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Der Fall Jens Söring : Eine paradoxe Mischung aus Zynismus und Blauäugigkeit

  • -Aktualisiert am

Jens Söring während eines Interviews im Gefängnis, 9. März 2011. Bild: Picture-Alliance

Der 1990 in den Vereinigten Staaten wegen Doppelmordes verurteilte deutsche Staatsangehörige Jens Söring wird nach Deutschland überstellt. Viele halten ihn für ein Justizopfer. Zu Unrecht. Ein Gastbeitrag.

          19 Min.

          Jens Söring, ein deutscher Staatsbürger, sitzt seit 1990 im amerikanischen Bundesstaat Virginia im Gefängnis. Er wurde wegen zweifachen Mordes an den Eltern seiner ehemaligen Freundin Elizabeth Haysom verurteilt. Söring beteuert seine Unschuld und hat einen bescheidenen, aber energischen Freundeskreis in den USA, darunter der Schauspieler Martin Sheen und der Bestsellerautor John Grisham. Auch Sörings Freundeskreis in Deutschland ist einflussreich; sein Fall hat Christian Wulff und sogar Bundeskanzlerin Merkel beschäftigt. Bei jeder Anhörung vor der Gnadenkommission Virginias sprachen sich deutsche Diplomaten für eine Überstellung Sörings nach Deutschland aus. Und tatsächlich hat die Kommission nun entschieden, den 53 Jahre alten Söring nach Deutschland abzuschieben und mit einem Wiedereinreiseverbot in die Vereinigten Staaten zu belegen. Seine damals wegen Anstiftung zum Mord zu 90 Jahren Haft verurteilte Lebensgefährtin Elizabeth Haysom soll ebenfalls aus dem Gefängnis entlassen werden.

          Die Entscheidung wird von jenen, die Sörings Verurteilung für einen Justizskandal hielten, zweifellos als später Triumph und Sieg der Gerechtigkeit empfunden werden. Das ist sie auch, allerdings aus anderen Gründen, als seine Unterstützer glauben. Denn Jens Söring ist zweifelsfrei schuldig. An dieser Feststellung ändert auch die jetzige Entscheidung aus Virginia nichts; im Gegenteil stellen die Mitglieder der Gnadenkommission ausdrücklich fest, dass „die jahrelange, erschöpfende Untersuchung“ ergeben habe, dass „Sörings Behauptung seiner Unschuld keine Grundlage hat.“ Davon unabhängig sei die Freilassung von Söring und Haysom angesichts ihres „jugendlichen Alters bei der Tatbegehung, institutioneller Anpassungen und der Länge der verbüßten Haftstrafe“ angebracht. Beide hätten 33 Jahre für ihre „schrecklichen Verbrechen“ verbüßt und stellten heute keine Gefahr mehr für die öffentliche Sicherheit dar; ihre Entlassung und dauerhafte Ausweisung aus den Vereinigten Staaten sei zudem eine finanzielle Entlastung für die Steuerzahler Virginias.

          Diese Entscheidung ist richtig, denn die Strafe, die beide verbüßt haben, war sicherlich lang genug, um eine abschreckende Wirkung zu entfalten. Zugleich sollten Menschen, die keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit darstellen, irgendwann im Leben eine zweite Chance erhalten. Dies entspricht auch der Rechtslage in Deutschland, wo die durchschnittliche Verbüßungsdauer von zu lebenslanger Haft verurteilten Straftätern bei 18 Jahren liegt. Doch die Entscheidung sollte keinen Anlass bieten, den in deutschen Medien populären Mythos von Sörings Unschuld zu perpetuieren.

          Seinen Höhepunkt dürfte dieser Mythos mit dem 2016 veröffentlichten Dokumentarfilm Das Versprechen erreicht haben. Der Film von Karin Steinberger und Markus Vetter schildert den Fall aus Sörings Sicht und wird allgemein als Plädoyer für Sörings Unschuld wahrgenommen. Dass viele Deutsche an Sörings Unschuld glauben, liegt an einer beispiellosen Kampagne vieler deutscher Journalisten, die in ihrer Berichterstattung zu dem Fall jeden Ansatz von Neutralität über Bord geworfen haben. Überall sind Berichte zu lesen, die Sörings Version der Ereignisse ohne jede Skepsis wiedergeben. Das Ergebnis ist eine völlig verzerrte Wahrnehmung des Falls und eine ungerechtfertigte Verurteilung der angeblich voreingenommenen amerikanischen Strafjustiz – mit anderen Worten, eine journalistische Blamage. Wie ist es dazu gekommen? Um diese Frage beantworten zu können, muss man die Hintergründe des Falls verstehen. Glücklicherweise ist er alles anders als langweilig.

          I. Eine verrückte Liebe führt zum Doppelmord

          Jens Söring, 1966 in Bangkok als Sohn eines deutschen Diplomaten geboren, wuchs in verschiedenen Ländern auf. In den 80er-Jahren wurde sein Vater nach Washington, DC versetzt. Der hochintelligente Söring bekam ein Vollstipendium, das prestigeträchtige Jefferson Scholarship, für die University of Virginia in Charlottesville, Virginia. Dort lernte Söring im August 1984 die damals 20-jährige Elizabeth Haysom kennen, Tochter von Derek und Nancy Haysom, einem wohlhabenden Ehepaar, das in Boonsboro, Virginia lebte. Söring und Elizabeth Haysom waren bald bis über beide Ohren verliebt. Wenn sie nicht zusammen sein konnten, tauschten sie lange Briefe über Gott und die Welt aus, voller fulminanter, obszöner, mitunter bizarrer und befremdlicher Liebeserklärungen. Wer sich ein Bild von der Gedankenwelt dieses Paares machen will, wird im Internet fündig. Daraus wird klar, dass es sich bei den beiden nicht um gewöhnliche Heranwachsende gehandelt hat. Gewaltfantasien waren ein Schwerpunkt in Sörings Briefen an Elizabeth. Es scheint eine wahre folie à deux gewesen zu sein.

          Elizabeth Haysoms Eltern machten kein Hehl daraus, dass sie Söring für einen arroganten Kauz mit unsicheren Perspektiven hielten. Auch hegte Elizabeth Haysom starke Ressentiments gegen die eigenen Eltern, insbesondere ihre Mutter, die Elizabeth (wie diese schrieb) „verachtete“. Elizabeth erzählte Söring, ihre Mutter habe sie sexuell missbraucht, weshalb sie unter einer Persönlichkeitsstörung leide – die später auch medizinisch diagnostiziert wurde. Zusammen schmiedeten Jens und Elizabeth Pläne, die Haysoms umzubringen, wenn diese nicht aufhören würden, die Beziehung zu untergraben. Nach dem Mord könnten Söring und Haysom schließlich ungestört ihre Liebe ausleben und Elizabeth werde womöglich erben. Zunächst waren diese Pläne nur Fantasien, doch in der Treibhausatmosphäre dieser sonderbaren Beziehung nahmen sie zunehmend konkretere Gestalt an.

          Am 30. März 1985 war es soweit. Jens und Elizabeth, die in Charlottesville nahe der Universität wohnten, mieteten ein Auto, mit dem sie nach Washington, DC fuhren, um sich ein Alibi zu verschaffen. Dort buchte das Paar ein Hotelzimmer und kaufte Kinotickets, um das Alibi weiter zu festigen. Dann fuhr Jens zu den Haysoms, ungefähr 300 km weit. Die Haysoms waren verblüfft von dem Überraschungsbesuch, ließen Söring aber herein. Es folgte eine heftige verbale Auseinandersetzung und plötzlich flippte Söring aus, wie er später sagte. Unvermittelt griff er Derek und Elizabeth Haysom mit einem Messer an. Die Opfer erlitten dutzende Messerstiche, ihre Kehlen wurden durchgeschnitten. Insbesondere Derek Haysom leistete erbitterten Widerstand; dabei wurde auch Söring verwundet. Nach den Morden gab es überall Blut. Söring bemühte sich nun, die Spuren so gut wie möglich zu beseitigen. Er wusch sich im Badezimmer und wischte das überall auf dem Boden und den Möbeln verteilte Blut auf, um Fuß- und Fingerabdrücke möglichst zu entfernen und die eigenen Blutspuren zu verwischen. Beinahe alle Oberflächen, auf denen sich Fingerabdrücke hätten befinden können, wurden abgewischt. Auch zog er seine Schuhe aus, um keine blutigen Abdrücke zu hinterlassen. Ein späterer Luminol-Test zeigte, dass der Täter zunächst das Haus verlassen hatte, dann aber noch einmal zurückgekehrt war. Söring entsorgte die Tatwaffe und andere Gegenstände, die er berührt hatte, in einer Mülltonne. Sie wurden nie gefunden. Dann kehrte er nach Washington, DC – und zu Elizabeth – zurück.

          II. Die Ermittlung, die Flucht und die Verurteilung

          Die Spurenlage war dürftig: Ermittler fanden keine Tatwaffe, keine Fingerabdrücke, keine Augenzeugen. Die Ermittler befragten alle Familienmitglieder. Elizabeth Haysoms Verhalten während ihrer Befragungen fanden sie merkwürdig. Die Beamten stellten auch fest, dass der Kilometerstand von Haysoms und Sörings Mietwagen deutlich höher war, als er nach einer Fahrt von Charlottesville nach Washington hätte sein müssen. Die Differenz betrug beinahe exakt 600 Kilometer – also genau die Entfernung von Washington, DC bis Boonsboro und zurück. Haysom behauptete, sie und Söring hätten sich auf dem Weg nach Washington, DC verfahren, konnte aber nichts Genaueres über diese 600 Kilometer weite Irrfahrt sagen. Die Ermittler fanden das verdächtig, doch ein Haftbefehl wurde aufgrund der dürftigen Beweislage zunächst nicht erlassen. Es gab jedoch einen blutigen Sockenabdruck am Tatort sowie Blutspuren vom Typ 0 – die Blutgruppe Sörings. Nancy Haysom hatte die Blutgruppe Typ AB, ihr Vater Derek Haysom Typ A. Auch hatte Söring bei der Beerdigung der Haysoms sichtbare Verletzungen, die von dem gewaltigen Todeskampf mit den Opfern hätten stammen können. Deshalb forderten die Ermittler Elizabeth Haysom und Söring Mitte Oktober 1985 auf, Finger- und Fußabdrücke sowie Blutproben bei der Polizei abzugeben. Haysom kam der Anforderung nach, doch Söring spielte zunächst auf Zeit und floh dann überstürzt aus den USA – nicht ohne vorher die Fingerabdrücke in seiner Wohnung und seinem Auto abzuwischen und sein Bankkonto zu leeren. Sörings Flucht beendete sein kostenloses Studium. Haysom folgte ihm kurz darauf.

          Ihre Flucht machte die beiden sofort zu Hauptverdächtigen. Das Paar bummelte durch Asien und Europa und landete schließlich in London. Dort wendeten Söring und Haysom eine komplexe Scheckbetrug-Masche an, bei der sie schließlich erwischt wurden. Bei der Durchsuchung der gemeinschaftlichen Wohnung stießen die englischen Ermittler auf eine wahre Fundgrube: zahlreiche Briefe zwischen Elizabeth und Jens, außerdem ein Reisetagebuch mit Einträgen von beiden. In diesen Texten hatte sich das Paar zu einer Art modernen ‚Bonnie und Clyde‘ hochstilisiert. Die Briefe und das Tagebuch waren voller Verweise auf den geteilten Hass auf Haysoms Eltern, sowie verdeckter Anspielungen auf eine gewalttätige Auseinandersetzung und die daran anschließenden Ermittlungen. Ein Eintrag von Elizabeth im gemeinsamen Reisetagebuch lautet sogar: „Der Fall wird bald gelöst. Vielleicht haben die Fingerabdrücke, die Jens auf einem Kaffeebecher [bei der Polizei] hinterlassen hat, ihn verraten…“ Aufgrund dieses Fundes wurde Söring schon in London von einem englischen Beamten vernommen. Der Beamte fragte: „Sind Sie besorgt darüber, was Ihnen passieren wird?“ Söring antwortete: „Ja.“ „Warum denn?“, fragte der Beamte. „Weil ich zwei Menschen ermordet habe. Das wissen Sie doch, oder?“

          Um den Vernehmungen des Paars beizuwohnen, flogen Beamte aus Virginia nach London. In den folgenden Wochen wurde Jens Söring wiederholt zu dem Fall befragt. Mehrmals wurde er auf seine Rechte, inklusive seines Aussageverweigerungsrecht nach britischem und amerikanischem Recht, aufmerksam gemacht. Jedes Mal verzichtete Söring auf diese Rechte. Bei den Vernehmungen gestand er die Morde und schilderte den Tatablauf. Am 30. Dezember 1986 wurde Söring, in der Anwesenheit seines deutschen Rechtsanwalts, befragt. Eine englische Fassung von dieser Vernehmung wurde angefertigt, und ist im Internet abrufbar. Auch hier gestand Söring die Morde, obwohl seine Aussagen über die Tatwaffe und seinen Geisteszustand – wohl aus strategischen Gründen – ungenau waren. Der Staatsanwalt warf Söring vor, seine Antworten gezielt zu schleifen, um es schwer zu machen, ihm direkten Vorsatz nachzuweisen. Offenbar wollte Söring für eine spätere Verteidigung auf der Basis verminderter Schuldfähigkeit Vorarbeit leisten. Er gestand aber nicht nur gegenüber amerikanischen, britischen und deutschen Ermittlern, sondern auch gegenüber gleich zwei Psychiatern, Dr. John Hamilton und Dr. Henrietta Bullard, die von seinen Eltern bestellt wurden, um seine Verteidigung mit aufzubauen. Der komplette Bericht von Dr. Hamilton kann hier gelesen werden. In einer englischen Haftanstalt freundete sich Söring 1986 mit Mathias Schroeder an, dem einzigen anderen deutschen Gefangenen. In Gesprächen mit Schroeder gestand Söring abermals seine Schuld: „Du meinst, ob ich die Eltern meiner Freundin abgemurkst habe? Na klar doch!“

          Sörings Unterstützer meinen, die Geständnisse würden nicht mit den Beweisen vom Tatort übereinstimmen, weil Söring in einigen Geständnissen den Fundort einer der Leichen und die Kleidung von Nancy Haysom falsch wiedergibt. Doch die Geständnisse enthalten eben auch viel Täterwissen: Die Waschung im Badezimmer, das Ausziehen der Schuhe, die Reihenfolge der Angriffe und vieles mehr. Sörings Geständnisse lieferten auch erstmals eine Erklärung dafür, dass der Täter zunächst aus dem Haus und dann wieder hinein gegangen war: Als er das Haus verlassen hatte, bemerkte er, dass die Beleuchtung über dem Hauseingang noch brannte. Deshalb ging er zurück ins Haus, um das Licht auszuschalten. Der Schalter befand sich jedoch nicht, wie man erwarten würde, neben der Haustür, sondern in einem hinteren Schlafzimmer. Söring, der nur wenige Male in dem Haus gewesen war, wusste davon nichts und fand den Schalter nicht.

          Auch Elizabeth Haysom legte ein Geständnis ab: Gemeinsam mit Söring habe sie den Mord an ihren Eltern geplant; Söring habe dann die Morde ausgeführt. Elizabeth Haysom erhob keine Einwände gegen ihre Auslieferung nach Virginia; sie erhielt dort 1987 zwei Freiheitsstrafen von je 45 Jahren. Söring dagegen versuchte, die Auslieferung in die USA mit allen Mitteln zu verhindern. Der Fall landete beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der 1989 in Soering v. United Kingdom ein Grundsatzurteil fällte: Söring durfte nicht nach Virginia ausgeliefert werden, wenn ihm dort die Todesstrafe drohte. Virginia sicherte zähneknirschend zu, auf die Todesstrafe zu verzichten, und Söring wurde ausgeliefert. Seine Eltern bestellten zwei erfahrene Strafverteidiger aus Michigan bzw. Virginia. Nach lebhaften juristischen Gefechten wurden Teile der diversen Geständnisse Sörings als Beweismittel zugelassen. Die Jury erfuhr auch von den vielen verdächtigen Stellen in den Briefen und im Tagebuch. Elizabeth Haysom sagte gegen Söring aus und wurde Ziel eines energischen Kreuzverhörs durch Sörings Anwälte.

          Auch Söring selbst machte eine Aussage, denn er hatte praktisch keine andere Wahl: Nachdem die Jury von den Unmengen an Belastungsmaterial und seinen vielen Geständnissen erfahren hatte, musste er irgendwie versuchen, die Geschworenen umzustimmen. Zu diesem Zweck änderte er seine Erzählung drastisch: Elizabeth, nicht er, habe ihre Eltern umgebracht, während Söring in Washington, DC gewartet habe. Er habe die Morde später nur gestanden, um Elizabeth vor einer möglichen Todesstrafe zu bewahren. Er habe gedacht, dass er möglicherweise eine Art „subsidiäre“ diplomatische Immunität genießen würde, weil sein Vater ja Diplomat war. Vielleicht, so habe er gehofft, könne er mithilfe seiner Verbindungen erreichen, dass sein Prozess in Deutschland abgehalten werde. Dort würde ihn als Heranwachsenden eine Jugendstrafe von ca. fünf bis zehn Jahren erwarten. Nach dieser Jugendstrafe könnten die beiden ihre Liebesgeschichte fortführen.

          Die Strategie ging erwartungsgemäß nach hinten los. Söring wurde Opfer eines der wohl fulminantesten Kreuzverhöre in der Justizgeschichte Virginias. Am Ende lag seine Glaubwürdigkeit in Trümmern und er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. In den nächsten Jahren legte Söring Rechtsmittel bei den Gerichten Virginias und den zuständigen Bundesgerichten ein. Seine Revisionsgründe: Der Richter sei befangen gewesen; seine Verteidiger hätten ihn im Prozess fehlerhaft verteidigt; seine Geständnisse seien unter verfassungswidrigen Umständen zustande gekommen. Diese und viele weitere Behauptungen wurden überprüft – oft von mehreren Instanzen – und ausnahmslos und einstimmig von sämtlichen Revisionsrichtern abgelehnt.

          III. Der Unschuldsmythos nimmt Gestalt an

          Sörings Schuld ist also eindeutig bewiesen und von etlichen Gerichten überprüft und bestätigt worden. Wie kommt es nun dazu, dass Tausende, wenn nicht Millionen Menschen in Deutschland dennoch an seine Unschuld glauben? In erster Linie aufgrund einseitiger Berichterstattung. Beim Fall Söring legen die meisten deutschen Journalisten eine paradoxe Mischung aus Zynismus und Gutgläubigkeit an den Tag: Zynismus gegenüber der amerikanischen Justiz, Gutgläubigkeit gegenüber den teilweise absurden Erzählungen und Ausreden Jens Sörings und seiner Unterstützer. Beweise, die Söring belasten, werden schlicht ausgeblendet, während kleine Prozessfehler, die in jedem komplexen Strafverfahren vorkommen – und längst für unerheblich befunden wurden –, immer wieder aus der Mottenkiste geholt werden. Offene Fragen von geringer Bedeutung werden zu katastrophalen Lücken in der Beweislage hochstilisiert.

          Paradebeispiel für diese Art von Berichterstattung ist zweifelsohne der 2016 erschienene Dokumentarfilm Das Versprechen – Erste Liebe Lebenslänglich von Karin Steinberger und Marcus Vetter. Schwerpunkt des Films ist ein langes Interview mit Söring, das in einem Konferenzraum des Gefängnisses auf Deutsch geführt wurde. Natürlich gibt Söring seine Sicht der Lage mit Gusto wieder, ihm wird keine einzige kritische Frage gestellt. Interviewausschnitte werden mit einer äußerst selektiven Rekonstruktion des Falls vermischt. Wie Zuschauerreaktionen zeigen, wirkt der Film überzeugend – aber nur, weil kritische Zusammenhänge ignoriert werden. Nehmen wir einige der wichtigsten Thesen des Films, der stellvertretend für die Argumentation vieler Söring-Unterstützer stehen kann, unter die Lupe: 

          Heruntergespielte Geständnisse

          Sörings Anhänger wünschen sich sehnlichst, dass es diese nicht gäbe, also werden sie heruntergespielt: Söring habe seine Geständnisse „widerrufen“ – als würde es sich um einen Kaufvertrag handeln. Zudem habe Söring erklärt, warum er angeblich falsch gestanden habe: nämlich, um Elizabeth zu schonen. Doch Söring war ein hochintelligenter, welterfahrener Diplomatensohn. Diplomaten genießen zwar sehr begrenzt Immunität, aber Söring kann unmöglich geglaubt haben, dass er eine Art Immunität genießen würde, die ihn vor den rechtlichen Folgen eines brutalen Doppelmordes bewahren würde. Söring will geglaubt haben, dass er irgendwie nach Deutschland überstellt werden könnte. Warum aber würde Virginia die Zuständigkeit für die Verfolgung eines in Virginia verübten Doppelmordes abgeben? Würde ein deutsches Gericht dies tun? Und selbst wenn Söring tatsächlich daran geglaubt hätte, dass er bestenfalls nur fünf Jahre in Deutschland absitzen würde, enthält diese Logik einen weiteren Fehler: Diese Vorstellung wäre nicht nur ein Motiv für Söring, die Schuld galant zu übernehmen, sondern auch dafür, die Morde tatsächlich begangen zu haben.

          Die „Ich habe es für Elizabeth getan“-Erklärung ist also eine dürftige Notlösung, die keinen unvoreingenommenen Beobachter überzeugen kann. Vermutlich deshalb verweisen Sörings Anhänger auch auf das Phänomen der falschen Geständnisse. Dieses Phänomen existiert durchaus. Aber falsche Geständnisse werden in der Regel von Menschen mit psychischen Störungen oder verminderter Intelligenz abgelegt, fast immer aufgrund von Angst vor Dritten, durch Druck, Missbrauch oder Überlistung durch Beamte. Das alles trifft auf Söring keineswegs zu: Er ist intelligent, hat alle rechtstaatlichen Warnungen erhalten, wurde niemals bedroht oder missbraucht und gestand nachweislich aus freien Stücken. Die Entstehungsgeschichte dieser Geständnisse wurde sorgfältig von mehreren Gerichten überprüft und für verfassungskonform befunden. Auch stimmten die Geständnisse weitestgehend mit den Tatumständen überein, waren also ausreichend untermauert. Keiner der zahlreichen Richter, die über Sörings vielfältige Anträge geurteilt haben, äußerte je Zweifel an diesen Tatsachen.

          Angebliche Befangenheit und mangelhafte Verteidigung

          Sörings Unterstützer verweisen auch gerne auf die oben erwähnten vermeintlichen Prozessfehler. In Das Versprechen erfahren wir, dass Sörings Richter einen Verwandten von Nancy Haysom kannte. Das stimmt zwar, aber schon 1991 durchsuchte der Virginia Court of Appeals das Verfahrensprotokoll und konnte keine Anzeichen von „Befangenheit, Vorurteilen oder einen Eindruck von Fehlverhalten“ finden. Alle späteren Gerichte waren einstimmig derselben Meinung: Die Bekanntschaft des Richters mit dem Verwandten der Opfer hatte auf die Verfahrensführung keine Auswirkungen. Diese sorgfältige richterliche Nachprüfung bleibt im Film unerwähnt.

          Auch wird im Film darauf aufmerksam gemacht, dass einer von Sörings privat bestellten Anwälten, Richard Neaton, nicht aus Virginia kam und sich möglicherweise nicht mit den besonderen Verfahrensregeln in Virginia auskannte. Was der Film verbirgt, ist, dass Söring von zwei Anwälten vertreten wurde: Der andere, William Cleaveland, war zur Zeit des Prozesses ein in Virginia zugelassener Rechtsanwalt und ehemaliger Staatsanwalt. Jahre nach Sörings Prozess ging es bergab mit Neaton – ihm wurde schließlich wegen Untreue seine Zulassung entzogen. In seinem Disziplinarverfahren behauptete Neaton, er hätte Suchtprobleme. Auch das stimmt, aber die Leistung von Sörings Anwälten wurde ebenso schon vor Jahrzehnten von verschiedenen Revisionsrichtern sorgfältig geprüft und für ausreichend befunden. Übrigens kann das Verhalten sowohl der Richter als auch der Strafverteidiger leicht nachgeprüft werden, da der gesamte Prozess gefilmt und ausgestrahlt wurde – quasi das Nonplusultra in Sachen Transparenz.

          Der Sockenabdruck

          Ein weiteres der zahllosen Ablenkungsmanöver ist der berühmte Sockenabdruck, der am Tatort gefunden wurde. In Das Versprechen wird die Aussagekraft dieses blutigen Sockenabdrucks infrage gestellt. Die Filmemacher verschweigen jedoch abermals wichtige Teile des Zusammenhangs: Während des Prozesses beantragte der Staatsanwalt, einen FBI-Gutachter als Experten für die Analyse von Fußabdrücken zuzulassen. Der Richter lehnte richtigerweise ab, da der Gutachter nicht auf den Vergleich von Fußabdrücken spezialisiert war. Der Gutachter durfte dementsprechend lediglich behaupten, der Abdruck wäre mit Sörings Fuß vergleichbar („consistent“). Was durchaus richtig ist, wie man im Internet leicht nachprüfen kann. Und genauso wurde der Sockenabdruck in den Schlussplädoyers behandelt: Der Staatsanwalt stellte fest, der Sockenabdruck sei „consistent“ mit Sörings Fuß. Der Verteidiger befand, der Sockenabdruck könne von tausenden anderen Menschen hinterlassen worden sein. Beide Aussagen sind wahr. Die Jury wurde also keineswegs in die Irre geführt.

          Die vermeintlichen Tatbeteiligten

          Neben Sörings Geständnissen und den vielen Gerichtsentscheidungen, die seine Revisionsgründe allesamt ablehnen, haben Sörings Unterstützer ein noch tiefgreifenderes Problem: Wenn nicht Söring, wer sonst soll die Haysoms umgebracht haben? Dass die zierliche Elizabeth allein die eigenen Eltern brutal abgeschlachtet hat, ist kaum vorstellbar, aber genau das behauptete Söring in seinem 1995 erschienen Buch: „Derek und Nancy Haysom starben durch die Hände ihrer eigenen Tochter.“ Kurze Zeit später ließen Söring und seine Freunde diese ziemlich haarsträubende Idee fallen und machten sich auf die krampfhafte Suche nach unbekannten Tatbeteiligten. Scheinbar mit Erfolg: In den 1990ern fand das Söring-Team heraus, dass zwei Landstreicher in demselben Zeitraum (Frühjahr 1985) unweit der Haysoms einen Mord begangen hatten. Sörings Anwälte behaupteten also, die beiden müssten aus welchem Grund auch immer auch die Haysoms ermordet haben (ohne dabei jedoch Alkohol oder Wertgegenstände zu entwenden). Es bestand zwar keinerlei Verbindung zwischen Elizabeth und den Landstreichern, aber vielleicht hätte sie die beiden irgendwie überzeugen können, zwei wildfremde Menschen zu ermorden. Das zuständige Bundesgericht wurde mit dieser Theorie konfrontiert und schmetterte sie im Jahr 2000 ab: Es gebe einerseits überhaupt keine Indizien für eine Beteiligung dieser Männer,  andererseits aber „überwältigende Beweise, dass Söring allein die Morde begangen hat“.

          Der erste Versuch, Mordkomplizen herbeizuzaubern, scheiterte also. Die Macher von Das Versprechen haben sich erneut auf die Suche nach Komplizen begeben. Der Film suggeriert, dass ein vermeintlicher Drogendealer namens „Jim Farmer“ Elizabeth geholfen habe, ihre Eltern zu töten, womöglich zusammen mit einem weiteren mutmaßlichen Bekannten, Ned B., der nicht weiter identifiziert wurde. Der Film liefert nicht den geringsten Beweis für diese Hypothese. Auch hinterfragen die Filmemacher nicht, warum ein Drogendealer einer Kundin helfen sollte, zwei ihm völlig fremde Menschen grausam zu ermorden, zumal in einem Bundestaat, der weltweit für seinen Eifer in Sachen Todesstrafe berüchtigt ist.

          Der Film präsentiert noch einen weiteren Zeugen: Tony Buchanan. Buchanan betrieb einst eine KFZ-Werkstatt in Virginia. 2011 – also 26 Jahre nach der Tat – erinnerte er sich plötzlich, dass eine junge Frau, die Elizabeth Haysom ähnelte, im Sommer 1985 ein Auto in die Werkstatt gebracht haben soll. Dabei sei sie von einem jungen Mann begleitet worden, der laut Buchanan definitiv nicht Söring gewesen sei. Das Auto sei innen blutverschmiert gewesen, und es habe sich ein Messer darin befunden. Wir sehen im Film, wie Buchanan auf die unscharfe Kopie irgendeines nicht näher identifizierten Fotos zeigt und meint, das sei möglicherweise der Mann, der ihn vor 26 Jahren zusammen mit Elizabeth besucht habe. Wieder kommen unwillkürlich Fragen auf: Warum hat Buchanan 26 Jahre damit gewartet, seine Geschichte zu erzählen? Warum würde Elizabeth ein blutverschmiertes Auto monatelang irgendwo (wo?) stehen lassen und dann einem völlig Fremden übergeben – ein Auto voller Beweismaterial, das sie eines Doppelmordes überführen könnte?

          Das Versprechen versucht nicht einmal, diese Fragen zu stellen, geschweige denn sie zu beantworten. Aber das Internet liefert noch viele aufschlussreiche Informationen über Buchanan. So schrieb Nathan Heller 2015 für die Zeitschrift New Yorker einen langen Artikel über den Fall Söring (der übrigens ungleich neutraler ist als der Film), nachdem er Tony Buchanan persönlich besucht hatte. Dessen erste Reaktion? Er richtete eine Pistole auf den Reporter und sagte: „Das tue ich, weil ich nicht sicher sein kann, wer Sie eigentlich sind.“ Später starrte Buchanan Heller an und meinte, dass der junge Mann, der ihn vor 26 Jahren zusammen mit Elizabeth Haysom besucht hatte, „wie Sie [d.h. Heller] aussah“. Man fühlt sich an eine alte Binsenweisheit von Kommissaren erinnert: Berühmte Kriminalfälle ziehen immer geltungssüchtige Menschen an, wie eine Kerze die Motten.

          Die DNA-Analyse

          DNA-Vergleiche sind kompliziert, aber dasselbe Grundprinzip wenden wir jedes Mal an, wenn wir Passwörter auswählen: Wenn zwei Personen unabhängig voneinander z.B. jeweils acht Buchstaben aus einem Alphabet von 26 Buchstaben absolut willkürlich zusammenstellen, ist die Wahrscheinlichkeit 1 zu 26^8 (oder 208.827.064.576), dass die beiden Buchstabenreihen übereinstimmen. DNA-Vergleiche funktionieren im Prinzip genauso – deshalb kann die Wahrscheinlichkeit einer Fehlidentifizierung bei DNA-Analysen 1 zu 100 Milliarden betragen, obwohl es derzeit nur ca. 7,5 Milliarden Menschen auf der Erde gibt.

          Als die Haysoms ermordet wurden, gab es noch keine zuverlässigen DNA-Analysen, sondern nur Blutgruppentypisierung. In den 2000ern begann der Bundesstaat Virginia, DNA-Spuren in alten Fällen zu überprüfen, um mögliche Fehlurteile aufzudecken. Im Rahmen dieser Initiative (nicht auf einen Antrag Sörings hin) wurde 2009 eine DNA-Analyse im Haysom-Fall durchgeführt. 85% der erhaltenen Blutspuren waren zerfallen oder kontaminiert und lieferten daher keine brauchbaren Ergebnisse. Keine der nutzbaren Blutspuren konnte anhand der DNA Jens Söring zugeordnet werden, was Sörings Anhänger richtigerweise als einen winzigen Etappensieg feierten. Auch waren die DNA-Profile unvollständig. Es gab allerdings genug Informationen, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass sämtliche männliche DNA aus den verschiedenen Blutspuren übereinstimmte und deshalb wahrscheinlich von einem einzigen Mann stammte – und zwar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Derek Haysom. (Im Gegensatz zu Bluttypisierung kann das Geschlecht eines Blutspenders mittels DNA-Analyse in der Regel bestimmt werden).

          Ein von Söring bestellte Sachverständiger führte schließlich 2016 eine Korrelierung der Ergebnisse der Blutgruppentypisierung von 1985 und der DNA-Analyse von 2009 durch. Dabei stellte sich heraus, dass es Blutspuren vom Typ 0 (Sörings Blutgruppe) gab, die zwar männliche, aber nicht Sörings DNA enthielten, und vom Typ AB, was zwar Nancy Haysoms Blutgruppe ist, allerdings mit männlicher DNA. Daraus schloss der Sachverständige, dass gleich zwei männliche Täter am Tatort Blut hinterlassen hätten, die beide nicht Söring gewesen seien: einer mit Typ 0 und ein anderer mit Typ AB. Klingt auf den ersten Blick überzeugend. Es gibt allerdings einen Haken: Alle männlichen DNA-Fragmente – egal welcher Blutgruppe – wiesen ein übereinstimmendes, konsistentes DNA-Teilprofil auf.

          Das heißt, wenn zwei fremde Männer am Tatort Blut hinterlassen hätten, müssten beide – durch reinen Zufall – ein vollkommen zueinander passendes DNA-Teilprofil haben und dieses Profil müsste – wieder durch reinen Zufall – ebenfalls zum DNA-Teilprofil von Derek Haysom passen. Die Wahrscheinlichkeit einer derartigen Übereinstimmung bei drei nicht verwandten Menschen kann nicht mit letzter Sicherheit kalkuliert werden, ist aber – wie eine ausführliche Analyse im Internet zeigt – verschwindend gering; mindestens eins zu mehreren Millionen, wenn nicht Milliarden. Deshalb urteilten zwei unabhängige Experten, die Juristin Betty Layne Desportes (ehemalige Präsidenten der American Academy of Forensic Sciences) und Prof. Dan Krane, dass die Ergebnisse keinesfalls die Anwesenheit unbekannter Männer am Tatort beweisen. Eine alternative Erklärung wäre ein Fehler bei der Dokumentation der Blutgruppenbestimmung. Eine andere wäre Kontaminierung: Das Blut stammte in der Tat von Söring (Typ 0) und Nancy Haysom (Typ AB), aber die noch analysierbaren DNA-Fragmente im Blut stammten aus den Hautzellen, dem Speichel oder sonstigen Körperflüssigkeiten von Derek Haysom. Wir werden nie wissen, welche Erklärung richtig ist – aber wir wissen durchaus, dass beide weitaus wahrscheinlicher sind als Sörings Theorie von drei nicht verwandten Menschen mit teilweise übereinstimmender DNA.

          Die verzerrte und einseitige Schilderung der DNA-Lage ist wahrscheinlich das folgenreichste Problem mit dem Film, weil sie den Eindruck entstehen lässt, dass der Bundesstaat Virginia vorsätzlich und wohlwissend einen unschuldigen Mann im Gefängnis verrotten lässt. Das wäre in der Tat infam. Aber es ist eben einfach nicht der Fall. Hätte die DNA wirklich die Unschuld Sörings bewiesen, hätte Virginia ihn längst freigelassen, wie in dutzenden anderen Fällen bereits geschehen. Der Film verbreitet also eine schwerwiegende Diffamierung der Justiz des Bundesstaates Virginia.

          Haltungsjournalismus

          Söring ist sicher selbst längst von der eigenen Unschuld überzeugt, ein sehr häufiges Phänomen sowohl innerhalb als auch außerhalb von Gefängnissen: Der Mensch kann nur ein bestimmtes Maß an kognitiver Dissonanz ertragen. Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend, dass Söring laut Nathan Heller in einem persönlichen Interview „außer sich geriet“ (distraught), sobald seine „genehmigten Informationsquellen“ (approved library of information) kritisch hinterfragt wurden. Söring und seine Anhänger haben tausende Dokumente geprüft und sind auf unzählige vermeintliche Ungereimtheiten und Diskrepanzen gestoßen. Wenn man einen sehr komplexen Sachverhalt kritisch untersucht, mit der alleinigen Absicht, Unstimmigkeiten und offene Fragen zu entdecken, wird man immer fündig. In der deutschen Berichterstattung über den Fall wird dies mit dem Modell des deutschen Haltungsjournalismus vermengt: Am Anfang steht die Entscheidung, wer der ungerecht behandelte Underdog (Söring) und wer der Bösewicht (Virginia) ist. Dann wird alles, was der Underdog sagt, für bare Münze genommen und gleichzeitig alles getan, um den Bösewicht zu diskreditieren. Alle Fakten, die den Underdog in einem schlechten Licht dastehen lassen, werden konsequent ausgeblendet, um das ideologisch bestimmte Muster nicht zu konterkarieren.

          Die Macher von Das Versprechen und ihre Gesinnungsgenossen beharren darauf, dass der Fall Söring fatale Schwächen der amerikanischen Justiz entlarvt. Mitnichten: Söring hatte einen rechtstaatlichen Prozess, der inzwischen von zahlreichen Richtern sorgfältig geprüft wurde. Bei der Beweislage wäre Söring zweifelsohne auch in Deutschland für schuldig befunden worden. Übrigens gibt es auch in Deutschland tausende Strafgefangene, die ihre Unschuld nach wie vor beteuern und längst vergessene Revisionsgründe und Sachrügen reklamieren. Das bedeutet noch lange nicht, dass die deutsche Strafjustiz systemisch ungerecht ist. Es gibt Reformbedarf, sowohl in den USA als auch in Deutschland, doch der Fall Jens Söring ist mit Sicherheit kein Beispiel dafür.

          Andrew Hammel war von 1996 bis 2005 als Verteidiger für Strafgefangene im Todestrakt texanischer Gefängnisse tätig. Heute lebt und arbeitet er in Deutschland als Schriftsteller und Übersetzer.

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