg am Neckar und dem Porsche-Werk in Zuffenhausen zurücklegen, wo Ende des Jahres die Fertigung des Taycan beginnt, des ersten vollelektrischen Autos von Porsche.

          So will das Unternehmen sicherstellen, dass auch die Produktion des Autos die Umwelt möglichst nicht belasten. „Die Fertigung des vollelektrischen Porsche Taycan wird in einer CO2-neutralen Produktion erfolgen“, verspricht Porsche-Chef Oliver Blume. Denn ob ein Elektroauto das Klima tatsächliche weniger  belastet als ein Benziner oder Diesel, hängt nicht nur davon ab, mit welchem Strom es betrieben wird. Bekannt ist: Wird ein Elektroauto mit Kohlestrom geladen, wird die CO2-Emission nur vom Auspuff zum Kraftwerksschlot verlagert. Doch auch der CO2-Fußabdruck der Produktion muss in die Betrachtung einfließen. So ist die Fertigung der Lithium-Ionen-Zellen einer Antriebsbatterie sehr energieintensiv.

          Das Ziel: Die Zero-Impact-Factory

          Laut ICCT, dem Internationale Rat für sauberen Verkehr, muss deshalb ein Elektroauto nicht nur mit sauberer Energie geladen werden, damit sein Einsatz der Umwelt nutzt: „Schon bei der Produktion muss gesichert sein, dass nur grüne Energie zum Einsatz kommt.“ Der Porsche Taycan soll deshalb CO2-neutral gebaut werden, das Werk in Zuffenhausen zur „Zero-Impact-Factory“ werden, zur Fabrik ohne Umweltbelastung. „Mit der Integration des eTruck in die Produktionslogistik macht Porsche einen weiteren Schritt auf diesem Weg,“ erklärt Albrecht Reimold, Vorstand Produktion und Logistik der Porsche.

          Der neue CO2-Grenzwert für Neuwagen, den die Europäische Union für 2030 auf einen Flottendurchschnitt von 59 Gramm pro Kilometer festgelegt hat, berücksichtigt die Emissionen bei der Fertigung eines Autos nicht. Selbst der Ladestrom bleibt unberücksichtigt. Ein Fehler, wie nicht nur der ICCT meint. Sicher ist jedoch: Der neue Flotten-Grenzwert beschleunigt die Elektrifizierung. Alle Autohersteller planen, den Anteil von Elektroautos zu erhöhen. VW hat sogar angekündigt, dass ab 2030 kein Fahrzeug aus dem Konzern mehr in Europa mehr verkauft werden soll, das nicht mindestens einen elektrischen Hilfsmotor an Bord hat oder gar komplett elektrisch fährt.

          Entsprechend steigt der Bedarf an Batterien. Der koreanische Konzern LG Chem baut im polnischen Breslau die erste größere Zellenfabrik für Lithium-Ionen-Akkus auf dem Kontinent. Das Problem: Polen hat einen sehr hohen Anteil an Kohlestrom im Netz: rund 80 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland betrug der Anteil 2018 laut dem Agora-Institut 35,2 Prozent. Weil Kohlestrom billig ist, war offenbar die Versuchung groß, das Werk in Polen zu bauen und sie die Produktionskosten zu drücken. Und weil die Nachfrage nach Batterien für Elektroautos sprunghaft steigt, können die Hersteller der Lithium-Ionen-Zellen zugleich nach Belieben an der Preisschraube drehen. LG Chem hat bereits angekündigt, die Preise zu erhöhen.

          Schweden bietet Strom aus Wasserkraft

          Höhere Preise rufen jedoch neue Wettbewerber auf den Plan – wie Northvolt. Das junge Unternehmen baut derzeit eine Zellfertigung, an der auch Siemens beteiligt ist, in seinem Heimatland Schweden auf. Der Vorteil: Dort steht genügend klimaneutraler Strom aus Wasserkraft zur Verfügung. Das Werk soll schrittweise zur größten Zellfertigung in Europa ausgebaut werden. Einen ähnlichen Weg geht der Elektroauto-Pionier Tesla, der seine „Giga Factory“ für Batteriezellen mit Sonnenenergie in Nevada betreiben will.

          Mit solchen Zellen ausgerüstet, können Elektromobile einen deutlich größeren Beitrag zur CO2-Vermeidung leisten – und das ist dringend nötig, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will. Denn laut Greenpeace ist der Anteil des Verkehrs an der CO2-Emission von 1990 bis 2017 von 13 auf 19 Prozent gestiegen – vor allem wegen des höheren Verkehrsaufkommens. Und das liegt bei weitem nicht nur am Pkw. Der Güterverkehr wächst ebenfalls – nicht nur durch schwere Lkw, sondern auch durch den Verteilverkehr in den Städten.

          Elektrotransporter, wie sie derzeit von Ford und Volkswagen getestet werden, sollen hier Abhilfe schaffen. Laut einer Studie von Volkswagen könnten heute schon 47 Prozent der Gewerbekunden ihre Transporter auf Elektroantrieb umstellen. Laut Ford sind in Großstädten wie London zu 75 Prozent des Verkehrs Vans und Kleintransporter von Logistikern und anderen Gewerbetreibenden.

          Doch auch Elektrotransporter verursachen Staus und hohe Kosten: Sie sind rund doppelt so teuer wie ihre Pendants mit Verbrennungsmotor. Deshalb hat das Start-up Rytle ein elektrifiziertes Lastenfahrrad entwickelt, das als Teil einer durchgeplanten Logistikkette die letzte Meile zum Empfänger nahezu klimaneutral zurücklegt und dabei ein Minimum an Verkehrsraum beansprucht.

          Der Autozulieferer Schaeffler geht noch weiter und hat einen autonom fahrenden, elektrifizierten „Mover“ entwickelt, der eine Art Paketabholstation in die Nähe der Endkunden bringt und damit CO2 und Verkehr vermeidet. Ein elektrischer Lkw für die Porschefertigung in Zuffenhausen ist also erst der Anfang.