https://www.faz.net/-irf-9wm5p

Einspruch exklusiv : Trauriger Höhepunkt

  • -Aktualisiert am

Osman Kavala am 11. Dezember 2014 auf einer Pressekonferenz im EU-Parlament Bild: dpa

Der türkische Staatspräsident hat einen Verantwortlichen für die Gezi-Proteste: Osman Kavala, Kulturschaffender und Unternehmer. Der Prozess gegen ihn ist wohl der Gipfelpunkt des Zerfalls von Rechtsstaatlichkeit in der Türkei.

          6 Min.

          Ali Ismail Korkmaz starb durch den Fußtritt eines türkischen Polizisten. Der Student lag schon am Boden, als ihm der Beamte einen letzten Tritt gegen den Kopf verpasste. Der 19-Jährige erlag kurz danach seinen Verletzungen im Krankenhaus von Eskişehir, einer Stadt zwischen Istanbul und Ankara. Korkmaz ist eines der Opfer der Gezi-Proteste von 2013. Was als Aktion von Naturschützern begonnen hatte, die den kleinen Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul vor der Verdrängung durch ein Einkaufszentrum retten wollten, entwickelte sich zum größten Anti-Regierungs-Protest seit Bestehen der türkischen Republik. Gezi hat die Türkei verändert, wie fast nichts zuvor.

          Der Polizist, Mevlüt Saldogan, wurde zwei Jahre später wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu 13 Jahren Haft verurteilt. Saldogan saß zu diesem Zeitpunkt seit etwa eineinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Gut weitere eineinhalb Jahre später durfte er das Gefängnis wieder verlassen. Er kam durch ein Notstandsdekret frei, das der türkische Staatspräsident Erdogan während des Ausnahmezustands nach dem misslungenen Putschversuch im Juli 2016 erlassen hatte. „Saldogan durfte aus dem Gefängnis, während zehntausend andere Polizisten, Lehrer und Dozenten auf Grundlage derselben Notverordnung zuerst aus dem Staatsdienst entlassen und dann zum Teil verhaftet wurden“, erklärt der Istanbuler Anwalt Ayhan Erdogan. Er hat 2013 die Familie des getöteten Studenten vertreten. Dass Saldogan für die Tötung ihres Sohnes so einfach so freikam, sei für die Familie ein Schlag ins Gesicht gewesen. „Aber der wahre Skandal kommt noch“, kündigt der Anwalt an. Denn seit Ende 2019 sitzt Saldogan selbst auf der Klägerbank. „Nachdem er Ali Ismail Korkmaz zu Tode getreten hatte, ließ er seinen Fuß in einem Krankenhaus untersuchen und erhielt einen Bericht. Mit diesem Bericht klagt er jetzt wegen Körperverletzung.“ Anwalt Erdogan schüttelt den Kopf und sagt wieder: „Aber der wahre Skandal kommt noch!“ Saldogan hatte infolge seines Verbrechens nicht nur seine Freiheit, sondern auch seinen Job bei der Polizei verloren. „Ich saß fast vier Jahre im Gefängnis. Meine Familie ist zerbrochen. Ich habe außerdem meinen Job verloren und meinen Ruf. Ich habe durch den Vorfall finanzielle und moralische Schäden erlitten“, gab Saldogan im Juni 2019 schriftlich zu Protokoll. Das Gericht akzeptierte seine Aussage und setzte ihn wegen Körperverletzung und Schikane auf die Liste der „Gezi-Opfer“.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            im F.A.Z. Digitalpaket

          : Aktion

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Oskar und Magdalena Heinroth : Die Vogel-Kommune

          Aus Liebe zu ihren ungewöhnlichen Mitbewohnern kaute Magdalena Heinroth rohen Fisch, ihr Mann Oskar trotzte einer Allergie. Die Geschichte eines Ehepaars, das unseren Blick auf Vögel verändert hat.