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Einspruch exklusiv : Von Chefärzten und Sekretärinnen

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Bild: Picture-Alliance

Man muss nicht jeden Text durch die Brille der Geschlechtergerechtigkeit betrachten. Aber es gibt auch keinen vernünftigen Grund, längst überholte Stereotype in Juraklausuren fortzuschreiben.

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          „Um endlich mit seiner Geliebten, der Krankenschwester K, zusammen sein zu können, tötet Chefarzt A seine Ehefrau E.“ „Handelsvertreter T gibt gegenüber Hausfrau H wahrheitswidrig vor, dass er ihr einen Staubsauger unter Marktpreis verkaufen könne.“

          Bei der Lektüre dieser beiden Ausschnitte aus Klausursachverhalten dürften die meisten Leser kaum etwas Ungewöhnliches bemerkt haben. Wer juristische Prüfungsarbeiten geschrieben hat, dem ist das Personal vertraut: Chefärzte, Krankenschwestern, Manager und Sekretärinnen. Doch die Zeiten ändern sich. In der vergangenen Woche habe ich den Leitfaden der Gleichstellungsbeauftragten „zur Überarbeitung der juristischen Ausbildungsliteratur an der Juristenfakultät“ erhalten. Ziele des Leitfadens sind ein „gendergerechter Sprachgebrauch“ und die Vermeidung „stereotyper Bilder“ in Klausursachverhalten.

          Fragen von Gleichstellung und gendergerechter Sprache sind erstaunlich kontrovers. Von Zuwanderung und – neuerdings – Umweltschutz abgesehen, gibt es kaum ein Thema, das ähnlich polarisiert. Die Ablehnung hat vielfältige Gründe. In der Forderung nach einer Veränderung von Bildern und Sprache schwingt die Kritik mit, dass man es bislang falsch gemacht und Menschen – wenn auch unterbewusst – diskriminiert habe. Einen solchen Vorwurf möchte sich kaum jemand machen lassen; und wer sich angegriffen fühlt, der schlägt nicht selten zurück.

          Eine Rolle dürfte außerdem die Sorge spielen, dass manche Gender-Initiativen zu weit gehen. Ganz unberechtigt sind die Befürchtungen nicht. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem engagierten Einsatz für ein gesellschaftlich wichtiges Thema und dem unreflektierten und einseitigen Kampf gegen vermeintliche Missstände. Wird die Welt nur noch durch die Brille der Gendergerechtigkeit betrachtet, verengt sich der Blick – und es besteht die Gefahr, andere Belange und Interessen auszublenden. Nicht alles sollte politisch sein. Es muss eine Welt der Kunst und der Ästhetik bestehen bleiben, die sich politischen Anliegen entziehen kann. Wenn auch diese Bereiche den Regeln der Geschlechtergerechtigkeit unterworfen werden sollen, erscheint das Anliegen der Gleichstellung als Bedrohung für die Freiheit. Wird Gleichstellung mit einem Absolutheitsanspruch vertreten, der keinen Raum für Abwägungen lässt, entsteht das Bedürfnis, andere Werte und Güter vor Aktionismus und Ideologie zu schützen. Aus einer solchen Verteidigungshaltung wächst Argwohn gegen die Bewegung an sich – und damit die Gefahr, nicht mehr im Einzelfall zu urteilen, sondern Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit aus Prinzip mit Ablehnung zu begegnen.

          Ein Gedicht sollte, wenn es nicht offen herabwürdigend ist, den aktuellen Vorstellungen von Gendergerechtigkeit nicht weichen müssen. Bei einem Klausursachverhalt kann das hingegen anders aussehen. Es lohnt sich also ein vorurteilsfreier Blick auf die Kritik aus Genderperspektive. Der Leitfaden meiner Universität beruft sich auf eine Hamburger Studie zu Rollenstereotypen in juristischen Ausbildungsfällen. Die Studie untersuchte 87 Klausursachverhalte und kam, unter anderem, zu folgenden Ergebnissen:

          1. Frauen sind als Fallpersonen unterrepräsentiert. Zudem sei „auffällig“, dass Fallpersonen in der Regel entweder männlich oder weiblich seien; „geschlechtlich Vielfalt als gesellschaftliche Realität“ werde nicht abgebildet.
          2. Frauen werden häufig durch ihr Verhältnis zu einem Mann definiert („Ehefrau“)
          3. Frauen sind seltener berufstätig als Männer; sind sie berufstätig, so werden stereotype Berufsbilder reproduziert.

          Ein geringerer Anteil von Frauen ist in strafrechtlichen Sachverhalten durchaus Abbild der Realität: Frauen begehen deutlich weniger Straftaten als Männer und werden auch seltener zum Opfer. Das ist für sich genommen kein zwingendes Argument – und rechtfertigt es in jedem Fall nicht, Frauen als Täterinnen weitgehend auszublenden. Allerdings kann eine ausgewogenere Darstellung der Geschlechter hier kaum einem „Empowerment“ durch Aufbruch von Rollenmustern dienen – eine Straftäterin taugt schließlich wenig zum Vorbild für junge Frauen. Aber: Möglicherweise ist es im Interesse der männlichen Studierenden, die Täterrolle nicht ausschließlich oder weit überwiegend männlich zu definieren und weibliche Kriminalität zu ignorieren.

          Im Zivilrecht ist die Sache eindeutiger. In der Hamburger Studie waren lediglich 11 Prozent der Personen in zivilrechtlichen Sachverhalten weiblichen Geschlechts. Frauen in dieser Weise zu marginalisieren kann durchaus suggerieren, dass sie keine relevanten Akteure im Wirtschaftsleben sind.

          Die Kritik, dass Klausursachverhalte ein „binäres Geschlechterbild“ zeichnen, geht hingegen zu weit. Die Zahl von Personen, die sich einem dritten Geschlecht zuordnen, liegt aktuellen Schätzungen zufolge in Deutschland bei unter 200. „Auffällig“, wie die Verfasserinnen der Hamburger Studie meinen, ist es also wohl kaum, wenn sie in den 87 Sachverhalten nicht genannt werden. Und ausschließlich von „Personen“ ohne jede geschlechtliche Zuordnung zu sprechen, wirkt künstlich und widerspricht der Lebensrealität der weit überwiegenden Mehrheit der Menschen.

          Dass Frauen in strafrechtlichen Klausuren häufig die Rolle einer Ehefrau oder Geliebten einnehmen, erklärt sich weitgehend durch die Fokussierung auf den männlichen Täter, der im Zentrum des Geschehens steht. Da Sachverhalte keine unnötigen Informationen enthalten sollen und das Vorgehen gleichwohl plausibel machen müssen, werden leicht nachvollziehbare Beziehungskonstellationen und Motive gewählt. Der Täter, der seine Ehefrau tötet, um mit der Geliebten zusammen sein zu können, ist einfach ein praktischer Protagonist – ohne dass dahinter eine Abwertung der Frau als „Anhängsel“ des Mannes steht. Dieses Problem löst sich von allein, wenn Frauen künftig häufiger zu Täterinnen gemacht werden.

          Auch hinter den Berufsbildern dürfte in aller Regel kein böser Wille stehen (die Autorin hat bei einer kritischen Durchsicht der eigenen Klausuren selbst einige Chefärzte und Krankenschwestern entdeckt), sondern Gewohnheit. Unterbewusst werden Sachverhalte reproduziert, die man selbst schon unzählige Male gelesen hat. Das macht es nicht besser. Und umso wichtiger ist es, für diese Fragen sensibilisiert zu werden. Nun lässt sich argumentieren, dass die Adressanten der Klausursachverhalte junge Frauen sind, die sich für ein anspruchsvolles Studium entschieden haben – und die sich durch stereotype Rollenbilder kaum von ihren beruflichen Ambitionen abbringen lassen werden. Doch gerade weil klassische Rollenverteilungen und Hierarchiestrukturen nicht mehr die Realität sind, sollten unsere Sachverhalte sie auch nicht als solche darstellen. Studierende können sich zu Recht darüber wundern (wenn nicht ärgern), im 21. Jahrhundert ständig mit der Hausfrau H. konfrontiert zu werden.

          Stereotype Rollenbilder in juristischen Ausbildungsfällen sind sicher kein Anlass für einen Aufschrei – wohl aber dafür, Klausursachverhalte zu überdenken. Viele Fallbücher tun das bereits. Auch die Autorin dieser Zeilen wird im nächsten Semester neues Personal auftreten lassen: ein gleichgeschlechtliches Paar, eine Frau als Wirtschaftskriminelle und einen Mann in Elternzeit (nicht nur zwei Monate!).

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