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Juristische Klausuren : Satire oder Stereotyp

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Schantal, Kevin, Mandy: Was als Auflockerung einer Übungsklausur gedacht war, wurde von der „Zeitschrift für das juristische Studium“ einstweilen zurückgezogen. Eine Wissenschaftlerin sagt: Stereotype in Sachverhalten demotivieren Jurastudenten.

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          Dröge Sachverhalte gibt es in der juristischen Ausbildung genug. Etwas Auflockerung, Pep oder Witz kann da guttun. Das mag sich auch die „Zeitschrift für das juristische Studium“ (ZJS) gedacht haben, die von 16 renommierten Professoren ehrenamtlich herausgegeben wird und sich unter Studenten großer Beliebtheit erfreut – wegen ihrer didaktischen Qualität und weil sie online kostenfrei erhältlich ist.

          Doch bei einem Übungsfall, der in der Ausgabe 1/2019 erschienen ist, wurde die Grenze zwischen Satire und Stereotypen möglicherweise überschritten. Inzwischen ist die Klausur nicht mehr erhältlich. Wer den entsprechenden Link aufruft, erhält die schlichte Mitteilung, dass der Beitrag zurzeit überarbeitet wird. Beschwert hatte sich unter anderem der „Arbeitskreis Kritischer Jurist*innen an der Universität Bonn“, wie ihre Sprecherin Franziska Neis gegenüber Einspruch erklärt. Man habe ein Gespräch mit einem der geschäftsführenden Herausgeber der Zeitschrift geführt, „nachdem uns der Beitrag negativ aufgefallen war“.

          Worum geht es? Unter dem Titel „Schantal versucht zu kellnern ...“ ergeben sich aus der Anstellung besagter Schantal in der Gaststätte „Flying Kangaroo“ im „Bochumer Bermudadreieck“ einige arbeitsrechtliche Probleme, die in einer außerordentlichen Kündigung enden. Grund ist unter anderem, dass „S.’ Fähigkeiten im Kellnern zwar zu wünschen übriglassen, aber die männlichen Gäste sowie im Besonderen K. andere Qualitäten an ihr zu schätzen wussten.“ Mit K. ist Kevin, der Betreiber der Gaststätte gemeint, der später seiner Ehefrau Mandy „gewisse Stunden“ beichten muss, die er mit Schantal spätabends „hinter, auf oder auch unter der Theke erlebt hatte“. Anschließend wird noch dargelegt, dass Schantal auch in finanziellen Dingen „kein gutes Händchen“ habe, sie trotz Schwangerschaft auf ihr „obligatorisches Feierabendbier“ nicht verzichten will und K. „schon drei Kinder aus vorherigen Beziehungen“ hat. In der elf Seiten langen Falllösung gibt es dann keine entsprechenden Hinweise oder Anspielungen mehr.

          „Wie eine trashige RTL2-Fernsehsendung“

          Für Dana Valentiner von der Universität Hamburg ist klar: Hier werden Geschlechterstereotype verwendet, die in dem Absprechen jeglicher Kompetenz der Protagonistin sowie der Sexualisierung ihrer Person münden: „Juristische Sachverhalte sollen es Studierenden ermöglichen, ihr rechtliches Wissen auf ein konkretes Fallbeispiel anzuwenden. Sachverhalte, die wie Drehbücher für eine trashige RTL2-Sendung aufbereitet sind, fördern dieses Ziel nicht.“ Die Sexualisierung von Frauen in juristischen Ausbildungsfällen habe eine lange Tradition, auf die Franziska Pabst und Vera Slupik schon 1977 in der ersten empirischen Untersuchung zum „Frauenbild im zivilrechtlichen Schulfall“ (Kritische Justiz 1977, Seiten 242–256) hinwiesen. Valentiner hat selbst zu solchen Stereotypen geforscht und konnte 2015 und 2016 dazu 87 Examensübungsklausuren auswerten.
          Fast die Hälfte aller dargestellten Frauen werden über ihre Beziehung zu einem Mann definiert, etwa als „Ex-Freundin des K.“ oder „Geliebte des T.“. Während Männer etwa mit Baustoffen oder Oldtimern handelten, arbeiteten Frauen, wenn überhaupt, in einer Bäckerei. 44 Männer waren selbständig oder als Geschäftsführer tätig, aber nur drei Frauen, unter anderem in einem Schönheitssalon.

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