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Beschluss im Bundestag : Adoption als Unrecht

Der Bundestag hat am Freitag beschlossen, Zwangsadoptionen als Form politischer Repression näher zu untersuchen; dabei geht es um solche in der ...

          Der Bundestag hat am Freitag beschlossen, Zwangsadoptionen als Form politischer Repression näher zu untersuchen; dabei geht es um solche in der Sowjetischen Besatzungszone und später der DDR. Eltern sollten damit beispielsweise für „Republikflucht“ bestraft werden. Das Thema ist so wichtig wie schwierig. Sieben Fälle von Zwangsadoptionen sind heute bekannt. Tatsächlich dürften es aber mehrere hundert gewesen sein, in einem ersten Überblick ist von 340 die Rede. Klar ist, dass Zwangsadoptionen nicht systematisch angeordnet wurden, um politisch Missliebige zu unterdrücken. Dann gäbe es Akten. Das Ganze passierte in einer Grauzone, in „systematisches Unrecht ermöglichenden Gelegenheitsstrukturen“. Es ist heute schwer zu klären, wo Adoptionen tatsächlich dem Kindeswohl dienten und wo es ganz andere Motive gab. Gerade deshalb ist es so schwer herauszufinden, welche Adoption eine Zwangsadoption aus politischen Gründen war. Oder wo politische Gründe eine Rolle spielten.

          Die Aktenlage ist dünn, auch verbietet der Datenschutz intensivere Nachforschungen. Und wer von den damals womöglich beteiligten Ärzten, Krankenschwestern, Polizisten, Leuten der Staatssicherheit, den Jugendämtern, Lehrern, Richtern kann und will heute noch etwas dazu sagen? Dennoch lohnt es sich, jedem Fall nachzugehen. Es gehört zu den schrecklichsten Leiderfahrungen, Familienmitglieder zu verlieren, ganz besonders, wenn es unter ungeklärten Umständen geschieht. Vielleicht starb das Baby gar nicht den plötzlichen Kindstod, wie behauptet, sondern wurde an eine andere Familie gegeben?

          Schon länger war jedenfalls klar, dass auch dieses Kapitel zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts gehört und dass es noch so gut wie unerforscht ist. Vorletztes Jahr gab die damalige Ostbeauftragte der Bundesregierung eine sogenannte Vorstudie in Auftrag, die zeigen sollte, ob es überhaupt noch eine Chance gibt, diese Grauzone auszuleuchten. Die Studie kommt zu der Ansicht: Ja, da kann man noch etwas tun, aber es muss schnell gehen.

          Die Bundesregierung hat inzwischen die eigentliche Studie in Auftrag gegeben. Der Bundestag fordert, dass für die Betroffenen von Zwangsadoptionen eine zentrale Vermittlungsstelle beim Bund aufgebaut wird. Es soll eine „datenschutzkonforme DNA-Datenbank“ geben, um strittige Fälle zu klären. Auf einem Internetportal sollen die Geburtsdetails vermisster Kinder veröffentlicht werden. Sowohl Eltern als auch adoptierte Kinder bekommen dort die Möglichkeit, sich eintragen zu lassen.

          Das Unrecht in der DDR gegen politisch Missliebige oder Unangepasste hatte viele Gesichter, oftmals auch undurchschaubare. Noch immer fehlt etwa eine systematische Untersuchung, wie und bei wem die sogenannte „Zersetzung“ als Methode der Staatssicherheit angewandt wurde. Auch das ist im Einzelfall naturgemäß schwer zu klären: Was war tatsächlich Schicksal, was hatte die Stasi inszeniert? Wer bis heute mit solchen Zweifeln leben muss, kann nicht zur Ruhe kommen. Lange hat es auch gebraucht, bis die Bundesrepublik sich des Schicksals der Heimkinder in der DDR annahm – ein dunkles Kapitel für sich. Da zeigte sich, dass es viel mehr Opfer gegeben hat als zunächst vermutet. Wer überhaupt hätte gedacht, dass dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer Details bekanntwerden, die zeigen, dass die DDR vor allem eines war: ein Unrechtsstaat.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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