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Einspruch exklusiv : Nicht zu haben

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Ein kleines Boot fährt an einem großen Eisberg in Ostgrönland vorbei, 15. August 2019. Bild: dpa

Donald Trump hat seinen Dänemark-Besuch abgesagt, weil die dortige Regierung ihm Grönland nicht verkaufen will. Seine Offerte atmet rechtlich wie politisch den Geist des Spätkolonialismus.

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          Wer den Wurzeln des Grönland-Streits dieser Tage nachspürt, wird nicht nur im ewigen Eis, sondern auch in tropischen Gefilden fündig. Im Jahr 1917 erwarben die Vereinigten Staaten vom Königreich Dänemark eine Gruppe von Inseln in der Karibik, über denen mehr als 250 Jahre lang der Dannebrog geweht hatte, gegen Zahlung von 25 Millionen Golddollar. Der Erwerb der Souveränität über die Amerikanischen Jungferninseln, wie sie seitdem heißen, war vor allem von geostrategischen Interessen getrieben, denn wirtschaftlich profitabel war das von Erdbeben und Wirbelstürmen heimgesuchte Dansk Vestindien nach dem Verbot des Sklavenhandels schon seit langem nicht mehr. Dass sich die Bedeutung des Vertrags nicht in der Erweiterung des amerikanischen „Hinterhofs“ erschöpft, macht eine ihm beigefügte Erklärung des amerikanischen Außenministers Robert Lansing vom 4. August 1916 – dem Tag der Vertragsunterzeichnung – deutlich: „[T]he United States of America will not object to the Danish Government extending their political and economic interests to the whole of Greenland“, zu deutsch: Die Vereinigten Staaten werden keinen Einspruch erheben, wenn die dänische Regierung ihre politischen und ökonomischen Interessen auf ganz Grönland ausdehnen sollte. Auch damals schon hegten die USA also territoriale Ambitionen auf Grönland – über dessen Gebiet der Amerikaner Peary ein knappes Jahrzahnt zuvor den Nordpol erreicht haben wollte – und stellten sie schließlich zugunsten eines Archipels zurück, das heute vornehmlich als Kreuzfahrtdestination und Steuerparadies bekannt ist. Dänemark, das sich 1931 vor dem Ständigen Internationalen Gerichtshof noch Norwegens als letztem Konkurrenten um grönländisches Gebiet erwehren konnte, hat seither die unbestrittene territoriale Souveränität über die größte (und eisreichste) Insel der Welt mit ihren heute rund 55.000 Einwohnern inne.

          Die Zeit des Kolonialismus ist vorbei

          Ein guter Deal für die Vereinigten Staaten? Präsident Truman versuchte jedenfalls schon 1946, das Ergebnis zu korrigieren, und unterbreitete Dänemark für Grönland eine – erfolglose – Kaufofferte. Man kann also nicht behaupten, dass Trumps Ansinnen, die Insel zu erwerben, außerhalb jeder historischen Kontinuität stünde. Nur verkennt der amerikanische Präsident, dass sich die völkerrechtlichen Koordinaten für den Erwerb territorialer Souveränität über abhängige Gebiete seit 1917 grundlegend gewandelt haben. Im Herbst des imperialen Kolonialismus wurden Überseegebiete vielfach noch wie Immobilien erworben und veräußert. Schon damals besiegelten Parlamente den Westindien-Vertrag, selbst ein Referendum wurde in Dänemark abgehalten; die Bevölkerung der veräußerten Inseln aber wurde nach Zugehörigkeitswünschen nie gefragt. Zwischen Trumans und Trumps Kaufangebot liegen die Begründung des Selbstbestimmungsrechts der Völker, das in der UN-Charta verankert ist, die dadurch angestoßene Dekolonisierungswelle der 1950er bis 1970er Jahre und die Verankerung der Rechte Indigener in verschiedenen völkerrechtlichen Dokumenten. Noch 1951 wurden die gebietsansässigen Inuit kurzerhand umgesiedelt, als die Vereinigten Staaten auf der Basis eines völkerrechtlichen Vertrags mit Dänemark – ohne Übergang territorialer Souveränität – den Luftwaffenstützpunkt Thule im Norden Grönlands errichteten. Wer aber glaubt, diese Insel im 21. Jahrhundert erwerben zu können wie einst Dänisch-Westindien, offenbart einen erschreckenden Mangel an Sensibilität für das Selbstbestimmungsrecht von Völkern. Davon abgesehen scheint der amerikanische Präsident dem Unterschied zwischen dem schlichten Kauf von Land bzw. Immobilien und dem Erwerb territorialer Souveränität große Bedeutung auch nicht beimessen zu wollen.

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