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Einspruch exklusiv : Eine überfällige Debatte

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Lernen, lernen, lernen: Blick in den Lesesaal der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden Bild: dpa

Kaum irgendwo sind Noten so entscheidend wie unter Juristen - und kaum irgendwo herrscht eine derartige Willkür. Höchste Zeit, auf den Tisch zu hauen!

          Es gibt einen Spruch, den jeder Jurist kennt: "Vor Gericht und auf Hoher See ist man in Gottes Hand". Sofern man an Gott glaubt, müsste man ergänzen: "Vor Gericht, auf Hoher See und vor den Justizprüfungsämtern ist man in Gottes Hand." Das hat erst einmal gar nichts mit bestimmten Prüfungsämtern oder gewissen dort handelnden Personen zu tun, viel mehr lohnt es sich, mal einen Blick darauf zu werfen, wie bei uns Juristen so eine Endnote, die über alles entscheidet, entsteht: Man studiert erst einmal viele Jahre und alle Noten, die man auf dem Weg einsammelt, zählen: Nichts. Sie fließen auch in nichts ein. Noch nicht einmal liefern sie zuverlässige Prognosen für weitere Noten.

          Und im Examen selbst zählt Glück oft mehr als juristisches Fachwissen: Es gibt Justizprüfungsämter, in denen Erst- und Zweitkorrektor im Examen auf die gleiche Klausur 5 bis 9 Punkte Unterschied geben. Wenn sie es dann merken, schrauben sie ein wenig an den Ergebnissen herum und das ohne Grundlage, einfach um die meistens erlaubte Grenze von 3 Punkten Maximalabstand nicht zu überschreiten. Es gibt sogar das Gerücht, dass manchmal auch gewürfelt wird.

          Zum Hintergrund: Die Jura-Notenskala reicht von 0 bis 18 Punkten. Nur werden 15 bis 18 Punkte eigentlich nie vergeben. Und mit früher 9 Punkten (heutzutage sogar meist ab 7,5 oder 8 Punkten) kann man sich den Job aussuchen. 8 oder 9 von 18 Punkten heißt Prädikat und freie Berufswahl. Und kein Professor, Justizprüfungsamtskorrektor, Richter oder Rechtsanwalt konnte mir jemals den Unterschied erklären zwischen 7 und 8 und zwischen 12 und 13 Punkten. Warum das so ist? Weil es keinen gibt. Es gibt Professoren, die geben für eine Musterlösung 14 Punkte, andere 9. Dann gibt es welche, die geben für eine durchschnittliche Leistung 8 Punkte, andere 4. Viele Korrektoren geben darüber hinaus in Einzelgesprächen zu, dass sie sich kaum Zeit nehmen für eine Klausur, entweder weil sie dafür kaum Geld kriegen oder weil sie selbst keine vernünftige Bewertungsskala haben, und dann oft nach Gefühl benoten. Viele Unis stellen auch Korrekturassistenten ein, die selbst noch nicht einmal das Erste Staatsexamen haben.

          Auch ist Folgendes nicht zu unterschätzen: Die Examina in den verschiedenen Bundesländern weisen sehr unterschiedliche Schwierigkeitsgrade auf. Aber nicht nur das: Selbst innerhalb der Bundesländer gibt es massive Unterschiede, denn der Schwerpunkt zählt im Examen oft um die 30 Prozent. Manche Unis und manche Professoren verschenken hier Punkte aus Mitleid wegen des harten staatlichen Teils, andere bewerten sehr streng. So landen manche mit 6, 5 Punkten im staatlichen Teil durch den Schwerpunkt noch auf einem Prädikat, während andere dramatisch abrutschen.

          Was man auch nicht vergessen darf: Die Freiversuchsregelung, wonach man einen Versuch mehr hat, sofern man das Examen früh schreibt, bedeutet oft nichts anderes als eine Bevorzugung derjenigen, die, eventuell sozial inkompetent, den ganzen Tag in der Bibliothek sitzen und Lernen zu ihrem Hauptlebensinhalt machen. Und eine Benachteiligung derer, die eventuell neben dem Studium arbeiten, sich politisch oder gesellschaftlich engagieren oder schon Eltern sind. Abgestraft wird jeder, der mit dem echten Leben in Kontakt gerät oder finanzielle Sorgen hat, woraus sich nachvollziehbare Verzögerungen ergeben können.

          Arbeitgeber, die nur nach Noten einstellen und hierbei starre Grenzen ziehen, agieren häufig an der Realität vorbei. Sie schaden sich selbst, da sie nach dem Prinzip einstellen: Wer zufällig in der Examenswoche gut drauf war, zufällig beim Lernen die richtigen Themen ausgewählt hat, zufällig passende Sachverhalte bekommen hat und schließlich auch noch zufällig auf nette Korrektoren sowie großzügige Schwerpunkts-Professoren und eine gnädige Kommission in der mündlichen Prüfung gestoßen ist - den wollen wir! Ob all diese Zufälle, auf denen die juristische Notenvergabe beruht, noch mit Artikel 12 Grundgesetz vereinbar sind? Jurist wird jedenfalls, wer an den richtigen Stellen Glück hat. Wer ein gutes Examen hat, hat insofern nichts bewiesen.

          Man hört oft, dass an dem System alleine deshalb nichts geändert wird, da diejenigen, die darüber entscheiden, selbst alles durchleiden mussten. Das mag sein und ist menschlich nachvollziehbar. Aber es ist kein Grund, sich gegen Veränderungen zu wehren. Es ist Zeit, an jeder Fakultät, in jedem Bundesland und in jedem Justizprüfungsamt auf den Tisch zu hauen. Und zu sagen: Es reicht! Juristen üben, sei es als Anwalt, Staatsanwalt oder Richter, in Ministerien oder Unternehmen eine unheimliche Macht in diesem Land aus. Wer diese Macht ausübt, hängt fast nur von den willkürlich vergebenen Noten in den Examina ab. Eine öffentliche Debatte ist daher dringend nötig. 

          Maximilian Lüderwaldt studierte Jura an der Bucerius Law School und qualifizierte sich durch einen Spitzenplatz im Leistungsranking für einen Auslandsstudienplatz an der University of Cambridge in Großbritannien. Vor wenigen Monaten schloss er sein Jurastudium mit dem Ersten Staatsexamen im Freiversuch ab. Der Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung spricht also nicht aus Frustration, sondern aus Überzeugung.

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