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Urteil im Fall Susanna F. : Keine Spur von Mitgefühl

Diese war behütet in Mainz bei ihrer Mutter, deren Lebensgefährten sowie ihrer jüngeren Schwester aufgewachsen. Im Frühjahr 2018 begann sie, ab und an die Schule zu schwänzen und fand Eingang in eine Clique in Wiesbaden, zu der auch der jüngere Bruder von Ali Bashar, Hadji, gehörte. Sie verliebte sich in ihn. Und das nutzte Bashar nach Darstellung des Gerichts am 22. Mai des vergangenen Jahres als Vorwand, um sie in den Wiesbadener Vorort Erbenheim zu locken. An dem Abend isolierte er sie zunächst gezielt von ihren Freundinnen, schließlich auch von seinem Bruder. Dann brachte er sie dazu, nachts mit ihm über die Felder und an die Bahngleise zu gehen. Wie er das tat, blieb offen. Gegen ihren Willen hatte er dort Geschlechtsverkehr mit ihr, nutzte aus Sicht des Gerichts ihre ausweglose Lage. Nachdem sie gedroht hatte, zur Polizei zu gehen, erwürgte er sie. Mutmaßlich hatte Ali Bashar Hilfe beim Verscharren der Leiche. Wer das gewesen sein könnte, ist unklar. Rund zwei Wochen später wurde Susannas Leiche gefunden. Ohne Schuhe, um den Hals ihre Jacke, so stramm zugezogen, dass der Durchmesser nur noch acht Zentimeter betrug.

Gegenüber Ermittlern gestand Bashar nach seiner Festnahme im Juni 2018 den Mord. Eine Videoaufnahme davon wurde im Gericht gezeigt. In schlechtem Deutsch, oft kaum vernehmbar, beschrieb er die Tat. Er zeigte zunächst am Beispiel eines Stuhls, später anhand eines Polizisten, wie er Susanna von hinten erwürgte. Akribisch erklärte er die Details der Tötung, kniete sich hin, würgte lange. „Und dann?“, fragte einer der Ermittler. „Sie ist halt tot.“ Keinerlei Verzweiflung, keinerlei erkennbare Reue. „Als würde er die Zubereitung einer Spargelsuppe beschreiben“, sagte die Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter in ihrem Plädoyer dazu. Dieser Beschreibung schloss sich das Gericht in seiner Begründung an, auch wenn es die Worte nicht wiederholte. Was es aber wiederholte, waren Bashars Worte gegenüber einer Sachverständigen: „Ich habe doch nur ein Mädchen totgemacht.“

Ausführlich suchte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung die Geschichte und den Charakter des Angeklagten zu beschreiben. Dieser sei in Deutschland auf „völlig neue kulturelle Rahmenbedingungen“ gestoßen: soziale Absicherung, leichter Zugang zu Genussmitteln, liberaler Umgang mit Frauen. „Hier kann man machen, was man will“, soll Bashar einer Zeugin zufolge über Deutschland gesagt haben. Einen Sprachkurs und eine vorübergehende Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung brach er ab. Stattdessen schlief er bis mittags, traf sich dann mit einer Gruppe von jungen Leuten in der Wiesbadener Innenstadt. Am Platz der Deutschen Einheit oder im Kurpark tranken sie Alkohol, „Wodka-Energy“, flaschenweise. Zudem ab und an Drogen: Marihuana, manchmal Kokain. Ali Bashar soll dann „total glücklich oder total aufbrausend“ gewesen, sagte eine Zeugin, eine frühere Freundin von ihm.

Mehr als ein halbes Jahr lang hatte er mehrere Beziehungen. Es waren teilweise Halt suchende Mädchen, die auch dann noch zu ihm standen, als er sie schlecht behandelte und betrog. Frauen bezeichnete als „Huren“ und als „Schlampen“, kommandierte sie herum, manipulierte und kontrollierte sie, erlaubte ihnen keinen Kontakt zu anderen Jungs, schlug sie – und suchte parallel die Verbindung zu anderen Mädchen, etwa über das Netzwerk Instagram, fragte nach Nacktfotos. „Er hat immer gesagt, er wollte Jungfrauen“, sagte eine seiner früheren Freundinnen vor Gericht. „Schlampen, die noch keiner hatte.“

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