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Einspruch exklusiv : Neue Regeln statt alter Dogmen

  • -Aktualisiert am

Das Schlafmittel Pentobarbital wird zuhause von Sterbewilligen eingenommen, aufgenommen bei EXIT Schweiz in Zuerich, am Freitag, 5. Dezember 2008. Bild: Picture-Alliance

Die Regeln zur Sterbehilfe in Deutschland stehen nicht nur im Widerspruch zu den Vorstellungen der großen Bevölkerungsmehrheit, sondern sind auch innerlich inkonsistent. Zeit für eine Reform.

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          In einer alternden Gesellschaft, die das Leben des Einzelnen durch medizinischen Fortschritt immer weiter zu verlängern vermag, wächst das Bedürfnis nach einer Hilfe beim Sterben. Umfragen zeigen, dass in der Öffentlichkeit der verbreitete Wunsch nach einer freien Entscheidung über den eigenen Tod besteht. 77 Prozent der Deutschen sprechen sich für eine Erlaubnis der aktiven Sterbehilfe aus. Die Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe ist dabei weitgehend unabhängig von Geschlecht, Alter, Bildung oder Konfessionszugehörigkeit; eine signifikant geringere Befürwortung findet sich lediglich bei Personen, die regelmäßig die Kirche besuchen. Erstaunlich deutlich ist auch die Akzeptanz privater Sterbehilfe-Organisationen: 60 Prozent der Befragten sprechen sich ausdrücklich für eine Erlaubnis professioneller Sterbebegleitung durch Vereine aus, nur jeder fünfte hält ein gesetzliches Verbot für sinnvoll.

          Die derzeit geltende Rechtslage bildet diese Vorstellungen der Bevölkerung nicht ab. Im Gegenteil: Durch die Einführung der Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Suizidförderung in § 217 StGB im Jahr 2015 hat der Gesetzgeber eine entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Die Unterstützung einer freiwilligen Selbsttötung soll dann strafbar sein, wenn der Täter „die Wiederholung gleichartiger Taten zum Gegenstand seiner Beschäftigung macht“. Einen finanziellen Vorteil muss er sich von der Suizidbeihilfe nicht versprechen. Die Vorschrift umfasst damit nicht nur Sterbehilfeorganisationen (die dem Gesetzgeber offensichtlich ein Dorn im Auge waren), sondern auch Ärzte, die regelmäßig Patienten bei einem Suizid unterstützen. Weshalb die an sich straflose Unterstützung einer freiverantwortlichen Selbsttötung dadurch zu Unrecht werden kann, dass sie wiederholt vorgenommen wird, ist nicht leicht zu erklären. Der Gesetzgeber argumentiert, dass „geschäftsmäßige Angebote die Suizidhilfe als normale Behandlungsoption erscheinen lassen und Menschen dazu verleiten könnten, sich das Leben zu nehmen“ (BT-Dr. 18/5373, S. 2). Eine empirische Basis für diese Ansicht bleibt er allerdings schuldig. Dabei wäre es keineswegs unmöglich, die Folgen einer liberalen Sterbehilfepolitik zu beobachten; ein Blick in einige unsere Nachbarstaaten würde genügen.

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