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Polizeigewalt in Amerika : Keine Hinweise auf Rassismus

  • -Aktualisiert am

Mitglieder der Protestbewegung Black Lives Matter am 17. Juli 2019 in New York. Bild: Reuters

Schwarze werden in den Vereinigten Staaten besonders oft von Polizisten getötet. Zwei Forscherteams haben sich auf die Suche nach den Ursachen gemacht. Ihre Antworten dürften nicht jedem gefallen.

          7 Min.

          Ist die Polizei in den Vereinigten Staaten rassistisch? Allein den Rassismusvorwurf zu hinterfragen ist aus Sicht mancher Aktivisten schon Ausdruck des eigenen Rassismus. Die ideologische Sprengkraft wissenschaftlicher Forschung zum heiklen Thema Polizeigewalt gegen Minderheiten hat noch einmal zugenommen in Zeiten, in denen der amerikanische Präsident schwarze Politiker der Demokraten und die Bevölkerung in deren Wahlkreisen auf üble Weise beschimpft und verunglimpft. Wie konfrontativ die Stimmung ist, spiegelt sich in den zum Teil wütenden und erbitterten Reaktionen auf einen Studienbericht wider, den die renommierte amerikanische Wissenschaftlervereinigung „National Academy of Sciences“ vor Kurzem in ihrem offiziellen Publikationsorgan „Proceedings“ veröffentlichte („Officer characteristics and racial disparities in fatal officer-involved shootings“, PNAS 22. Juli 2019). Die Analyse zur Bedeutung von Rasse in Fällen tödlicher Polizeigewalt sei „traurig und erniedrigend“, beklagen die Kritiker und bezichtigen die Autoren, David Johnson von der University of Maryland und Joseph Cesario von der Michigan State University, mit ihren Forschungsergebnissen Verfechter weißer Vorherrschaft zu unterstützen.

          Die beiden Psychologen sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Schwarze und Hispanics bei Polizeieinsätzen von Beamten mit weißer Hautfarbe erschossen werden, nicht größer ist, als bei Einsätzen von Polizeibeamten mit afro-amerikanischen oder hispanischen Wurzeln. Die verbreitete Annahme, tödliche Schüsse auf schwarze und hispanische Verdächtige ließen sich mit dem Rassismus weißer Polizisten erklären, wird durch die Studie also dem Anschein nach widerlegt. Auch eine zu Jahresbeginn veröffentliche Untersuchung von Wissenschaftlern der Rutgers Universität in Newark und der Princeton-University fand keine Bestätigung für das Narrativ des „rassistischen weißen Bullen“ (Charles E. Menifield, Geiguen Shin, Logan Strother: „Do White Law Enforcement Officers Target Minority Suspects?“, Public Administration Review, January/February 2019, 56ff.).

          Polizeigewalt führt immer wieder zu Ausschreitungen

          Beide Studien knüpfen an eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen zu den Ursachen tödlich verlaufender Polizeieinsätze an. Denn über eines ist man sich immerhin einig: Es ist mehr Forschung nötig, da Fälle von Polizeigewalt, bei denen Täter und Opfer eine unterschiedliche Hautfarbe haben, die Kluft zwischen Schwarz und Weiß in den Vereinigten Staaten weiter vertieft haben.

          Nachdem im August 2014 in Ferguson im Südstaat Missouri der 18 Jahre alte unbewaffnete Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen worden war, kam es in mehreren Städten zu Protesten, teilweise auch zu Ausschreitungen. Wenige Monate nach den Schüssen in Ferguson starb der 50 Jahre alte Afroamerikaner Walter Lamer Scott im Südstaat South Carolina auf der Flucht vor einem weißen Polizisten. Scott war von acht Kugeln in den Rücken getroffen worden. Im gleichen Jahr hatte ein weißer Polizist in Chicago einen jugendlichen Schwarzen mit 16 Schüssen, von denen neun das Opfer in den Rücken trafen, getötet, ohne dass von dem Siebzehnjährigen eine Bedrohung ausgegangen wäre.

          Mehr als 99 Prozent der Getöteten hatten Schusswaffen bei sich

          Diese Einzelfälle sind verstörend, aber auch extrem selten. Mehr als 99 Prozent der getöteten Verdächtigen in den knapp 2000 Fällen, die in der Rutgers-Princeton-Studie untersucht wurden, hatten eine Schusswaffe bei sich getragen oder waren anderweitig bewaffnet gewesen. Das ändert jedoch nichts an der gesellschaftspolitischen Brisanz tödlicher Polizeieinsätze. Der damalige Direktor der amerikanischen Bundespolizei FBI, James Comey, sprach 2015 in einer vielbeachteten Rede mit bemerkenswerter Offenheit an, dass Amerika ein Problem habe, das über die einzelnen Vorfälle tödlicher Polizeigewalt hinausreiche. An manchen Orten, auch in New York City, werde die Polizei nicht mehr als Verbündeter, sondern als Gegner wahrgenommen; Misstrauen und Argwohn seien vor allem in vorwiegend von Afroamerikanern bewohnten Vierteln verbreitet.

          Schwarze Bürgerrechtler haben reagiert und in den letzten Jahren ein Netzwerk von Mitstreitern aufgebaut, die sich gegen Rassismus, Diskriminierung und Polizeigewalt wenden. Vor allem die Bewegung „Black Lives Matter“, die mittlerweile international aktiv ist, gibt schwarzen Amerikanern Zusammenhalt und übt Druck aus, damit Missstände anerkannt und beseitigt werden. Dass sich etwas ändern muss, wird zunehmend auch von amerikanischen Stadt- und Gemeindevertretern und bei der Polizei selbst anerkannt. Was genau geschehen muss, ist allerdings noch nicht hinreichend klar. Das Hauptproblem sind fehlende Daten.

          Schwarze werden weit überdurchschnittlich häufig von Polizisten getötet

          Seit diesem Jahr gibt es zwar eine neue, nationale Datei zu tödlichen Polizeieinsätzen. Die Polizeistellen sind jedoch nicht verpflichtet, Angaben über tödliche Polizeieinsätze zu liefern. Deshalb gibt es erhebliche Zweifel, dass die „National Use-of-Force data Collection“ die bestehenden Lücken schließen wird. Als der damalige FBI-Direktor Comey nach der Erschießung von Michael Brown in Ferguson von seinen Mitarbeitern wissen wollte, wie viele der von Polizisten erschossenen Personen Afroamerikaner gewesen seien, konnten sie ihm keine Auskunft geben. Es fehlten verlässliche Statistiken. „Präzise und umfassende Angaben zum Einsatz von Gewalt durch die Polizei sind generell . . . nicht verfügbar“, bestätigte Catherine Lhamon, die Vorsitzende der „United States Commission On Civil Rights“, Ende vergangenen Jahres, als die Kommission eine Untersuchung zu tödlich verlaufenen Polizeieinsätzen vorlegte. Die besten verfügbaren Erkenntnisse ließen darauf schließen, dass es für Menschen nicht-weißer Hautfarbe, aber auch für andere Minderheiten wie Behinderte oder Homosexuelle und Bürger mit geringem Einkommen eine höhere Wahrscheinlichkeit gebe, durch Polizisten getötet zu werden, heißt es in dem Kommissionsbericht.

          Auch in wissenschaftlichen Studien fand man diese Annahme bestätigt. Zwar sterben bei tödlichen Polizeieinsätzen absolut gesehen mehrheitlich Weiße (51 Prozent), gefolgt von Schwarzen (28 Prozent) und Hispanics (19 Prozent). Betrachtet man aber den Anteil der drei Gruppen an der amerikanischen Bevölkerung, so sterben Amerikaner mit schwarzer Hautfarbe nach den Untersuchungen der Wissenschaftler der Rutgers- und der Princeton-Universität mehr als doppelt so häufig bei Polizeieinsätzen. Dies fällt vor allem bei den Afroamerikanern auf, deren Anteil an der Bevölkerung mit 13 Prozent deutlich geringer ist als  ihr Anteil an den durch Polizisten Getöteten mit 28 Prozent. Bei Amerikanern hispanischer Herkunft stellten die Forscher nur ein leichtes Übergewicht unter den Todesopfern bei Polizeieinsätzen gemessen am Bevölkerungsanteil fest. Weiße Personen hingegen waren unterrepräsentiert, obwohl 51 Prozent (nach einer anderen Studie: 55 Prozent) aller Getöteten Weiße sind, denn ihr Bevölkerungsanteil beträgt etwas mehr als 60 Prozent. Früheren Studien zufolge ist die Diskrepanz zwischen weißen und schwarzen Getöteten noch deutlich größer.

          Polizisten schießen am ehesten auf Personen ihrer eigenen Hautfarbe

          Was aber sind die Ursachen für diese Unterschiede? Sowohl die Verfasser der Rutgers- und Princeton-Analyse als auch die Wissenschaftler der Universitäten Maryland und Michigan fanden jedenfalls keine Belege für die verbreitete Annahme, rassistische Einstellungen weißer Polizisten seien ursächlich. Beide Wissenschaftsteams haben sich nicht nur die ethnische Herkunft der Opfer, sondern auch die der Polizeischützen angesehen. Träfe die Vermutung rassistisch motivierter Gewalt weißer Polizisten gegen schwarze Verdächtige zu, hätte der Anteil schwarzer Opfer vergleichsweise höher sein müssen, lautete die Ausgangsthese. Die Auswertung der Daten ergab dann jedoch sogar einen leichten Überhang weißer Opfer in Fällen, in denen Polizisten mit weißer Hautfarbe geschossen hatten. Wurden tödliche Schüsse von einem schwarzen Polizisten abgefeuert, verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Opfer ebenfalls schwarz war. Für hispanische Opfer stieg das Risiko, erschossen zu werden, sogar um das neunfache, wenn der Polizist gleicher ethnischer Herkunft war, heißt es in der Maryland-Michigan-Studie. Aus diesen Ergebnissen könne jedoch nicht geschlossen werden, dass schwarze und hispanische Polizisten voreingenommen gegen Verdächtige gleicher Hautfarbe seien, mahnen die Autoren. In Städten und Stadtvierteln mit vielen Bewohnern unterschiedlicher Hautfarbe sei auch der Anteil nichtweißer Polizisten höher. Werde dieser Faktor berücksichtigt, lasse sich nicht mehr feststellen, dass schwarze und vor allem hispanische Polizisten unverhältnismäßig häufig Verdächtige gleicher Hautfarbe erschießen.

          Eine auffällig hohe Wahrscheinlichkeit, dass Verdächtige mit einer bestimmten Hautfarbe erschossen werden, fanden die Psychologen jedoch in solchen Bezirken, in denen besonders viele Gewaltstraftaten durch die jeweilige ethnische Gruppe begangen wurden. Dort wo Tötungsdelikte vor allem von weißen Tätern begangenen wurden, war das Risiko weißer Personen, durch Polizisten getötet zu werden, dreieinhalb mal so hoch. Noch ein wenig höher (3,7 mal so groß) war das Risiko für schwarze Bewohner, wenn in ihrer Umgebung Gewalttaten vor allem von schwarzen Tätern begangen wurden. In Bezirken, in denen es auffällig viele hispanische Gewalttäter gibt, war es 3,3 mal so wahrscheinlich, dass diese Opfer tödlicher Polizeischüsse werden. 

          Hohe Kriminalität in der schwarzen Bevölkerung als Ursache?

          Die Autoren sehen damit Ergebnisse früherer Studien bestätigt, wonach Schwarze deshalb häufiger bei Polizeieinsätzen getötet werden, weil sie durch Beteiligung an Gewalttaten häufiger in Kontakt mit der Polizei kommen. Forderungen von Bürgerrechtlern nach mehr ethnischer Vielfalt in den Reihen der Polizei gingen deshalb an dem Kernproblem, der erhöhten Kriminalität in der schwarzen Bevölkerung, vorbei. Mehr schwarze Polizisten könnten vielleicht das Vertrauensklima in mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Bezirken verbessern, aber „es ist unwahrscheinlich, dass die rassischen Unterschiede bei tödlichen Polizeieinsätzen sich dadurch reduzieren lassen“.

          Natürlich sind auch den Verfassern der Maryland-Michigan-Studie die Argumente bekannt, dass, wenn nicht individueller, so doch struktureller Rassismus dazu geführt habe, dass unverhältnismäßig viele Afroamerikaner in der Kriminalitätsstatistik auftauchten. Als Beleg dafür werden – auch von den Wissenschaftlern der Princeton- und Rutgers-Universität – vor allem Kontrollen ins Blaue hinein genannt, die sich früheren Studien zufolge besonders gegen schwarze Amerikaner richteten. Hier gelte es anzusetzen, fordern die Autoren der Rutgers-Princeton-Studie. Reformen müssten darauf zielen, eine Polizeikultur zu etablieren, die „keine nachteiligen Auswirkungen für Menschen einer bestimmten Rasse oder eines bestimmten sozialen Status hat.“ Aber setzt man damit tatsächlich an der Wurzel des Problems an, oder weicht man aus Gründen politischer Korrektheit der „harten Wahrheit“ aus, von der FBI-Direktor Comey im Zusammenhang mit den leidvollen Kriminalitätserfahrungen der „black community“ sprach? Wie sich „racial profiling“ auf die Kriminalitätsstatistik auswirkt, müsste vielleicht noch genauer untersucht werden. Auf Gewalttaten jedenfalls werde die Polizei vor allem durch Notrufe und weniger durch fragwürdige Zufallskontrollen aufmerksam, geben die Verfasser der Maryland-Michigan-Studie zu bedenken. Der Einwand des „racial profiling“ verfange deshalb an dieser Stelle nicht.

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