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Urteil im Fall Susanna F. : Keine Spur von Mitgefühl

Bild: AFP

Wegen des Mordes an Susanna F. verurteilt das Landgericht Wiesbaden Ali Bashar zu lebenslanger Haft. In dem Prozess wird deutlich, dass der junge Mann Frauen verachtet.

          8 Min.

          Es waren Worte der Verzweiflung und des Bedauerns, die der Richter zu Beginn der Urteilsverkündung zitierte. „Ich mache mir bis heute schwere Vorwürfe. Ich kann mir das immer noch nicht verzeihen.“ Nicht etwa der Anklagte hatte das im Verlaufe dieses erschütternden Prozesses geäußert, sondern die Mutter des ermordeten Mädchens. Vier Monate saß sie dem Mörder ihrer 14 Jahre alten Tochter als Nebenklägerin gegenüber. Eine große, stets schwarz gekleidete Gestalt, immer besonnen, oft still weinend. Jeden Mittwochmorgen sah sie Ali Bashar die Treppe aus dem Untergeschoss emporkommen: Einen schmächtigen jungen Mann, dunkle Haare, Tattoo am Arm. Sah seine Regungslosigkeit und Kälte. Sah, wie ihm die Handschellen abgenommen wurden, wie er sich für die Fotografen ein paar Zettel vor sein Gesicht hielt, wie er ihr gegenüber Platz nahm neben seinen Verteidigern und dem Dolmetscher.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Am Mittwoch verurteilte das Landgericht Wiesbaden den 22 Jahre alten Iraker Ali Bashar zu lebenslanger Haft wegen des Mordes und der Vergewaltigung von Susanna F., außerdem wegen besonders schweren Raubes in Verbindung mit einer zweifachen gefährlichen Körperverletzung und Nötigung bei einem Raubüberfall. Das Gericht stellte eine besondere Schwere der Schuld fest, was eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren so gut wie ausschließt. Eine solche sei, so der Vorsitzende Richter, selbst nach günstigster Prognose angesichts der außergewöhnlichen Schuld „unangemessen“. Außerdem wird eine Unterbringung in einer Sicherungsverwahrung vorbehalten – diese muss also zu einem späteren Zeitpunkt geprüft werden. Lebenslang könnte also im Falle des Irakers tatsächlich lebenslang bedeuten. Damit folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Ein Verteidiger Bashars kündigte am Mittwoch an, gegen das Urteil Berufung einzulegen.

          Blass und ohne erkennbare Regung verfolgte Bashar am Mittwoch die Ausführungen. Vor Ermittlern und zu Beginn des Prozesses hatte er den Mord gestanden, die Vergewaltigung aber bestritten; der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich erfolgt, gab er an. Auch hatte er sich für den Mord entschuldigt. Doch zeigte er dabei keine Reue, kein Mitgefühl, wie der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk am Mittwoch ausführte. Die Worte seien als „nicht aufrichtig“ empfunden worden, hätten die Kammer nicht, ja „wahrscheinlich niemanden hier im Saal erreicht“. Eine Übernahme der Verantwortung für die Tat durch Bashar hätte nichts wieder gut gemacht, so der Richter, aber sie hätte der Mutter womöglich einen Neuanfang erleichtert.

          Vorsichtig und zugewandt, aber doch äußerst klar gegenüber dem Angeklagten hatte Richter Bonk diesen schwierigen Prozess geführt, in dem viele Heranwachsende betroffen waren und zu Wort kamen. Bonk stand in diesem Prozess für einen fürsorglichen, aber wachsamen Rechtsstaat – und damit für einen, den der Iraker verachtete. „Allein Sie und niemand anderes tragen die Schuld an dem Tod“, sagte der Richter zu Bashar, und suchte die Mutter zu entlasten. Zweifel, ob diese ihre Tochter ausreichend geschützt habe, könne ein Strafprozess nicht beseitigen, sagte Bonk. Doch weder die Mutter noch die Freundinnen der Ermordeten trügen Schuld, der Tod sei allein Folge des „kriminellen Handelns“ des Verurteilten. Dank der Ausführungen der Mutter sei vielmehr das „freundliche, liebenswerte Mädchen“ erkennbar geworden, das Susanna gewesen sei.

          Diese war behütet in Mainz bei ihrer Mutter, deren Lebensgefährten sowie ihrer jüngeren Schwester aufgewachsen. Im Frühjahr 2018 begann sie, ab und an die Schule zu schwänzen und fand Eingang in eine Clique in Wiesbaden, zu der auch der jüngere Bruder von Ali Bashar, Hadji, gehörte. Sie verliebte sich in ihn. Und das nutzte Bashar nach Darstellung des Gerichts am 22. Mai des vergangenen Jahres als Vorwand, um sie in den Wiesbadener Vorort Erbenheim zu locken. An dem Abend isolierte er sie zunächst gezielt von ihren Freundinnen, schließlich auch von seinem Bruder. Dann brachte er sie dazu, nachts mit ihm über die Felder und an die Bahngleise zu gehen. Wie er das tat, blieb offen. Gegen ihren Willen hatte er dort Geschlechtsverkehr mit ihr, nutzte aus Sicht des Gerichts ihre ausweglose Lage. Nachdem sie gedroht hatte, zur Polizei zu gehen, erwürgte er sie. Mutmaßlich hatte Ali Bashar Hilfe beim Verscharren der Leiche. Wer das gewesen sein könnte, ist unklar. Rund zwei Wochen später wurde Susannas Leiche gefunden. Ohne Schuhe, um den Hals ihre Jacke, so stramm zugezogen, dass der Durchmesser nur noch acht Zentimeter betrug.

          Gegenüber Ermittlern gestand Bashar nach seiner Festnahme im Juni 2018 den Mord. Eine Videoaufnahme davon wurde im Gericht gezeigt. In schlechtem Deutsch, oft kaum vernehmbar, beschrieb er die Tat. Er zeigte zunächst am Beispiel eines Stuhls, später anhand eines Polizisten, wie er Susanna von hinten erwürgte. Akribisch erklärte er die Details der Tötung, kniete sich hin, würgte lange. „Und dann?“, fragte einer der Ermittler. „Sie ist halt tot.“ Keinerlei Verzweiflung, keinerlei erkennbare Reue. „Als würde er die Zubereitung einer Spargelsuppe beschreiben“, sagte die Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter in ihrem Plädoyer dazu. Dieser Beschreibung schloss sich das Gericht in seiner Begründung an, auch wenn es die Worte nicht wiederholte. Was es aber wiederholte, waren Bashars Worte gegenüber einer Sachverständigen: „Ich habe doch nur ein Mädchen totgemacht.“

          Ausführlich suchte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung die Geschichte und den Charakter des Angeklagten zu beschreiben. Dieser sei in Deutschland auf „völlig neue kulturelle Rahmenbedingungen“ gestoßen: soziale Absicherung, leichter Zugang zu Genussmitteln, liberaler Umgang mit Frauen. „Hier kann man machen, was man will“, soll Bashar einer Zeugin zufolge über Deutschland gesagt haben. Einen Sprachkurs und eine vorübergehende Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung brach er ab. Stattdessen schlief er bis mittags, traf sich dann mit einer Gruppe von jungen Leuten in der Wiesbadener Innenstadt. Am Platz der Deutschen Einheit oder im Kurpark tranken sie Alkohol, „Wodka-Energy“, flaschenweise. Zudem ab und an Drogen: Marihuana, manchmal Kokain. Ali Bashar soll dann „total glücklich oder total aufbrausend“ gewesen, sagte eine Zeugin, eine frühere Freundin von ihm.

          Mehr als ein halbes Jahr lang hatte er mehrere Beziehungen. Es waren teilweise Halt suchende Mädchen, die auch dann noch zu ihm standen, als er sie schlecht behandelte und betrog. Frauen bezeichnete als „Huren“ und als „Schlampen“, kommandierte sie herum, manipulierte und kontrollierte sie, erlaubte ihnen keinen Kontakt zu anderen Jungs, schlug sie – und suchte parallel die Verbindung zu anderen Mädchen, etwa über das Netzwerk Instagram, fragte nach Nacktfotos. „Er hat immer gesagt, er wollte Jungfrauen“, sagte eine seiner früheren Freundinnen vor Gericht. „Schlampen, die noch keiner hatte.“

          Für ihn seien Mädchen Freiwild, „das man benutzen und dann wegwerfen kann“, sagte die Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter in ihrem Plädoyer. Susanna sei ein „willkürliches Opfer seiner Bedürfnisbefriedigung“ gewesen. Bashar habe sie ermordet, „einfach, weil er es konnte“. Seine frauenverachtende Einstellung sei nicht kulturell begründet, sondern sei „Ausdruck einer dissozialen Persönlichkeit“, so die Staatsanwältin. Es handele sich nicht um die Tat eines traumatisierten Flüchtlings, sondern um diejenige eines Schwerstgestörten. Auch dem schloss sich das Gericht an: Die Tat habe nichts mit der Nationalität oder dem damaligen Statuts als Asylbewerber zu tun, sagte der Vorsitzende Richter. Es sei die Tat einer „hochgefährlichen“ Einzelperson, nicht die einer Gruppe. Bashar habe einen „erschreckenden Empathiemangel“, sei „hochgradig selbstbezogen“.

          Bashar war im Nordirak aufgewachsen. Innerhalb seiner Familie hatte er den Beschreibungen zufolge als ältester Sohn unter den neun Kindern eine Sonderrolle, wurde verhätschelt. Die Schule verließ er nach fünf Jahren, jobbte in einem Café – und wollte eigentlich nicht weg. Als sich seine Familie dann im Herbst 2015 nach Deutschland aufmachte, war er 18 Jahre alt. Zum Zeitpunkt ihrer Reise war die Route weitgehend gefahrlos, als schlimmstes Erlebnis beschrieb Bashar nach Darstellung der Staatsanwaltschaft den sehr starken Regen. Die im September 2016 gestellten Asylanträge der Familie wurden nur drei Monate später abgewiesen, doch ihre Klage zog sich hin. Zum Zeitpunkt ihrer überhasteten Ausreise in die Heimat nach dem Mord an Susanna war sie nicht entschieden. Aus dem Nordirak wurde Bashar dann innerhalb weniger Tage unter rechtlich fragwürdigen Umständen von der Bundespolizei und deren Präsidenten Dieter Romann persönlich zurückgeholt. Der Fall erregte damals große Aufmerksamkeit. Auch die Bundeskanzlerin äußerte sich und warb für schnellere Verwaltungsgerichtsverfahren und Rückführungen. Zudem gab es Versuche, den Fall politisch auszuschlachten: Die AfD setzte im Bundestag unangekündigt eine Schweigeminute für Susanna an – und wurde dafür von den anderen Fraktionen scharf kritisiert. Von der AfD im Hessischen Landtag wiederum hieß es am Mittwoch, „spätestens jetzt“ werde deutlich, „dass eine Kurskorrektur in der Migrationspolitik dringend geboten“ sei.

          In Wiesbaden war es nach dem Mord ruhig geblieben, anders als ein halbes Jahr zuvor im rheinland-pfälzischen Kandel, das zum Aufmarschgebiet unterschiedlichster politischer Gruppen wurde, nachdem in der Kleinstadt ebenfalls ein Mädchen von einem jungen Asylbewerber ermordet worden war. Auch eine Ortsbegehung der Prozessbeteiligten am Tatort fand kaum Zuschauer und erst recht keine Protestierenden, obwohl sie öffentlich war. Damals schritt eine Gruppe von etwa 40 Personen das unwegsame Gelände nahe der Flüchtlingsunterkunft in Wiesbaden-Erbenheim ab. Mittendrin Ali Bashar, in einem großen, weißen Kapuzenpullover und in Handschellen, festgehalten von vermummten Polizisten. Besichtigt wurde zunächst das Gebüsch, in dem die Vergewaltigung stattfand. Später, hinter den Gleisen, das Gestrüpp, in dem Susannas Leiche gefunden worden war. „Liegt sie hier noch?“, soll Bashar nach Darstellung der Staatsanwaltschaft gesagt und versucht haben, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen.

          Eine Gutachterin hatte Bashar eine „dissoziale Persönlichkeitsstörung mit psychopathischen Zügen“ attestiert. Ohne Reue, ohne Mitgefühl, ganz auf seine Bedürfnisse fixiert – so beschrieb sie ihn. Ferner sagte sie, von Bashar gehe eine Wiederholungsgefahr aus. Auch dem folgte das Gericht. In seinem Urteil begründete es den Vorbehalt einer Sicherungsverwahrung damit, dass mit weiteren Taten des Verurteilten zu rechnen sei – „und diese könnten fast jedes Mädchen treffen“, so der Vorsitzende Richter. Die Möglichkeit einer Therapie sei in diesem Fall „sehr begrenzt“, die Persönlichkeit sei wohl nicht mehr veränderbar – damit sei und bleibe Bashar „hochgefährlich“.

          Schon vor dem Mord war der junge Mann polizeibekannt, vorbestraft aber war er nicht. Laut Zeugenaussagen soll er immer ein Messer bei sich gehabt haben, das er als seinen „Freund“ bezeichnete. Er müsse sich ja verteidigen, wenn ihn jemand schlage, soll er als Erklärung angeführt haben. Verurteilt wurde er am Mittwoch auch wegen eines Raubüberfalls im Wiesbadener Stadtpark im April 2018. Damals hatte er zusammen mit weiteren Personen einen Mann mit einem Messergriff ins Gesicht geschlagen, später gewürgt, den Kopf gegen einen Baum geschlagen und das Messer an den Hals gesetzt, schließlich raubte er den Mann aus und drohte, ihn zu „ficken“. Das Gericht wertete die Tat als besonders schweren Raub in Verbindung mit zweifacher schwerer Körperverletzung und Nötigung.

          Die Tat war vor dem Mord geschehen. Nicht nur deswegen war vor dem Prozess die Frage laut geworden, warum die Polizei nicht früher auf Bashar aufmerksam geworden war. Die Behörden hatten damals im Mai vorigen Jahres den Fall zunächst als normalen Vermisstenfall geführt. Das Handys wurde erst auf Nachdruck der Anwältin der Familie geortet – Bashar hatte zuvor im Namen Susannas gefälschte Nachrichten an die Mutter versandt. Diese hatte der Polizei vorgeworfen, sie zunächst nicht ernst genommen und zu spät reagiert zu haben. Doch hätte die Polizei auch mit einer rascheren Suche den Mord nicht verhindern können. Das 14 Jahre alte Mädchen wurde noch in der Nacht seines Verschwindens ermordet. Die Polizei habe „alles richtig gemacht, was man machen konnte“, sagte die Staatsanwältin im Prozess. Fehler seien „nicht im Ansatz“ festzustellen.

          Allerdings war der Name von Bashar der Polizei bereits im Zusammenhang mit einer möglichen früheren Vergewaltigung bekannt gewesen. Ein elf Jahre altes Mädchen hatte angegeben, im April 2018 von einem Ali vergewaltigt worden zu sein, auch hatte sie die Polizei zusammen mit ihrem Vater zu seiner Wohnung in der Flüchtlingsunterkunft geführt. Doch machte sie keine Aussage gegenüber der Polizei; Bashar wurde nicht vernommen. Es blieb bis zuletzt ein fragwürdiges Kapitel der Ermittlungen. So wie fraglich blieb, warum mehrere Jugendliche in Wiesbaden offenbar von dem Mord an Susanna wussten, es jedoch rund zwei Wochen dauerte, bis sich einer von ihnen an die Polizei wandte und Bashar des Mordes bezichtigte. Es war ausgerechnet jener 14 alte Afghane Mansoor Q., der sich zusammen mit Bashar wegen der mutmaßlichen mehrfachen Vergewaltigung der damals Elfjährigen vor der Jugendkammer des Landgerichts Wiesbaden in einem weiteren – in diesem Fall nicht-öffentlichen Prozess – verantworten muss. Der Prozess dauert noch an.

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