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Einspruch Exklusiv : Keine Wende – eine Revolution!

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Dreißig Jahre nach dem unblutigen Umsturz in der DDR ist es an der Zeit, nicht mehr von „Wende“ zu sprechen, sondern von „Revolution“ – ohne sie „friedlich“ zu nennen.

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          Um zunächst die Vorgeschichte der Maueröffnung in Erinnerung zu rufen: Im Herbst 1989 wurde die massenhafte Flucht von DDR-Bürgern über die CSSR und Ungarn in die „BRD“ ebenso zur Bedrohung für den Machtanspruch des SED-Regimes wie das Massenphänomen der Montagsdemonstrationen in Leipzig. Am 9. Oktober waren dort 70.000 Menschen auf der Straße, am 16. Oktober 120.000 sowie am 23. und 30. Oktober jeweils 300.000. Die größte Massenveranstaltung fand aber am 4. November in Berlin statt: Auf der ersten offiziell genehmigten Demonstration in der DDR forderten mehr als eine halbe Million Menschen auf dem Alexanderplatz freie Wahlen, Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit. Dieser Freiheitsanspruch wurde in bewegenden Appellen artikuliert – gegen die Fürsprecher des Systems von rund einem Dutzend Gegenrednern der Opposition.

          Was die Massivität des demonstrativen Protests außerhalb Berlins betrifft, kann man sich auf die Gründlichkeit der Observationen und die Genauigkeit der Aufzeichnungen durch das Ministerium für Staatssicherheit verlassen. Es zählte in der letzten Oktoberwoche 1989 in den größeren Städten der DDR 145 Demonstrationen mit 540.000 Teilnehmern. Den ideologisch verblendeten und für die gesellschaftliche Wirklichkeit blinden Spitzenfunktionären der Partei erschien die Entwicklung aber immer noch beherrschbar. Egon Krenz als Nachfolger Erich Honeckers und letzter Generalsekretär der SED versprach daher am 18. Oktober eine „Wende“ der Partei, mit der er das alte System zu retten versuchte – und zwar zeitlich wie sachlich vor einer Revolution. Das heißt: „Wende“ ist ein Wort, das der höchste Repräsentant der DDR in konterrevolutionärer Absicht erfunden hat. Es in Unkenntnis dieses Umstandes zu gebrauchen, ist gelinde gesagt unbedarft. Es trotz Kenntnis seines Urhebers zu verwenden, ist ein Affront gegenüber allen, die das Ende des alten Systems erzwungen haben und nicht zu den Anhängern von Egon Krenz gezählt werden wollen. Vor diesem historischen Hintergrund ist der AFD-Aufruf „Vollende die Wende“ an peinlicher Dummdreistigkeit nicht zu überbieten.

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